
Jedes Rudelmitglied hat unterschiedliche Aufgaben. Der alte Mann sorgt dafür, dass wir irgendwo hinkommen. Frauchen sorgt dafür, dass wir auch wieder zurückkommen.
Das klingt ähnlich. Ist es aber nicht.
Als ich einzog, verstand ich zunächst nicht ganz, wie die Zuständigkeiten verteilt waren. Der alte Mann öffnete Türen, ging mit mir raus und erklärte Dinge. Frauchen wusste dagegen erstaunlich oft bereits vorher, dass diese Dinge passieren würden. Menschen nennen so etwas Planung.
Ich hielt es anfangs für eine besondere Form der Vorhersage.
Wenn wir irgendwohin fahren, beginnt Frauchen oft Tage vorher mit seltsamen Ritualen. Taschen erscheinen. Listen erscheinen. Dinge werden zusammengesucht. Dinge werden wieder umsortiert. Dinge verschwinden. Und am Ende sind plötzlich genau die Dinge dabei, die später gebraucht werden.
Ich habe versucht, das System zu verstehen. Bisher ohne Erfolg. Der alte Mann scheint ebenfalls nicht alles davon zu verstehen.
Er akzeptiert es einfach. Das erscheint mir vernünftig.
Der alte Mann scheint sich darüber übrigens erstaunlich wenig Gedanken zu machen. Wenn Frauchen wieder Listen schreibt, Dinge organisiert oder zum dritten Mal prüft, ob wirklich alles dabei ist, schaut er meistens kurz hin und sagt: „Passt schon.“ Dann macht er irgendetwas anderes.
Ich hielt das zunächst für Nachlässigkeit. Inzwischen glaube ich etwas anderes. Ich glaube, er schaut gar nicht auf die Taschen. Er schaut auf Frauchen. Und wenn Frauchen ruhig wirkt, scheint für ihn alles in Ordnung zu sein. Das ist mir mehrfach aufgefallen.
Nicht nur beim Packen. Auch unterwegs.
Er fragt erstaunlich selten nach dem Plan. Er fragt eher: „Alles gut?“ Und wenn Frauchen nickt, läuft er einfach weiter. Menschen wirken manchmal kompliziert. Aber gelegentlich sind sie überraschend einfach.
Vielleicht ist Vertrauen so etwas Ähnliches wie Rudelverhalten.
Man schaut nicht ständig selbst nach. Man schaut zu dem, der aufpasst. Und geht weiter.
Frauchen gehört zu den Menschen, die Veränderungen sehr früh bemerken. Wenn irgendwo etwas anders ist, sieht sie es oft schon, bevor jemand anderes überhaupt verstanden hat, dass sich etwas verändert hat. Manchmal schaut sie mich an und fragt:
„Ist alles in Ordnung?“
Und ich denke: Natürlich. Warum fragst du? Und später stelle ich fest, dass tatsächlich irgendetwas war. Menschen sind erstaunlich schlecht im Riechen. Vielleicht haben sie dafür andere Fähigkeiten entwickelt.
Frauchen achtet auf viele Dinge gleichzeitig. Wo wir hinfahren. Ob alle genug haben. Ob alles eingepackt ist. Ob etwas organisiert werden muss. Ob jemand müde aussieht. Ob irgendwo noch etwas fehlt.
Ich habe kurz geprüft, ob das anstrengend ist. Das Ergebnis deutet darauf hin: vermutlich ja. Trotzdem macht sie es weiter. Ohne große Diskussion.
Eine weitere interessante Eigenschaft von Frauchen ist, dass sie sehr ruhig wirken kann und gleichzeitig vollkommen entschlossen ist. Menschen erkennen das manchmal zu spät. Ich nicht.
Ich bin Entlebucher. Wir achten auf solche Dinge. Es gibt Situationen, in denen Frauchen etwas mit einer sehr freundlichen Stimme sagt. Und alle machen es. Ich habe versucht herauszufinden, wie das funktioniert. Bisher lautet meine Theorie, dass Menschen die Gefahr unterschätzen, die von ruhigen Stimmen ausgeht.
Mit mir funktioniert das übrigens nicht. Ich höre selbstverständlich nur auf gute Argumente. Frauchen lacht über solche Aussagen oft. Ich werte das als Zustimmung.
Wenn wir unterwegs sind, schaut sie oft nach uns. Nicht auffällig. Nicht ständig. Aber immer wieder. So, als würde sie zählen.
Alter Mann da. Entlebucher da. Alles vollständig. Dann ist gut.
Ich glaube nicht, dass Menschen das bewusst machen. Ich glaube, das ist etwas Rudelmäßiges.
Der alte Mann beobachtet die Welt. Frauchen organisiert die Welt. Ich kontrolliere die Welt.
Und erstaunlicherweise funktioniert dieses System.
Natürlich ist Frauchen auch nicht perfekt. Manchmal sagt sie Dinge wie: „Nur noch kurz.“
Menschen sagen solche Dinge häufig.
Oder: „Das dauert nicht lange.“ Das stimmt selten.
Außerdem besitzt sie die irritierende Fähigkeit, sehr früh zu erkennen, wenn ich etwas vorhabe. Ich halte das für unfair. Trotzdem gehört sie eindeutig zum Rudel.
Nicht weil sie alles plant. Nicht weil sie alles im Blick hat. Sondern weil sie immer darauf achtet, dass alle mitkommen. Menschen reden oft darüber, Verantwortung zu übernehmen. Entlebucher achten darauf, wer aufpasst. Und Frauchen passt auf.
Deshalb heißt sie hier Frauchen. Nicht weil sie bestimmt. Sondern weil sie dazugehört.
