Freitag, 29. Mai 2026 – Kaum wird es nachts ein wenig kühler, passiert hier etwas Bemerkenswertes: Sie werden tatsächlich erst vom Wecker aus dem Schlaf gerissen.
Der alte Mann bewegt sich danach eine Zeit lang wie ein alter Bulldog, der noch nicht ganz rund läuft. Die Augen halb offen, die Laune ausbaufähig und die Begeisterung für körperliche Aktivität zu dieser Uhrzeit eher theoretischer Natur.
Frauchen entschied sich heute Morgen für die strategische Variante und blieb einfach liegen. Also gingen nur der alte Mann und ich los. Ich hochmotiviert, der alte Mann … na ja.
Rückblickend muss man sagen, dass Frauchen die Lage korrekt eingeschätzt hatte. Bei seiner Laune war es vermutlich sinnvoll, die Zahl der beteiligten Menschen zunächst möglichst klein zu halten. Aber natürlich hatte ich recht, ihn aus dem Haus zu treiben. Mit jedem Schritt wurde er etwas dynamischer und einen Hauch weniger grimmig. Die Schultern lockerten sich, der Blick wurde wacher und irgendwann begann er sogar, mit seiner Umwelt zu interagieren, anstatt sie nur missmutig zur Kenntnis zu nehmen.
Ich hatte ja vor ein paar Tagen von der Leinenregel während der Brut- und Setzzeit gesprochen. So beeindruckend unsere Fuchsbegegnung gestern auch war – ich blieb natürlich an der Leine. Ich dachte mir: Gut, am Bromberwäldchen sind wir schnell vorbei. Danach nehmen wir noch die kleine Steigung, diskutieren nicht über kurze oder lange Runden und ich kann an der Schleppleine schon mal ein paar Alarmstarts üben. Man muss schließlich jederzeit einsatzbereit sein. Der alte Mann nennt das „Impulskontrolle“. Ich nenne es Bereitschaftsdienst. Der Unterschied besteht hauptsächlich darin, wer die Situation korrekt beurteilt.
Dann kamen wir an die großen gemähten Wiesen. Normalerweise ist das der Moment, in dem der alte Mann die Leine abnimmt. Viel zu übersehen gibt es dort nicht und die Übersicht ist hervorragend. Heute passierte allerdings nichts. Zumindest nichts in Richtung Leinenkarabiner. Der alte Mann marschierte einfach weiter. Dann roch ich sie.
Die Spur.
Sie führte zurück zum Bromberwäldchen, genauer gesagt zu dessen Rückseite am Ende der Wiese. Ich hob den Kopf, prüfte den Wind noch einmal und musste mir eingestehen, dass das eine ausgesprochen interessante Information war. Um ganz ehrlich zu sein: In genau diesem Augenblick hätte ich auch nicht meine Pfote für mich ins Feuer gelegt. Vielleicht war der alte Mann also doch wacher, als er aussah.
Der Weg führte hinter dem ersten Getreidefeld entlang.
Und nur so am Rande erwähnt: Ich lief akkurat auf dem Weg. Kein Ziehen. Kein Diskutieren. Kein kreatives Auslegen der Wegbegrenzung. Vorbildlich würde ich sagen. Offenbar überzeugte das sogar den alten Mann, denn plötzlich machte er Anstalten, endlich den Karabiner zu lösen. Seine Hand ging bereits zur Leine, aber dann fror er mitten in der Bewegung ein. Er stand einen Moment da, schaute über das Feld, schaute zum Waldrand und ließ den Karabiner genau dort, wo er war.
An meiner Leine.
Dann setzte er sich wieder in Bewegung, ich immer noch angeleint. Etwa fünfzig Meter später kamen wir an eine Abzweigung. Und da lief sie quer über den Weg.
Eine neue Spur, frisch. Keine zwei Minuten alt, würde ich schätzen. Mit dem Riechen hat es der alte Mann ja bekanntlich nicht so. Dafür muss man ihm lassen, dass er gucken kann.
