Heute Morgen ist wohl wieder ein ganz normaler Montag. Zumindest ist der alte Mann nach einem ersten Kaffee ins Büro gefahren. Ich hab mich lieber unter Frauchens Schreibtisch nochmal abgelegt. Allerdings legte Frauchen die Morgenrunde auch vor das Frühstück. Mit der üblichen Erläuterung, dass man zurück sein sollte, bevor die Sonne über den Berg kommt.
Waren wir nicht.
Menschen sagen solche Dinge oft mit großer Überzeugung und erstaunlich geringer Erfolgsquote. Erst musste hier geschnuppert werden, dann dort geschaut werden und irgendwo unterwegs wurde offenbar beschlossen, dass fünf Minuten mehr jetzt auch keinen Unterschied mehr machen. Und als wäre die Zielverfehlung allein noch nicht ausreichend, machte Frauchen auch noch Halt an einer Wiese mit sehr vielen roten Blumen.
Ich wurde angewiesen, mich mitten reinzusetzen und stillzuhalten. Bitte was macht das für einen Sinn. Erst soll alles schnell gehen und dann stehen wir plötzlich in der Landschaft und verbringen mehrere Minuten damit, dass Frauchen mit dem Telefon in die Hocke geht und sagt: „Nur kurz.“ Menschen sagen „nur kurz“ übrigens in exakt derselben Art wie „wir drehen nur eine kleine Runde“.
Ich saß also da und versuchte möglichst vernünftig auszusehen, während Frauchen mehrfach erklärte, wie schön das Licht sei. Das Licht. Nicht ich. Das Licht. Am Ende betrachtete sie das Ergebnis und war sehr zufrieden. Ich persönlich hätte Frühstück weiterhin für die bessere Nutzung des Vormittags gehalten.
Dann waren wir fast wieder am Ortsrand und ich dachte, die Einsatzlage wäre jetzt abgeschlossen. Da bleibt Frauchen plötzlich stehen. „Wo ist eigentlich der Ball?“
An dieser Stelle muss ich etwas erklären. Ja, ich hatte den Ball vorher. Aber ich hatte ihn zum Spielen. Nach Abschluss des Einsatzes wurde der Ball weder eingesammelt noch offiziell zum Heimtransport an mich übergeben. Spielzeug fällt grundsätzlich in den Verantwortungsbereich der Begleitperson. Ich bin nur für Transport zuständig, wenn mir die Aufgabe eindeutig übertragen wurde.
Statt einer geordneten Übergabe wurde allerdings fotografiert. Und irgendwann später stellte Frauchen fest, dass der Ball fehlt.
Aber anders als gestern mit dem Wasserschlauch bekam ich heute einen Suchauftrag. Das ist selbstverständlich etwas anderes. Wenn etwas verloren geht und ich offiziell mit der Suche beauftragt werde, übernehme ich Verantwortung. Nicht für den Verlust – das sind getrennte Zuständigkeiten –, aber für die Wiederbeschaffung.
Frauchen blieb also stehen, stellte die Lage fest und erteilte den Auftrag. Ich nahm die Nase auf. Der Ball war schnell gefunden. Überraschenderweise lag er dort, wo er zuletzt unbeaufsichtigt abgelegt worden war. Solche Fälle haben oft einen erstaunlich einfachen Verlauf.
Frauchen nahm den Ball an sich und wir setzten den Rückweg fort.
Ich möchte anmerken, dass zwischen „ich habe etwas verloren“ und „ich habe erfolgreich suchen lassen“ ein organisatorisch relevanter Unterschied besteht. Menschen verwechseln das gelegentlich.
Zumindest ging ich jetzt bis gegen Sonnenuntergang von einem Tag auf den kühlen Esszimmerfliesen aus.
Ich stellte mich also innerlich auf einen ruhigen Tag ein. Frühstück. Etwas Lagebeobachtung. Anschließend strategisches Liegen auf den Esszimmerfliesen. Eventuell einmal den Platz wechseln, wenn der Sonnenstand es erforderlich macht.
Dann kam der alte Mann ungewöhnlich früh nach Hause. Ich nahm das zunächst positiv zur Kenntnis. Frühes Erscheinen bedeutet gelegentlich zusätzliche Fliesenruhe mit Personal in Reichweite. Dann begann er allerdings, Geschirr, Leine und Wasser zusammenzusuchen.
