Heute ist wieder Frauchens Bürotag, das heißt um 4.55 Uhr sollte der Wecker klingeln. Wobei er heute nicht dazu kam. Denn bereits ein paar Minuten früher übernimmt Lily zuverlässig den Weckdienst. Offenbar hält sie technische Hilfsmittel für überbewertet und setzt stattdessen auf persönliche Betreuung. Menschen wirken darüber nicht immer begeistert, aber Termine sind Termine. Und wenn schon jemand aufsteht, kann man den Tag auch direkt ordentlich beginnen.
Es zeigt sich das bekannte Bild. Der alte Mann schleppt sich mit einer Tasse Kaffee aufs Sofa und beobachtet ein erstaunlich gut gelauntes Frauchen dabei, wie sie sich fertig macht. Menschen gehen mit frühen Uhrzeiten sehr unterschiedlich um. Der alte Mann wirkt, als würde er noch mit der Existenz verhandeln. Frauchen hingegen scheint das Konzept akzeptiert zu haben und bewegt sich bereits mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit durch die Höhle.
Allerdings hat sich der alte Mann dann überraschend zügig fertig gemacht, damit wir unsere Runde noch schaffen, bevor es warm wird. Menschen sind merkwürdig. Eben noch wirken sie kaum ansprechbar und sitzen mit Kaffee auf dem Sofa, und wenige Minuten später laufen sie plötzlich zielgerichtet durch die Höhle und sprechen von Zeitmanagement. Offenbar setzt Hitze Kräfte frei, die früher Morgen allein nicht erzeugen kann. Die Runde wurde von mir professionell durchgeführt. Allerdings musste ich eine Weile an die Leine, weil ein Retriever in unsere Nähe kam, der nicht mehr so aussah, als käme er als Trainingspartner für einen jungen, dynamischen Entlebucher infrage.
Ich hatte die Lage natürlich bereits korrekt eingeschätzt und wollte lediglich ein freundliches Bewegungsangebot machen. Der alte Mann war allerdings der Meinung, dass meine Aufforderung auf den Feldern etwas zu dynamisch ausfallen könnte. Menschen neigen dazu, Motivation und Begeisterung mit „zu viel Energie“ zu verwechseln. Der Retriever wurde deshalb nicht in das Trainingsprogramm aufgenommen.
Die Runde dauerte dann doch länger als normal und blieb dabei angenehm kühl. Das bestätigte erneut meine Einschätzung, dass frühes Aufstehen zwar grundsätzlich fragwürdig ist, aber morgens immerhin noch vernünftige Temperaturen herrschen. Menschen nennen das „rechtzeitig losgehen“. Ich nenne es gutes Ressourcenmanagement.
Nachdem wir wieder zuhause waren, zeigte sich allerdings, dass der alte Mann sich aus den falschen Gründen beeilt hatte. Es wurde nicht heiß. Es wurde dunkel. Und dann kam der Regen und blieb bis zum Nachmittag. Rückblickend war die frühe Mobilmachung also nicht wegen der Wärme sinnvoll, sondern wegen der Wetterentwicklung. Das hätte auch anders ausgehen können. Manchmal treffen Menschen die richtige Entscheidung, obwohl die Begründung dafür nur zufällig richtig war.
Richtig wach wurde der alte Mann heute nicht mehr. Das zeigte sich unter anderem daran, dass ich – zusätzlich zu Frühstück und Mittag – auch noch eine Nachmittagsmahlzeit bekam, als er für sich und Frauchen kochte. Ich habe die Situation selbstverständlich nicht kommentiert. Menschen reagieren manchmal empfindlich, wenn man sie auf offensichtliche Bedienfehler hinweist. Außerdem erschien mir die Entscheidung insgesamt vernünftig und nicht weiter korrekturbedürftig.
Später stellte sich aufgrund der Bodensituation die Frage: Bahnhofstunde oder Burgwald. Nach gemeinsamer Lagebewertung einigten wir uns einvernehmlich auf den Burgwald. Menschen sprechen in solchen Fällen gern von spontanen Entscheidungen. Tatsächlich wurde lediglich die sinnvollere Option gewählt. Es wurde eine ruhige Runde. Der Regen hatte vieles gedämpft, die Wege waren weich und selbst die Umgebung wirkte nicht so, als hätte sie heute noch große Ambitionen. Nach dem frühen Start, den fragwürdigen Wetterprognosen und der zusätzlichen Verpflegung erschien mir das insgesamt angemessen. Nicht jeder Tag muss mit Höchstleistung enden. Manchmal reicht eine ordentliche Abschlussrunde und die Gewissheit, alle wichtigen Aufgaben erledigt zu haben.
Zuhause hat der alte Mann dann noch die Übungen von gestern wiederholt. Ich habe mitgemacht, weil ich grundsätzlich bereit bin, Menschen bei ihrer Entwicklung zu unterstützen. Über die Frage, für wen von uns diese Wiederholungen wichtiger sind, diskutiere ich nicht. Manche Dinge weiß man einfach und muss sie nicht zusätzlich aussprechen. Jedenfalls schien er mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Für heute erschien mir das ausreichend.
Schließlich war es bereits ein langer Tag und ich hatte meine Aufgaben insgesamt zuverlässig erfüllt
Ein guter Tag für einen Entlebucher
Eure Eira


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