Entlebucher Tagebuch – Montag, 29. Juni 2026. Die Nacht war wieder einmal warm. Am Morgen murmelte der alte Mann etwas davon, dass es kaum abgekühlt hätte. Das war mir längst aufgefallen. Der Boden fühlte sich noch warm an, und selbst die Luft hatte ihre nächtliche Frische irgendwo unterwegs verloren.
Das Tal und der Regen sind so eine Sache. Frauchen und der alte Mann haben gestern immer wieder auf die leuchtenden Rechtecke geschaut. Mal sah es gut aus, dann hieß es wieder: „Es zieht vorbei.“ Ich habe gelernt: Nur weil Regen angekündigt wird, heißt das noch lange nicht, dass er auch den Weg in unser Tal findet. Gestern hat er sich jedenfalls verlaufen. Über den Bergen hingen dunkle Wolken, aber bei uns blieb es trocken.
Der alte Mann trank seinen Morgenkaffee und machte den Eindruck, als hätte er überhaupt keine Lust, den Tag zu beginnen. Das konnte ich natürlich nicht zulassen. Irgendjemand musste schließlich dafür sorgen, dass der Morgen auch wirklich anfing. Also setzte ich mich vor ihn und schaute ihn so lange an, bis er begriff, dass Kaffee allein keine Runde ersetzt.
Mit etwas Verspätung begannen wir unseren morgendlichen Kontrollgang. Schon vor der Haustür empfing uns warme, drückende Luft. Von der versprochenen Morgenfrische war weit und breit nichts zu finden.
Wir gingen langsam hinüber zu den Feldern. Es gab die üblichen Entlebucher-Arbeiten zu erledigen: Wege kontrollieren, Gerüche prüfen und nachsehen, ob sich über Nacht irgendetwas verändert hatte. Ein paar Katzen beobachteten uns träge aus ihren schattigen Plätzen. Selbst sie schienen der Meinung zu sein, dass man sich bei dieser Wärme besser nur bewegte, wenn es wirklich nötig war.
Als wir den Anstieg zu den Feldern geschafft hatten, bemerkten wir den Unterschied zu den letzten Tagen. Die Sonne versteckte sich noch hinter den Wolken und ein Wind strich über die Felder. Er war nicht kühl, aber er bewegte die Luft. Nach den letzten Tagen reichte das schon, um Hoffnung zu machen.
Der träge Gang des alten Mannes blieb irgendwo auf dem Weg zurück. Mit jedem Schritt wurde er wieder etwas flotter. Das nahm ich natürlich gerne auf und passte mich sofort an. So macht ein Kontrollgang deutlich mehr Freude.
Auch wenn der Wind verlockend kühl wirkte, merkte ich schnell, dass Traben heute immer noch die bessere Wahl war als Spurten. Aber immerhin fühlte es sich nicht mehr ganz so an, als würde die Luft auf meinen Schultern liegen.
Der alte Mann machte verdächtig viele Pausen. Ich begann, ihn etwas aufmerksamer zu beobachten. Nein, er hatte es wohl nicht zu schnell angehen lassen. Sein Blick blieb immer wieder an den inzwischen leuchtend gelben Feldern hängen. Die letzte Woche war er wohl mehr damit beschäftigt gewesen, die Hitze zu überstehen, als die Veränderungen der Natur wahrzunehmen. Manchmal braucht es eben erst etwas Wind, damit der Blick wieder weiter reicht.
Wenn wir gingen, gingen wir zügig. Wir übten die vertrauten Kommandos und auch wieder die neuen vom Treibball. Das gefiel mir. Es schien, als würde die Normalität langsam ihren Weg zurückfinden.
Beim Abstieg von den Feldern zurück in die Stadt wurde der alte Mann wieder langsamer. Der Wind blieb oben auf den Feldern zurück. Ohne ihn merkte der alte Mann schnell, dass er die Hitze dort oben wohl doch etwas unterschätzt hatte. Ich fand, das war ein guter Grund, den Rest des Weges etwas ruhiger anzugehen.
Zu Hause warteten Wasser und ein schattiges Plätzchen. Die große Abkühlung hatte unser Tal zwar wieder nicht bekommen, aber für einen Morgen hatte der Wind gereicht, um daran zu erinnern, dass sich selbst nach einer langen Hitzewoche noch etwas verändern kann. Vielleicht findet der Regen ja irgendwann doch noch den Weg zu uns.
