
Bevor wir weitermachen, sollte ich vielleicht etwas erklären. Nicht, dass ihr glaubt, ich hätte mir einfach vorgenommen, ihn „den alten Mann“ zu nennen.
Als ich hier einzog, hieß er bereits so. Zumindest nannte Frauchen ihn ständig so.
„Der alte Mann macht das schon.“
„Frag mal den alten Mann.“
„Der alte Mann kommt gleich wieder.“
Anfangs hielt ich das für seinen tatsächlichen Namen. Menschen haben schließlich oft merkwürdige Namen und reagieren erstaunlich empfindlich darauf, wenn man sie verwechselt. Mit der Zeit stellte ich allerdings fest, dass es kein richtiger Name war.
Es war etwas anderes.
Immer wenn Frauchen „der alte Mann“ sagte, veränderte sich etwas an ihr. Die Stimme wurde etwas ruhiger. Die Augen ein wenig weicher. Und manchmal lächelte sie sogar, obwohl der alte Mann gerade nichts besonders Kluges getan hatte.
Ich beschloss deshalb, die Sache nicht weiter zu hinterfragen. Menschen haben ihre Rituale. Und Entlebucher respektieren funktionierende Rudelrituale.
Der alte Mann selbst scheint mit der Bezeichnung ebenfalls einverstanden zu sein. Zumindest hat er nie widersprochen.
Ich habe kurz geprüft, ob er tatsächlich alt ist. Das Ergebnis war nicht eindeutig.
Er steht gelegentlich etwas schwerfällig auf. Macht seltsame Geräusche beim Bücken. Braucht morgens eine gewisse Aufwärmphase. Und manchmal schaut er minutenlang auf irgendein technisches Gerät und murmelt Dinge, die vermutlich keine freundlichen Worte sind.
Andererseits läuft er mit mir Berge hoch. Fährt stundenlang durch die Gegend. Geht spontan auf Abenteuer. Und hält sich offensichtlich für deutlich jünger, als die Bezeichnung vermuten lässt.
Die Beweislage bleibt widersprüchlich.
Der alte Mann gehört zu den Menschen, die selten viele Worte machen. Er beobachtet lieber. Er schaut sich Dinge an. Probiert etwas aus. Macht es noch einmal. Und irgendwann funktioniert es.
Menschen reden oft von Liebe. Entlebucher achten eher auf Verlässlichkeit. Der alte Mann gehört zu den Verlässlichen.
Wenn wir losgehen, kommt er mit.
Wenn etwas organisiert werden muss, hilft er. Wenn ich irgendwo fotografiert werden soll, hält er das merkwürdige schwarze Auge vor sein Gesicht. Wenn Geschichten geschrieben werden, sitzt er vor dem leuchtenden Kasten und übersetzt meine Berichte in Menschensprache. Dabei schimpft er gelegentlich mit der Technik. Ich habe beobachtet, dass das offenbar dazugehört.
Ohne ihn gäbe es diesen Blog wahrscheinlich nicht. Das würde er allerdings nie so sagen.
Er würde eher etwas sagen wie:
„Kann ich schon machen.“ Und dann macht er es.
Der alte Mann beobachtet die Welt. Frauchen organisiert die Welt. Ich kontrolliere die Welt.
So funktioniert unser Rudel erstaunlich gut.
Natürlich ist der alte Mann nicht perfekt. Manchmal findet er unnötige Umwege. Manchmal bleibt er irgendwo stehen, um ein Foto zu machen, obwohl man eindeutig weiterlaufen könnte.
Und manchmal behauptet er, etwas dauere nur fünf Minuten.
Menschen sagen solche Dinge häufig. Ich habe gelernt, ihnen dabei nicht zu glauben.
Trotzdem ist er ein guter Rudelmensch. Nicht, weil er alles richtig macht. Sondern weil er immer wieder mitkommt.
Menschen reden oft darüber, wen sie lieben. Entlebucher achten darauf, wer bleibt. Und der alte Mann bleibt.
Deshalb heißt er hier weiter der alte Mann.
Nicht aus Respekt vor seinem Alter. Sondern aus Respekt vor dem Rudel.
