Heute Morgen sollte endlich mal wieder gearbeitet werden. Canicross. Ich ziehe Frauchen und der alte Mann gibt das Tempo vor. Menschen wirken dabei immer sehr beschäftigt, obwohl objektiv betrachtet nur eine von uns tatsächlich arbeitet.
Von zuhause bis zu den Feldern gingen wir erst einmal ganz normal. Mit den üblichen Pflichten unterwegs. Lage prüfen, Gerüche auswerten und an den wichtigen Stellen kurz stehen bleiben. Menschen nennen das Spazierengehen. Ich nenne das Vorbereitung. Am Brombeerwäldchen sahen wir dann zwei der Jungfüchse. Inzwischen sehen sie schon richtig nach Fuchs aus. Vor einer Weile wirkten sie noch etwas unfertig. Eher wie Tiere, die noch nicht ganz entschieden hatten, was sie einmal werden wollen. Jetzt sieht man es deutlich. Schmaler, wacher Blick, längere Gesichter und insgesamt schon deutlich mehr dieses typische „ich wohne hier und hätte gern meine Ruhe“. Sie beobachteten uns kurz und ich sie. Ohne Diskussion. Füchse gehören in die Kategorie andere Tiere. Interessant anzusehen, aber keine vernünftigen Laufpartner.
Danach ging es weiter Richtung Felder und dann wurde gearbeitet. Ich machte meine Sache professionell gut. Gleichmäßiger Zug, saubere Linienwahl und ein angemessenes Arbeitstempo. Am Trinkplatz angekommen waren die Menschen leicht außer Atem. Was soll ich sagen. Frauchen hatte ihr Wasser verloren. Und ich meine nicht verloren wie der alte Mann Dinge verliert. Also dieses: „Eira, ich habe den Ball verloren“ und plötzlich beginnt ein offiziell genehmigter Sucheinsatz.
Nein. Verloren verloren. Irgendwo zwischen zuhause und Trinkplatz hatte Frauchen beschlossen, ihre Trinkflasche unterwegs abzugeben, ohne das mit dem Rest des Teams abzustimmen.
Der alte Mann nahm die Lage erstaunlich ruhig auf. Er füllte meinen Napf mit Wasser aus unserer Flasche – er hatte nur eine mitgenommen – und sagte: „Bei der kurzen Runde …“
Ich trank. Dann sah Frauchen ihn an. So ein Blick, den Menschen offenbar machen, wenn ihnen auffällt, dass sie selbst auch Durst haben. „Ich will auch was.“
Aus unserer einzigen Flasche. Sie bekam etwas. Der alte Mann trinkt auf der kurzen Runde ohnehin selten. Damit war die Lage aber klar. Ich musste rationieren. Nicht offiziell. Niemand sagte es. Aber ich kann rechnen. Reststrecke, Temperatur, verbleibende Wassermenge und zwei Menschen mit eingeschränkter Vorausplanung.
Zumindest liefen wir den gleichen Weg zurück, um zu suchen. Also der alte Mann. Ich durfte nicht helfen. Obwohl das deutlich schneller gegangen wäre. Frauchen vertritt die Theorie, dass ich Wasserschläuche für ein interessantes Beutetier halte und die Suche deshalb nicht überlebt hätte.
Ich halte das für eine unbegründete Unterstellung. Ja, ich hätte die Flasche vermutlich schnell gefunden. Ob sie dabei Kratzer bekommen hätte, ist eine völlig andere Frage und gehört nicht in den Bereich Suchkompetenz.
Also lief der alte Mann den Weg ab, schaute links, rechts und ins Gras, während ich daneben ging und professionelle Hinweise geliefert hätte, wenn man mich gelassen hätte. Die Flasche wurde übrigens gefunden. Menschen nennen das Erfolg. Ich nenne das: unnötig verlängerte Einsatzdauer durch mangelnde Einbindung von Fachpersonal.
Wieder zuhause machte ich dann das, was eine Entlebucher-Sicherheitsfachkraft nach einer Woche Dauereinsatz macht. Einen Tag schlafen. Für alles andere war es ohnehin zu warm.
Am Abend machten wir noch einen Ausflug in den Burgwald, um die anstehenden Geschäfte zu erledigen. Nach einem Tag intensiver Regeneration musste schließlich geprüft werden, ob in meiner Abwesenheit relevante Entwicklungen eingetreten waren.
Ich kann Entwarnung geben. Die Leckerlibäume hatten meine Abwesenheit unbeschadet überstanden. Keine erkennbaren Schäden, keine Ausfälle und nach meiner Einschätzung weiterhin in einem Zustand, der regelmäßige Kontrollen rechtfertigt.
Menschen behaupten weiterhin, Leckerli würden nicht an Bäumen wachsen. Ich sehe dafür bislang keine überzeugenden Beweise. Jedenfalls wurde der Zustand geprüft, die notwendigen Arbeiten erledigt und festgestellt, dass das Revier insgesamt stabil ist.
Ein guter Tag für einen Entlebucher
Eure Eira
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