Der alte Mann verschwand erst einmal wieder vor einem der leuchtenden Rechtecke. Diesmal schaute er allerdings nicht besonders lange. Irgendetwas schien ihn überzeugt zu haben. Kurz darauf begann er, seinen Arbeitsplatz aus dem Keller wieder nach oben ins Arbeitszimmer unter dem Dach zu verlegen.
Ich beobachtete das natürlich aufmerksam. Menschen räumen ihren Arbeitsplatz schließlich nicht ohne Grund hin und her.
Während der alte Mann oben alles wieder einrichtete, tippte er zwischendurch noch auf einem der leuchtenden Rechtecke herum. Irgendetwas über Entlebucher und Aussies. Ich habe nur kurz hingeschaut. Menschen vergleichen Hunde ja gerne miteinander. Wir Entlebucher machen das anders. Wir schauen einfach, was gerade zu tun ist. Heute war das Warten auf den Regen.
Es dauerte nicht lange, da wurde der Himmel immer dunkler. Dann kam erst der Wind und kurz danach der Regen. Nicht irgendwo hinter den Bergen, nicht auf den leuchtenden Rechtecken, sondern direkt bei uns. Er prasselte auf das Dach, lief an den Fenstern hinunter und füllte die Luft mit diesem frischen Geruch, den trockene Erde nur nach einem richtigen Sommerregen bekommt.
Frauchen, der alte Mann und ich saßen am Fenster und schauten einfach nur hinaus. Manchmal muss man gar nichts sagen. Es reicht, wenn der Regen endlich den Weg in unser Tal gefunden hat.
Die Welt schien wieder in Ordnung zu sein. Der Regen hatte die Luft erfrischt und selbst das Arbeitszimmer unter dem Dach fühlte sich zunächst angenehm an. Doch gegen Mittag meldete sich die Sonne noch einmal zu Wort. Offenbar wollte sie in dieser Geschichte doch noch mitreden.
Zum Glück hatte der alte Mann seinen Arbeitsplatz im Keller noch nicht vollständig geräumt. Es dauerte nicht lange, dann saß er wieder unten. Ich fand das vernünftig. Man muss schließlich nicht jeden Kampf gegen den Sommer unbedingt gewinnen wollen.
So blieb der alte Mann den Rest des Tages unten im Keller.
Doch gegen Abend wurde dann klar, dass die Sonne ihre Schreckensherrschaft nicht länger aufrechterhalten konnte. Die Luft wurde angenehmer und selbst der Wind traute sich wieder zwischen den Häusern hindurch.
Frauchen, der alte Mann und ich waren uns erstaunlich schnell einig. Heute sollte es nicht bei einer kurzen Außenmission für dringende Geschäfte bleiben. Eine ordentliche, wenn auch etwas kürzere Abendrunde war wieder möglich. Das hatte uns allen gefehlt.
Ich freute mich, dass Frauchen wieder mitkam. Sie hatte die Hitze deutlich schlechter weggesteckt als ich. Dabei ist meine Strategie seit Tagen dieselbe: Nach der Morgenrunde heißt es Nichtstun. Ich mache das ausgesprochen konsequent und kann sie jedem empfehlen. Frauchen hielt sich allerdings nicht immer daran. Menschen fällt konsequentes Nichtstun erstaunlich schwer.
Ich glaube, der Regen hatte unserem Tal nicht nur Wasser gebracht. Er hatte auch ein kleines Stück Sommer zurückgegeben, mit dem selbst ein Entlebucher wieder gut arbeiten konnte.
Die Abendrunde verlief ganz ohne Zwischenfälle. Hier und da fand ich sogar noch ein Leckerli. Das machte diesen Tag endgültig rund.
Auf dem Heimweg meinte Frauchen dann ganz nebenbei zum alten Mann, ich könnte mal wieder duschen. Natürlich ist das gar nicht so. Duschen muss ich im Frühjahr und im Herbst, wenn ich beschließe, das halbe Feld mit nach Hause zu bringen. Heute war davon wirklich keine Rede.
Trotzdem muss ich zugeben, dass sich das kühle Wasser erstaunlich gut angefühlt hat.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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