Dann geschah etwas, das ich an ihm wirklich schätze. Keine lange Belehrung. Kein „Wir gehen jetzt erst noch in die andere Richtung.“ Kein „Du gehst dem Fuchs aber nicht nach.“ Kein Vortrag über Vernunft, Verantwortung oder ähnliche menschliche Konzepte.
Er zeigte einfach nach rechts. „Da lang.“ Dann löste er den Karabiner.
Richtung, Karabiner, Los. … Mehr war nicht nötig. Ich war unterwegs, bevor der Karabiner den Boden berührte. Natürlich nach rechts, genau wie angezeigt. Der alte Mann weiß ziemlich genau, dass ich keinem Reh, keinem Hasen, keinem Fuchs und auch sonst keinem Waldbewohner etwas tun würde.
Kontrollieren?
Natürlich.
Zurechtweisen?
Gegebenenfalls, notfalls lautstark.
Ihnen deutlich machen, wer hier gerade mit hoher Geschwindigkeit durch den Wald unterwegs ist?
Selbstverständlich.
Aber das ist etwas anderes. Für Menschen scheint jedes Tier automatisch Beute zu sein. Vielleicht liegt das daran, dass sie die Welt gern in Jäger und Gejagte einteilen. Bei uns ist das komplizierter.
Vier Beine sind erst einmal vier Beine.
Ob Fuchs, Reh, Hase oder Hund – wir gehören nicht zusammen, aber irgendwie zur gleichen Welt. Nicht immer zur vernünftigsten Welt. Und ganz sicher nicht zur bestorganisierten. Manche müssen dringend lernen, dass man nicht plötzlich aus dem Gebüsch schießt und dabei einen halben Wald erschreckt. Aber das gilt vermutlich für alle Seiten.
Und genau deshalb konnte der alte Mann an der Abzweigung einfach nach rechts zeigen, den Karabiner lösen und mir vertrauen.
Der Fuchs war interessant. Die Richtung des alten Mannes war wichtiger.
Der Rest des Weges verlief dann eher unspektakulär. Scheinbar gibt es nicht viele Menschen, die die Regel mit der Sonne und dem Berg beherzigen. Dabei ist sie denkbar einfach: Wenn die Sonne morgens noch nicht über dem Berg steht, gehört der Wald den Vernünftigen. Also mir. Entsprechend begegneten wir kaum jemandem. Keine Wandergruppen, keine E-Bikes, keine Menschen, die schon aus hundert Metern Entfernung erklären, was ihr Hund normalerweise macht. Nur Wald, Vogelstimmen und ein alter Mann, der inzwischen vollständig im Lebensmodus angekommen war.
Der weitere Vormittag verlief dann weitgehend ereignislos im Kellerarbeitszimmer des alten Mannes, was langweiliger klingt, als es tatsächlich war. Während er auf Bildschirme starrte und gelegentlich bedeutungsvoll auf Tasten drückte, machte ich nämlich eine interessante Entdeckung. Von meinem Platz aus konnte ich direkt das Katzenklo überwachen. Mir war sofort klar, dass es sich dabei um einen strategisch wichtigen Punkt im Haus handeln musste.
Die schwarze Katze sah das allerdings anders. Als sie bemerkte, dass ich den Bereich beobachtete, blieb sie kurz stehen und kommentierte die Situation mit einem missmutigen Grollen. Ich erwiderte den Blick höflich, sie grummelte noch einmal und ich beobachtete weiter.
Damit waren die Fronten geklärt.
Manchmal besteht erfolgreiche Kommunikation darin, dass beide Seiten exakt verstanden haben, was die andere meint, und sich trotzdem nicht einigen.
Anschließend folgte ein ausgiebiger Mittagsschlaf sämtlicher Lebewesen im Haus. Danach hatte Frauchen eine geniale Idee. Zumindest hielt ich sie für genial. Als es am Abend langsam kühler wurde, schlug sie vor, noch eine Runde zur Burg zu unternehmen. Ich war selbstverständlich sofort dafür. Der alte Mann zeigte die übliche Begeisterung eines Menschen, der kurz zuvor noch sehr zufrieden auf dem Sofa gelegen hatte.
Aber Mehrheiten sind Mehrheiten.
