Entlebucher-Tagebuch, Samstag, 27. Juni 2026
Die Hitze war schon am Morgen wach. Sie wartete nicht auf die Sonne, sondern lag bereits über Wiesen und Wegen.
Frauchen hatte gestern Abend angekündigt, heute Morgen mit auf die Runde zu kommen. Als der alte Mann seinen Kaffee ausgetrunken hatte und wir uns fertig machten, schlief sie noch. Ihre Atemzüge waren ruhig und gleichmäßig. Der alte Mann sah kurz zu ihr hinüber und beschloss, sie schlafen zu lassen. Schlaf ist schließlich auch eine vernünftige Entscheidung.
So gingen wir heute zu zweit los. Die Luft fühlte sich schon früh schwer an, und selbst die Wiesen wirkten, als würden sie auf den kleinsten Windhauch warten. Selbst die Vögel waren heute weniger aufdringlich als sonst. Ihr Morgenkonzert fiel deutlich leiser aus.
Auf der Morgenrunde kümmerte ich mich um alles, was ein Entlebucher am frühen Morgen eben zu erledigen hat. Ich kontrollierte die Wege, las die Nachrichten der Nacht in den Gerüchen am Wegesrand und prüfte, ob im Revier alles seine Ordnung hatte. Nebenbei behielt ich den alten Mann im Auge. Menschen brauchen auf solchen Kontrollgängen gelegentlich ein wenig Aufsicht. Er nimmt seine Aufgabe zwar ernst, aber eine erfahrene Entlebucherin schadet trotzdem nie.
Heute blieb ich an der Leine. Ich wollte erst protestieren. Mit dem Mädchenkram ist es schließlich noch gar nicht so weit. Doch schon nach der ersten Steigung spürte ich, wie die Hitze in die Beine kroch. Der alte Mann kannte mich offenbar besser als ich mich in diesem Moment. Er traute meinem Kopf nicht – und rückblickend hatte er recht. Rennen wäre heute keine gute Idee gewesen.
Der alte Mann verzichtete heute auf alles, was über die Morgenrunde hinausging. Keine Suchspiele, kein Training. Er meinte wohl, dass meine übliche Kontrollarbeit bei dieser Hitze Anstrengung genug wäre. Dagegen ließ sich nur schwer etwas einwenden.
Kurz ging es mit mir durch. Der alte Mann hatte Mühe, mich zu bremsen. Ein wirklich verlockender Rüdenduft lag in der Luft. Ich fand, ein kurzer Kontrollgang wäre durchaus angemessen gewesen. Der alte Mann bezeichnete das vermutlich eher als Ausflug in die falsche Richtung.
Er sagte kein Wort. Er machte sich einfach schwer und blieb ganz ruhig. Nach ein, zwei Schlenkern des Weges musste ich einsehen, dass heute kein Tag für Zugarbeit war. Der verlockende Duft war zwar noch da, aber meine Beine fanden ihn längst nicht mehr so überzeugend wie meine Nase.
Wir legten einen kurzen Trinkstopp ein. Ein paar Schlucke kühles Wasser taten gut. Ich trank in Ruhe, der alte Mann achtete darauf, dass ich mir Zeit ließ. Danach ging es ohne Eile weiter.
Den restlichen Weg gingen wir ruhig nach Hause. Keine Aufregung, keine Umwege und keine zusätzlichen Aufgaben. Die Hitze hatte den Morgen fest im Griff und selbst ich musste einsehen, dass sie heute das Tempo bestimmte. Manchmal besteht eine gute Morgenrunde eben nicht darin, möglichst viel zu erleben, sondern vernünftig wieder nach Hause zu kommen.
Sonst passierte heute nicht mehr viel. Selbst der alte Mann erledigte nur das Allernötigste. Die Hitze hatte heute das Sagen, und wir sahen keinen Grund, darüber zu diskutieren. Also verbrachten wir den Tag überwiegend dösend. Manchmal ist genau das die vernünftigste Entscheidung, die ein Mensch und eine Entlebucherin gemeinsam treffen können.
Ein zu warmer Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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