Heute Nacht muss wohl ein Regen übers Land gezogen sein. Ich sage muss wohl, weil ich mit meinen Menschen im warmen Bett lag und von nichts etwas mitbekommen habe. Es gab eigentlich überhaupt nichts, was auch nur im Entferntesten einer Meldung ans Rudel wert gewesen wäre. Bis weit vor ihrer üblichen Heimkehrzeit plötzlich Lilly vor dem Schlafzimmer auftauchte.
Für alle, die neu im Rudelbericht sind: Lilly ist eine unserer Katzen. Offiziell Teil des Rudels. Inoffiziell verfolgt sie ihre eigenen Projekte und informiert den Rest nur, wenn sie das für erforderlich hält.
Jedenfalls stand sie vor dem Schlafzimmer und schrie den alten Mann auf ihre ganz spezielle Art an. Nicht erschrocken. Nicht hilfesuchend. Sondern eher:
„Wieso hast du draußen wieder das Wasser angemacht, bevor ich mit allem fertig war?“
Menschen hören bei Katzen meistens einfach nur Miauen. Der alte Mann nicht. Der kann ihre Tonfälle erstaunlich gut unterscheiden. Ich sah richtig, wie er langsam wach wurde und schon ungefähr wusste, worum es ging. Nicht der Ton für „Ich habe Hunger“. Nicht der für „Ich habe ein Geschenk mitgebracht“. Nicht der für „Fee nervt“. Das war eindeutig der Ton für:
„Draußen stimmt etwas nicht und ich halte dich persönlich dafür verantwortlich.“
Und genau da beginnt mein Problem. Ich kann es nicht leiden, wenn Lilly sich anschleicht und an meiner Statt die Meldung macht. Das ist mein Job. Wenn nachts etwas am Haus passiert, wird das normalerweise ordentlich abgearbeitet: Lage prüfen, Menschen informieren, Anwesenheit zeigen, Sicherheit herstellen. Nicht direkt bis vors Schlafzimmer laufen und die Menschenverwaltung selbst ansprechen.
Der alte Mann brummelte darauf irgendetwas Unverständliches. Ich vermute eine Mischung aus Entschuldigung, Wetterbericht und dem Hinweis, dass er persönlich nicht für Regen zuständig ist.
Lilly war jedenfalls zufrieden. Sie drehte sich um, marschierte ins Katzenzimmer und verschwand dort mit der Selbstverständlichkeit eines Wesens, das seine Beschwerde erfolgreich eingereicht hat. Ich gehe davon aus, dass sie dort jetzt die nächsten Stunden oder Tage durchschlafen wird.
Nach dem Aufstehen trank der alte Mann noch einen Kaffee und machte sich dann tatsächlich auf ins Büro. Frauchen fragte: „Muss das noch sein?“ Der alte Mann murmelte etwas von Sachen fertig machen. Ich habe nicht alles verstanden. Menschen reden morgens oft undeutlich. Aber insgesamt kommt hier gerade immer mehr diese Stimmung auf. Nicht hektisch. Eher dieses leise Aufräumen im Kopf. Menschen schauen öfter auf Bildschirme. Es werden Dinge abgeschlossen. Kleine Routinen verschieben sich. Der alte Mann verschwindet noch einmal ins Büro, obwohl er eigentlich schon daheim ist. Und Frauchen stellt Fragen, deren Antwort sie vermutlich längst kennt.
Ich beobachte das. Denn Entlebucher achten auf Muster. Und diese Stimmung kenne ich. Es ist die Stimmung, die hier immer kurz bevor wir für eine Weile das Revier verlassen, auftaucht.
Auf der Morgenrunde mit Frauchen sah ich heute den großen Herdenschutzhund auf seiner Runde. Normalerweise liegt er hinter seinem Zaun, bei seinen Schafen. Man grüßt sich höflich. Nicht viel. Einfach dieses ruhige „Alles gut bei euch?“ – „Alles gut.“
Heute war er aber unterwegs. Und da musste ich an unsere erste richtige Begegnung denken. Das war vor ungefähr einem Jahr. Ich hatte Mädchenkram und war mit dem alten Mann unterwegs. Ich war an der Leine, es war schon Dämmerung und eigentlich erwartete ich nichts Besonderes. Und plötzlich stand er vor uns. Nicht hinter seinem Zaun. Einfach da.