Kurze Zeit später wurde der Beschluss umgesetzt. Frauchen, ich und mit leichter Verzögerung auch der alte Mann fuhren zum Parkplatz am Burgwald. Der heißt Schelmenwasen. Was ein Schelmenwasen ist, weiß ich bis heute nicht. Vermutlich etwas Menschliches. Für mich ist das einfach der Parkplatz, von dem aus die interessanten Wege beginnen.
Heute ging es allerdings nicht links zu den bekannten Waldwegen, sondern hinauf Richtung Burg. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Man kann durch die Weinberge laufen. Das war mir aber noch deutlich zu warm. Man kann einen der breiten Wege nehmen, die sich langsam den Berg hinaufwinden und auf denen regelmäßig Besuchergruppen, Radfahrer und andere Erscheinungsformen menschlicher Freizeitgestaltung unterwegs sind. Das war ebenfalls nicht unsere Wahl.
Es gibt nämlich noch die anderen Wege. Die versteckteren. Die direkteren. Die, die sich in kleinen Kurven durch den Wald ziehen und dabei erstaunlich wenig Interesse an Bequemlichkeit zeigen. Mal Steine, dann wieder weicher Waldboden. Eine Freude für die Pfoten und schmal genug, dass man nicht am Wald entlangläuft, sondern mittendrin ist.
Genau dort gingen wir hin.
Eine echte Herausforderung für einen Entlebucher. Überall interessante Gerüche, Geräusche und Dinge, die dringend kontrolliert werden sollten. Gleichzeitig musste ich natürlich darauf achten, dass der Rest der Gruppe zusammenblieb. Wir schafften es aber erstaunlich geordnet bis nach oben.
Die Burg selbst hatten wir weitgehend ausgeklammert. Für Menschen mag sie interessant sein. Für mich besteht sie hauptsächlich aus alten Steinen, Aussicht und einer enttäuschend geringen Anzahl verwertbarer Geruchsinformationen.
Nach einer kurzen Pause stellte sich dann die wirklich wichtige Frage des Abends. Wie steigen wir wieder ab? Dann fragte Frauchen: „Den schmalen direkt an der Schranke oder den breiten Weg?“ Ich sah sie an. Und in diesem Moment wusste ich, dass wir Schwestern im Geiste waren.
Sie schaute den alten Mann an. Der dachte kurz nach und sagte „Ich gehe beide. Aber der schmale ist nicht mal ein Weg. Und außerdem ist noch Brut- und Setzzeit.“ Er hätte auch einfach „den breiten“ sagen können.
Aber so funktionieren Menschen nicht. Vor allem nicht der alte Mann. Er wusste genau, was passieren würde. Frauchen nickte langsam. Der schmale Weg verschwand aus der Diskussion. Nicht durch eine Entscheidung, sondern durch eine ausreichend gut begründete Feststellung.
Also gingen wir den breiten Weg.
Nach kurzer Zeit kamen uns vier Mountainbiker entgegen. Rot im Gesicht, schwer atmend und offensichtlich bergauf unterwegs. Drei fuhren dicht beieinander, der vierte folgte in deutlichem Abstand. An den Trikots war allerdings klar zu erkennen, dass sie eigentlich zusammengehörten. Ich registrierte ein gewisses Optimierungspotenzial, behielt meine Einschätzung aber für mich.
Kaum waren die vier vorbei, kamen hinter der nächsten Kurve noch drei weitere Mountainbiker entgegen. Spätestens da drängte sich ein Gedanke auf: Hier fehlte eindeutig ein Treibhund. Womit die Angelegenheit eigentlich erledigt gewesen wäre. Zumindest dachte ich das.
Denn kurz darauf kamen noch einmal drei Mountainbiker um die Ecke. Auch diesmal fuhr einer mit deutlichem Abstand hinter den anderen. Ich zuckte kurz. Der alte Mann sah mich an, also ließ ich es.
Man muss schließlich nicht jedes Problem lösen, das man erkennt. Auch wenn es manchmal schwerfällt.
Ein guter Tage für einen Entlebucher, eure Eira

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