Entlebucher Tagebuch – Montag, 22. Juni 2026. Heute ist ein Bürotag des alten Mannes. Die Vögel haben das nicht mitbekommen. Sie begannen ihr Tagelied schon, als der Himmel noch dunkelblau war und die ersten Gerüche der Nacht sich noch nicht ganz verzogen hatten. Normalerweise ist es zu dieser Stunde noch still im Haus, doch heute drang ihr Gezwitscher durch das geöffnete Fenster.

Frauchen hat es nicht gehört. Sie lag regungslos. Die Ohrstöpsel saßen tief in den Ohren. Das macht sie immer, wenn der alte Mann besonders laut schläft. Sein Schnarchen füllt dann das ganze Zimmer. Ich brauche keine Ohrstöpsel. Für mich gehört sein Atem zum Haus wie die Dielen und die Uhr. Menschen lösen solche Dinge anders.

Ich blieb noch eine Weile liegen und hörte zu. Die Vögel arbeiteten zuverlässig weiter. Dann knarrten die Dielen. Der alte Mann war wach. Für einen Bürotag deutlich zu früh. Kurz darauf das Gluckern der Kaffeemaschine, das Klirren der Tasse. Dann setzte er sich aufs Sofa. Also stand ich auf und ging zu ihm.

Er war nicht wirklich verärgert. Es war noch kühl, und er musste nicht gleich aus dem Haus. Also machten wir zwei die Morgenrunde. Die Luft ist noch kühl, ich rieche es aber: Es wird wieder heiß. Frauchen kann dann früher mit der Arbeit aufhören. Das halte ich für eine gute Entscheidung.

Zuerst die Ecke am Grundstück, dann die Straße entlang. Kurz vor dem Garten, in dem seit einiger Zeit Hühner und Kaninchen wohnen, saß wieder die graue Katze vor der Tür. Mittlerweile kennen wir uns. Wir grüßen kurz und bleiben bei unseren Aufgaben. Am Anfang war das schwieriger.

Auf den Feldern nutzte ich die Kühle aus und zeigte dem alten Mann noch einmal, dass ich hohes Gras von Feldern unterscheiden kann. Frauchen hatte das vor ein paar Tagen angezweifelt.

Natürlich war es nicht wie gestern im Kaltental. Aber die Luft war kühl genug, dass man wieder laufen konnte, ohne ständig langsamer werden zu müssen. Und wir haben wieder das Vor-Vor-Vor geübt. Die Bezahlung dafür war natürlich längst erfolgt. Der alte Mann weiß inzwischen, dass man gute Arbeit nicht auf Vertrauen erledigt.

Der Mäusebussard kreiste übrigens wieder über uns, wie die letzten Tage. Ich weiß nicht, ob er dort oben eigene Runden macht oder nur kontrolliert, ob wir unsere ordentlich laufen. Er blieb jedenfalls eine Weile bei uns. 

Als wir zurückkamen, war das Haus noch ruhig. Nur die Vögel arbeiteten weiter. Ich nehme an, sie haben keinen Bürotag.

Der alte Mann verließ das Haus gleich wieder und verschwand bis zum Abend, Frauchen schaute in die leuchtenden Rechtecke und sorgte dafür das ich zur rechten Zeit was zu essen bekam. Und ich … ich ging in den Ruhemodus. Heute für den Rest des Tages. Am Abend gerade noch kurz vor die Tür, geschäftliches erledigen.

Zu warm um zu sagen, ein guter Tag für einen Entlebucher.

Eure Eira.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert