Die innere Unruhe des alten Mannes hat in den letzten Tagen langsam zugenommen. Anfangs fiel es kaum auf. Aber seit Mittwoch konnte ich immer mal wieder diesen Blick sehen: ‚Ja, hier ist es schon schön, aber … Menschen scheinen eine seltsame Bindung an ihre Höhlen zu haben. Obwohl die Ersatzhöhle am großen See völlig in Ordnung ist. Gute Liegeplätze, geregelte Versorgung, ausreichend Auslaufmöglichkeiten und Wasser in akzeptabler Qualität. Trotzdem bemerkte ich die ersten Anzeichen: längere Blicke aufs Telefon, gelegentliche Bemerkungen darüber, was zuhause wohl gerade passiert, und dieses typische Menschenverhalten, gleichzeitig hier und gedanklich schon woanders zu sein.
Für morgen ist die Rückfahrt geplant. Ich kann das spüren.
Nicht auf eine geheimnisvolle Art. Eher so, wie Entlebucher Dinge eben spüren. Die Gespräche verändern sich. Es wird häufiger gerechnet, geplant und über Uhrzeiten gesprochen. Der alte Mann schaut auf Strecken statt auf Aussicht. Frauchen denkt darüber nach, was noch eingepackt werden muss. Die große Aufbruchsstimmung ist noch nicht da. Aber sie steht schon irgendwo vor der Tür und wartet darauf, hereingelassen zu werden.
Heute Morgen war kein gutes Wetter. Wir sind trotzdem los. Ich fand das vernünftig. Regen ist kein Grund, die Morgenrunde ausfallen zu lassen. Eine Morgenrunde hat schließlich eine Aufgabe. Man überprüft die Lage, sammelt Informationen und stellt fest, ob sich seit gestern etwas verändert hat. Wetter ist dabei eher ein Randthema.
Vielleicht wollten wir deshalb heute Morgen noch einmal etwas anderes sehen. Wir gingen in die andere Richtung am See entlang. Mehr Menschendinge, weniger Natur. Interessant, aber anders. Schon nach kurzer Zeit war klar: Das hier ist kein Abschnitt für klassische Revierarbeit. Mehr Wege, mehr Häuser, mehr Sitzgelegenheiten und deutlich mehr menschliche Nutzung des Ufers.
Trotzdem war es interessant.
Menschenbereiche haben ihre eigene Logik. Es gibt mehr zu beobachten, auch wenn vieles davon keinen offensichtlichen praktischen Nutzen hat. Wer sitzt wo? Wer bewegt sich wohin? Wer trägt Essen? Und warum stehen manche einfach nur am Wasser und schauen hinein, obwohl man dort weder schwimmen noch schnüffeln kann? Ich überprüfte die Lage trotzdem aufmerksam. Dann änderte sich die Situation. Zwischen all den Menschendingen tauchte plötzlich etwas auf, das deutlich interessanter war.
Eine Spur.
Ich nahm die Arbeit auf. Konzentriert, ruhig und ohne mich ablenken zu lassen. Die Richtung war nicht eindeutig, die Geschichte unvollständig, aber eindeutig lesbar genug, dass eine genauere Untersuchung notwendig erschien. Eine Zeit lang war ich vollständig darauf konzentriert. Der See, die Menschen und die allgemeine Stimmung rückten in den Hintergrund. Es gab nur noch Informationen am Boden. Ich folgte entschlossen weiter, sehr entschlossen. Nicht hektisch und nicht aufgeregt. Nur mit voller Aufmerksamkeit. Die Rute blieb unten. Nicht aus schlechter Laune. Das ist Arbeit. Irgendwann verlor sich die Spur endgültig oder wurde von zu vielen Menschengerüchen überlagert. Das gehört dazu. Nicht jede Untersuchung endet mit einem eindeutigen Ergebnis.
Außerdem waren wir inzwischen ziemlich nass. Die Menschen beschlossen deshalb die Rückkehr zur Ersatzhöhle. Ich hielt das für vertretbar. Informationen verarbeitet man oft besser im Trockenen. Zur Mittagszeit wurde der Betrieb weitgehend eingestellt. Die Menschen beschäftigten sich mit Essen und Ausruhen. Ich übernahm den ruhigeren Teil des Programms und führte eine angemessene Mittagsruhe durch. Dabei beobachtete ich weiter die allgemeine Stimmung im Rudel. Die innere Unruhe des alten Mannes war noch da. Nicht schlimm. Eher dieses typische Verhalten kurz vor dem Aufbruch: körperlich noch hier, gedanklich schon halb auf der Rückfahrt.
Am Nachmittag sollte noch einmal der Eisstand kontrolliert werden. Ich halte das für eine vernünftige Maßnahme. Wichtige Versorgungsstellen prüft man vor der Abreise besser noch einmal.
Das Aufregende passierte allerdings schon auf dem Weg dorthin. Wir kamen an einer Straßenbaustelle vorbei. Dort wurde Asphalt festgerüttelt. Ich fand die gesamte Situation ausgesprochen suspekt. Sehr laut. Komischer Geruch. Und der Boden bewegte sich, obwohl niemand rannte. Menschen standen erstaunlich entspannt daneben. Niemand meldete etwas. Niemand schien die Notwendigkeit zu sehen, diese Maschine wenigstens kurz zu beobachten.
Ich übernahm das. Das große Ding fuhr langsam hin und her und drückte mit erheblichem Lärm auf den Boden. Warum Menschen Wege kaputt machen, um sie anschließend mit Maschinen wieder festzudrücken, erschließt sich mir bis heute nicht vollständig.
Der Geruch war ebenfalls fragwürdig. Warm, schwer und eindeutig nicht essbar.
Ich blieb aufmerksam und hielt ausreichend Abstand.
Als wir weitergingen, bemerkte ich noch etwas. Die Spur vom Morgen war noch da. Das überraschte mich. In Bereichen mit vielen Menschendingen verschwinden Informationen normalerweise schnell. Aber diese hier war noch lesbar. Nicht mehr frisch. Nicht mehr klar. Eher wie eine Geschichte, die jemand halb verwischt hat. Ich nahm die Arbeit noch einmal auf. Es ergab sich kein neues Ergebnis.
Und kurz vor dem Anleger entdeckte ich die nächste Auffälligkeit. Dort war etwas festgebunden. Es bewegte sich im Wind. Es wollte offenbar weg und durfte nicht.
Nach genauer Beobachtung stellte sich heraus: ein Geburtstagsballon.
Menschen feiern Geburtstage, indem sie schwebende Gegenstände irgendwo befestigen. Warum genau, erschließt sich mir nicht vollständig. Ich kontrollierte die Lage sorgfältig. Angebunden schien keine Gefahr zu bestehen, solange man ausreichend Abstand hielt.
Danach erreichten wir den Eisstand. Dort hing ein Schild. Wetterbedingt geschlossen. Ich nahm die Information zur Kenntnis. Der alte Mann offenbar nicht. Seine Laune verschlechterte sich sichtbar. Ich möchte niemandem etwas unterstellen, aber nach meiner Beobachtung ist „wetterbedingt geschlossen“ ein erstaunlich dehnbarer Begriff. Das Wetter war schließlich direkt vor uns und machte keinen besonders geschlossenen Eindruck.
Wir akzeptierten die Lage trotzdem. Nicht jede Kontrolle endet erfolgreich. Das gehört zum Leben im Außeneinsatz.
Ein aufregender Tag für einen Entlebucher.
Eure Eira
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