Alles in bester Ordnung

Alles in bester Ordnung

Entlebucher Tagebuch – Montag, 27. Juli 2026. Mit dem fortschreitenden Sommer habe ich etwas festgestellt. Die Tage, an denen uns morgens die leuchtenden Vierecke wecken, werden wieder häufiger. Im Hochsommer ist die Sonne oft schon da, bevor wir überhaupt aufstehen. Jetzt braucht sie wieder etwas länger und überlässt den leuchtenden Vierecken immer öfter den ersten Weckruf des Tages.

So war es auch heute. Für den Morgenkaffee des alten Mannes blieb deshalb nicht viel Zeit, denn heute war Bürotag. An solchen Tagen geht morgens alles etwas schneller, auch wenn ich finde, dass ein guter Kaffee eigentlich nie unter Zeitdruck getrunken werden sollte.

Die Morgenrunde lief ich also mit Frauchen. Eine Morgenrunde ist nicht einfach nur ein Spaziergang. Über Nacht kann sich im Revier vieles verändern. Neue Gerüche tauchen auf, alte verschwinden, irgendwo ist vielleicht ein Wildtier vorbeigekommen, ein Nachbar war ungewöhnlich früh unterwegs oder der Wind hat Düfte an Plätze getragen, an denen sie gestern noch nicht waren. All das gehört überprüft. Ich gehe meine Runde jeden Morgen mit derselben Sorgfalt. Ich schaue, ich rieche und ich höre genau hin, bis ich mir sicher bin, dass alles so ist, wie es sein soll. Erst dann kann der Tag für mich wirklich beginnen.

Im Revier gab es nichts, das ein Entlebucher als besorgniserregend einstufen würde. Alles war dort, wo es hingehörte, und alles roch so, wie es riechen sollte. Manchmal sind gerade diese Morgen die besten. Keine großen Überraschungen, keine besonderen Vorkommnisse, sondern einfach eine ruhige, unaufgeregte Runde, nach der ich zufrieden feststellen konnte, dass in meiner kleinen Welt alles seine Ordnung hatte.

Nach der Runde setzte sich auch Frauchen an die leuchtenden Vierecke im Arbeitszimmer. Damit war das Rudel beschäftigt und ich übernahm wie so oft die Aufgabe, im Haus nach dem Rechten zu sehen. Es musste ja jemand darauf achten, dass alles seine Ordnung behielt. Also wechselte ich von einem guten Beobachtungsposten zum nächsten, lauschte auf die vertrauten Geräusche des Hauses und stellte zufrieden fest, dass sich nichts ereignete, was meine Aufmerksamkeit länger gebraucht hätte.

Beide Katzen waren ebenfalls zu Hause. Das bedeutete, dass Lilly ihre nächtlichen Geschäfte offenbar zu ihrer Zufriedenheit erledigt hatte. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte sie vermutlich schon längst wieder unmissverständlich klargemacht, dass draußen noch etwas Wichtiges auf sie wartete. So aber lag sie ganz entspannt da und machte den Eindruck, als wäre ihre Nachtschicht erfolgreich verlaufen.

Als der alte Mann nach Hause kam, meinte Frauchen, er wäre viel zu lange weg gewesen. Ich sah das etwas anders. Für mich kam er genau zur richtigen Zeit, denn es war inzwischen ein ausgezeichneter Zeitpunkt für die Nachmittagsrunde. Manchmal kommt es eben nur darauf an, wen man fragt. Außerdem hatte die Sonne heute offenbar selbst keine große Lust zu arbeiten. Sie zeigte sich zwar immer wieder, schaffte es aber nicht, die Welt so aufzuheizen wie in den vergangenen Tagen. So konnten wir unsere Nachmittagsrunde ganz entspannt laufen, ohne sie wegen der Hitze ausfallen zu lassen.