Ein wirklich großer Herdenschutzhund. So ungefähr siebzig Kilo. Und ich möchte ausdrücklich sagen: Er ist ein echt Süßer. Freundlich, offen, überhaupt kein schlechter Kerl. Aber in diesem Moment offenbar der Meinung, dass er mal nachsehen sollte, wer ich so bin. Ich dagegen hatte an diesem Abend andere Prioritäten. Außerdem war ich an der Leine. Das verändert die Lage. Also musste ich ihn zurechtweisen. Nicht unhöflich. Nicht laut. Aber eindeutig. So ein klares:
„Kollege. Ich sehe, dass du nett bist. Aber wir kennen uns nicht und du stehst mir gerade etwas zu motiviert im Weg.“
Zu seiner Ehrenrettung muss man sagen: Er hat das sofort verstanden. Kein Theater. Kein Nachsetzen. Er nahm die Information entgegen, sortierte sich neu und Ich brachte ihn mit dem alten Mann noch ein Stück nach Hause.
Und heute war ich dran. Heute war ich nicht an der Leine. Heute war er unterwegs. Also machte ich einen Höflichkeitsbesuch. Ganz entspannt. Einmal hingehen, Guten Morgen sagen, Lage prüfen.
Frauchen beobachtete das mit gemischten Gefühlen. Sie blieb aber cool, langsam vertraut sie auch immer mehr darauf das ich weiß was ich tue. Ich glaube, Menschen finden es immer etwas aufregender als nötig, wenn ihre Entlebucher auf siebzig Kilo Hund zugehen und dabei aussehen, als hätten sie alles im Griff. Dabei hatte ich alles im Griff. Ich benehme ich in so einem Fall vorbildlich. Entlebucher dynamisch aber vorbildlich. Wir begrüßten uns höflich und gingen weiter.
Etwas später holte Frauchen das Gummistöckchen raus. Nun ist es so: Frauchen zergelt nicht gerne, wenn man zurückkommt. Und sie hat da ihre Probleme. Ihr wisst schon. Dieses leicht besorgte Menschengefühl bei schnell anfliegendem Entlebucher.
Deshalb war ich höflich.
Ich forderte nicht zum Zergeln auf, sondern trainierte ordentliches Abbremsen. Also nicht „Ich flieg in deinen Bauch und wir schauen, wer stabiler ist“, sondern kontrolliert ankommen, sauber wenden und auf weitere Anweisungen warten.
Gut, Körperkontakt ließ sich dabei nicht ganz vermeiden.
Beim zweiten Versuch wurde Frauchen trotzdem unverständlicherweise ungehalten. Menschen bewerten Geschwindigkeit oft emotional.
Der Vormittag verlief ruhig. Lilly schlief ihre Beschwerde aus, Frauchen machte Menschendinge und ich überwachte die Lage.
Dann kam der Paketmann. Frauchen öffnete die Tür und ließ sie angelehnt. Nun wissen wir alle: Wenn Menschen Türen nicht richtig schließen, braucht es Unterstützung. Also übernahm ich. Ich erklärte lautstark, dass ich hier für die Sicherheit zuständig bin und die Situation bereits aktiv bearbeitet wird.
Der Paketmann nahm die Information professionell entgegen. Frauchen dagegen drehte sich um und erklärte mir, alles sei in Ordnung. Es stellte sich heraus: Frauchen war nur schusselig.
Nicht mein Fehler.
Wenn Menschen Türen offen lassen und dann überrascht sind, dass jemand den Sicherheitsdienst informiert, müssen wir vielleicht noch einmal grundsätzlich über Zuständigkeiten sprechen. Ich habe meinen Teil jedenfalls erfüllt.
Der Paketmann lebt noch.
Später ging Frauchen mit mir wieder zum Großen Gieß. Menschen gehen zum Wasserloch, schauen aufs Wasser und tun dabei so, als hätten sie dort etwas Wichtiges zu erledigen. Ich habe das inzwischen akzeptiert. Jedenfalls waren Frauchen und ich allein unterwegs. Und da standen Menschen. Und starrten aufs Wasser.
Nun ist das aus Entlebuchersicht eine etwas unklare Situation.
Wenn Menschen irgendwo stehen und nichts werfen, nichts suchen und auch sonst keine erkennbare Aufgabe haben, muss man davon ausgehen, dass Gesprächsbedarf besteht. Also stellte ich vorsorglich klar, dass Fragen und Beschwerden bitte an mich zu richten sind.
Höflich. Aber deutlich. Nicht dauerhaft, also für einen Entlebucher. Nur kurz. So ein:
„Guten Tag. Ich bin heute zuständig. Frauchen ist Begleitung.“
Frauchen erklärte mir darauf, dass niemand etwas von uns wolle. Ich finde diese Einschätzung oft etwas optimistisch. Die Menschen schauten jedenfalls kurz zu uns rüber und danach wieder aufs Wasser. Ich nehme an, sie hatten keine weiteren Anliegen. Damit war die Lage geklärt.
Als wir später nach Hause kamen sagte Frauchen zum alten Mann ich wäre Montagszickig, was immer sie auch damit meint.
Ein guter Tage für einen Entlebucher.
Eure Eira.
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