Menschen entwickeln in solchen Momenten eine auffällige Betriebsamkeit. Sie reden wenig, laufen zielgerichtet durch die Wohnung und tun so, als wäre das alles völlig normal. Ich beobachtete die Lage eine Weile. Dann fielen Worte wie: „Wir probieren was Neues aus.“
Ich wurde sofort misstrauisch. Menschen sagen solche Sätze nie, bevor sie sich hinlegen und gemeinsam einen ruhigen Nachmittag verbringen. „Wir probieren was Neues aus“ bedeutet erfahrungsgemäß, dass jemand einen Plan hat, den ich nicht beauftragt habe.
Dann stiegen wir alle drei ins Auto. Das machte die Lage nicht klarer. Gemeinsame Fahrten können alles bedeuten. Spaziergang. Besuch. Sinnlose Menschenbesorgung. Wir fuhren Richtung Burgwald. Das erschien zunächst nachvollziehbar. Burgwald kennt man. Burgwald ist ein bekanntes System. Dort gibt es Wege, Bäume und eine grundsätzlich vernünftige Einsatzlogik. Ich entspannte mich leicht. Dann fuhren wir am Burgwald vorbei.
Bitte was. Wenn man in Richtung Burgwald fährt, aber nicht in den Burgwald, entsteht automatisch Erklärungsbedarf. Ich richtete mich auf. Der alte Mann fuhr weiter. Frauchen sagte etwas in einem Tonfall, der nach geheimer Planung klang. Und mir wurde klar: Das hier war keine normale Runde. Das hier war das „Neue“, von dem vorher die Rede gewesen war.
Nach einer Weile kamen wir an einen Platz. Noch bevor ich richtig ausgestiegen war, war klar. Hier waren viele Hunde. Sehr viele Hunde. Der Boden roch nach alten Spuren, nach Warten, nach Aufregung, nach Arbeiten, nach Menschen mit Taschen voller Dinge und nach Hunden, die überzeugt davon waren, genau zu wissen, was jetzt passiert. Aber da war keiner. Kein Hund. Nur der Geruch.
Dann kam eine Frau. Die beiden Menschen unterhielten sich mit ihr. Ich nutzte die Zeit sinnvoll und erkundete den Platz in Ruhe. Es gab interessante Gerüche. Viele verschiedene Hunde. Große Hunde. Kleine Hunde. Irgendwo die deutliche Information, dass hier regelmäßig Belohnungen verteilt werden. Das gefiel mir.
Dann erklärte die Frau dem alten Mann etwas und deutete dabei auf farbige Punkte am Boden. Der alte Mann nickte. Dann rief er mich. Er ließ mich warten, ging zu einem der Punkte, legte dort ein Leckerli hin und kam zurück.
Dann sagte er: „Vor. Vor. Vor …“ Ich ging los. Leckerli. Gut. Danach wieder zurück.
Dann alles noch einmal. Ich verstand zunächst nicht vollständig, worum es ging. Aber ich stellte fest, dass das Konzept Potenzial hat. Menschen schicken mich irgendwo hin. Dort liegt etwas Essbares. Ich komme zurück. Alle sind zufrieden.
Dann änderte sich die Übung. Ein Ball wurde auf einen kleinen Reifen gelegt. Ich betrachtete die Konstruktion. Ball. Reifen. Ich ging hin und stupste den Ball an. In genau diesem Moment sagte Frauchen: „Stups.“ Der Ball rollte weg. Darunter erschien ein Leckerli. Gut.
Neuer Aufbau. Ball. Stups. Leckerli. Ball. „Stups.“ Leckerli.
Nach einigen Wiederholungen fiel mir auf, dass Frauchen jedes Mal dieses Wort sagte, wenn ich den Ball wegschob. Offenbar heißt Ball wegschieben jetzt „Stups“. Das Konzept gefällt mir. Es ist kurz. Es ist eindeutig. Und im Gegensatz zu „wir probieren was Neues aus“ führt es direkt zu einem klaren Ergebnis.
Dann war es wohl genug für heute. Die Menschen unterhielten sich noch mit der Frau. Zwischendurch fielen Sätze wie: „Das machen wir wieder.“ Und: „Das hat gut funktioniert.“ Ich hob kurz den Kopf. Aha. Ich denke, wir sind hier noch nicht am Ende.
Ehrlich gesagt stört mich das nicht. Bisher besteht das Konzept daraus, auf Punkte zu laufen, Dinge anzustupsen und für richtige Entscheidungen bezahlt zu werden. Das wirkt insgesamt durchdachter als Fotos in Blumenwiesen.
Danach gingen wir zurück zum Auto. Ich stieg ein. Diesmal ohne Misstrauen. Der Auftrag war erledigt.
Ein guter Tag für einen Entlebucher
Eure Eira
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