Zuerst konnte ich bestätigen, dass meine Kontrolle vom Morgen richtig gewesen war. Im Revier hatte sich nichts verändert und alles war noch genauso in Ordnung wie ein paar Stunden zuvor. Auf den Feldwegen nutzte ich außerdem die Gelegenheit für einen letzten Test meiner Pfote. Die letzten Tage hatte ich sie zwar schon wieder ganz normal belastet, aber heute fühlte sie sich endgültig wieder so an wie die anderen drei. Kein Zwicken mehr, kein vorsichtiges Auftreten – einfach vier Pfoten, die wieder genau das taten, wofür sie da sind. Das war ein gutes Gefühl.

Aber auch wenn die Sonne heute nicht brannte, verschiebt ein vernünftiger Entlebucher unnötige Höchstleistungen lieber auf den frühen Morgen. Man muss nicht beweisen, wie belastbar man ist, wenn man seine Kräfte auch klug einteilen kann. Der alte Mann schien das ganz ähnlich zu sehen. Unterwegs stellte er mir lieber Aufgaben, bei denen ich meinen Kopf und meine Nase einsetzen durfte, statt einfach nur meine Muskeln zu beschäftigen. Das war mir durchaus recht. Ein Entlebucher möchte nicht nur laufen, sondern auch mitdenken.

Als wir an einer Seite der Senke entlangliefen, kam eines dieser lauten, meist etwas merkwürdig riechenden Gefährte über das Feld gefahren. Sie sind viel größer als ich und dürfen trotzdem quer über die Felder fahren. Ich dagegen soll auf den Wegen bleiben. Irgendetwas sagt mir, dass Menschen und Entlebucher nicht immer nach denselben Regeln leben.

Das Gefährt mähte das hohe Gras, in dem wir vor zwei Tagen noch das Reh gesehen hatten. Der alte Mann blieb einen Moment stehen und schaute dem Geschehen mit einem etwas besorgten Blick zu. Dann meinte er erleichtert, dass die Zeit der Kitze inzwischen vorbei sei und sie nun groß genug wären, um rechtzeitig vor so einem Mähwerk zu flüchten. Trotzdem war ich froh, als wir weitergingen und das laute Gefährt langsam hinter uns verschwand.

Wir gingen weiter und machten eine Trinkpause. Dabei stellte ich fest, dass der Tag doch wärmer war, als er sich anfangs angefühlt hatte. Ich leerte meine Wasserflasche ohne zu zögern bis auf den letzten Tropfen. Das ist für mich meistens ein ziemlich zuverlässiges Zeichen dafür, dass die Sonne mehr gearbeitet hat, als ich ihr zugetraut hatte.

Auf dem Rückweg liefen wir auf der gegenüberliegenden Seite der Senke. Hinter einigen Bäumen entdeckten wir plötzlich die Rehe. Sie standen ganz still da und beobachteten aufmerksam, was mit ihrem Versteck geschah.

Der alte Mann sagte leise zu mir, wir sollten möglichst ruhig an ihnen vorbeigehen. Es reiche völlig, wenn sie ihre Aufmerksamkeit schon der lauten Maschine schenken müssten. Da war ich ganz seiner Meinung. Es gibt Momente, in denen man einfach still weitergeht und den anderen ihren Platz lässt. Also taten wir genau das und ließen die Rehe in aller Ruhe beobachten, was in ihrer kleinen Welt gerade geschah.

Der alte Mann wählte den Rückweg dann so, dass ich unterwegs noch einen kleinen Abstecher in die Steinach machen konnte. Das musste er mir natürlich nicht zweimal sagen. Das kühle Wasser war nach der Runde genau das Richtige und tat Pfoten und Bauch gleichermaßen gut. Ich ließ mir ein wenig Zeit, bevor wir den letzten Teil des Heimwegs antraten.

Zuhause wartete dann ein gutes Abendessen auf mich. Wenig später lagen wir alle wieder auf dem Sofa. Frauchen las, der alte Mann schaute noch eine Weile zu den leuchtenden Vierecken und ich streckte mich zufrieden aus. Draußen wurde es langsam still. Für heute gab es nichts mehr zu kontrollieren.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira


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