Entlebucher Tagebuch – Samstag, 05. September 2026. Heute Morgen begann wie immer und doch anders. Es gab den Morgenkaffee für den alten Mann auf dem Sofa, aber immer wieder stand einer von den beiden auf, holte etwas und packte es ein. Es fehlte die Ruhe, mit der der alte Mann sonst den Tag beginnt.
Und noch etwas war anders: Der Himmel ließ heute Wasser auf die Erde fallen. Mal mehr, mal weniger. Die beiden passten einen Zeitpunkt ab, an dem der Himmel gerade eine Pause einlegte und wir die Morgenrunde starten konnten. Bei dem Wetter wollte ich nicht an den See. Also fragte ich höflich, ob wir nicht lieber über die Felder gehen sollten. Wie sich herausstellte, war das auch die Idee des alten Mannes gewesen. Damit war das schnell geklärt.
Die Revierkontrolle war heute allerdings eine besondere Angelegenheit. Durch den Regen war alles nass: die Wiesen, die Büsche, die Wege und natürlich auch die vielen Stellen, an denen ich sonst ganz genau weiß, wer hier unterwegs war. Aber nass riecht die Welt anders. Viele Gerüche waren viel deutlicher als sonst. Aus der nassen Erde stieg ein ganz eigener Duft auf, die Wiesen rochen intensiv nach Gras und in den Büschen schienen plötzlich alle möglichen Nachrichten gleichzeitig auf mich zu warten. Ich musste also gründlich sein. Sehr gründlich. Ein Revier lässt sich nicht einfach ungeprüft lassen, nur weil der Himmel meint, Wasser darauf verteilen zu müssen.
Wir waren noch nicht weit gekommen, da war die Pause des Himmels auch schon wieder vorbei. Danach war er offenbar hochmotiviert und ließ noch deutlich mehr Wasser auf uns herunterfallen. Frauchen meinte, es würde ja immer schlimmer. Der alte Mann sagte, sie könne ja schon zurückgehen, er würde noch mit mir bis zum Wald gehen. So wurde es dann auch gemacht. Wobei ich das immer ein bisschen unvernünftig finde. Wenn ein Rudel gemeinsam losgeht, sollte es meiner Meinung nach auch zusammenbleiben. Aber heute war die Revierkontrolle einfach zu interessant, als dass ich mich in diese Angelegenheit hätte einmischen wollen. Es gab genug zu erschnüffeln.
Als wir wieder zurück waren, wurde ich auf der überdachten Terrasse vor der Hütte erst einmal gründlich trockengelegt. Das ist bei diesem Wetter auch wirklich nötig, schließlich kann man ja nicht tropfnass ins Haus laufen. Der alte Mann hatte es da weniger gemütlich. Er grummelte vor sich hin, weil er noch einmal an die Koffer musste, um sich trockene Sachen zu holen.
Nach dem Frühstück wurden dann alle Sachen ins Auto gebracht. Der alte Mann trug sie, und ich kontrollierte natürlich, ob auch wirklich alles mitgenommen wurde. Man kann ja nie vorsichtig genug sein. Als er schließlich meinte, ich solle ins Auto einsteigen, musste ich allerdings noch einmal eine kleine Runde drehen. Erst über die Felder, dann in Richtung See und natürlich noch einmal an der Hütte vorbei. Ich wollte damit nur ganz deutlich machen, dass es mir hier eigentlich ausgesprochen gut gefällt und wir von mir aus gerne noch ein paar Tage bleiben könnten. Vielleicht auch deshalb, weil es hier keine großen leuchtenden Vierecke gibt.
Dann begann die lange Heimfahrt. Anfangs musste ich natürlich noch alles genau beobachten. Es ging noch gemütlich über Land und gab jede Menge zu sehen. Als der alte Mann dann aber das breite Steinband erreicht hatte und das Auto immer weniger Kurven fuhr, legte ich mich hin und überließ ihm die Arbeit. Frauchen fand das offenbar eine gute Idee und machte auch gleich die Augen zu.
Irgendwann fragte sie, wann das Auto denn gefüttert werden müsse. Die Antwort des alten Mannes kam prompt: „Zuhause.“ Das sah Frauchen allerdings ziemlich skeptisch und bestand trotzdem auf einer Pause. Die bekam sie dann auch. Ich übrigens ebenfalls – sogar mit Mittagessen. Das Auto bekam übrigens nichts. Nicht etwa, weil der alte Mann seinen Willen durchsetzen wollte, sondern ganz einfach, weil das Futter alle war. Aber er sollte recht behalten: Das Auto hielt bis nach Hause durch.
Dort wartete schon Daniel auf uns. Und dann gab es erst einmal eine ordentliche Entlebucher-Begrüßung. Wildes Anspringen, Zergeln und alles, was zu einer richtigen Begrüßung gehört. Ich glaube, Daniel hat sich gefreut, mich wiederzusehen. Zumindest hat er sich nicht beschwert. Danach haben wir noch alle zusammen gegessen. Leider musste Daniel schon bald wieder fahren, weil er noch etwas zu essen einkaufen wollte. Das fand ich natürlich schade. Aber wenn man den Kühlschrank füllen muss, kann selbst ich einen solchen Grund nachvollziehen.
Nach der anstrengenden Heimfahrt ließen wir den Tag dann ganz ruhig ausklingen. Der alte Mann hatte inzwischen auch den Kühlschrank aufgefüllt, das Auto gefüttert und ansonsten mit Fee herumgelegen. Die sah übrigens ziemlich zufrieden damit aus, dass der alte Mann wieder da war. Für Frauchen und mich hatte das einen angenehmen Nebeneffekt: Auf dem Sofa war jetzt wieder ausreichend Platz.
Später machten wir dann noch alle zusammen – also alle ohne Fee – eine Runde über die Felder. Das Revier war ein paar Tage ohne mich ausgekommen, und das musste ich mir natürlich genauer ansehen.
Gleich zu Beginn kamen uns zwei Mädchen entgegen. Der alte Mann lief bereits einen kleinen Bogen mit mir, was ich durchaus vernünftig fand. Trotzdem drehte sich eines der Mädchen zu uns um, streckte die Hand aus und rief: „Oh, wie süß!“
Süß?
Ich bin nicht süß.
Ich bin der Sicherheitsdienst.
Das musste ich natürlich kurz und eindeutig mitteilen. Eine kleine Meldung genügte. Sie verstand sofort, dass meine persönliche Sicherheitszone nicht für spontane Streicheleinheiten geöffnet war, und versuchte gar nicht erst, mich anzufassen.
Danach begann die eigentliche Kontrolle. Ich arbeitete mich über die Wiese, am Weg entlang und durch die Büsche. Überall gab es neue Gerüche. Wer war hier unterwegs gewesen? Welche Hunde hatten Nachrichten hinterlassen? Was hatte sich verändert?
Der Regen hatte auch hier seine Spuren hinterlassen. Manche Gerüche waren intensiver als sonst, andere kaum noch wahrzunehmen. Immer wieder blieb ich stehen, nahm die Luft auf und entschied, ob eine Nachricht genauer untersucht werden musste oder ob sie einfach zur Kenntnis genommen werden konnte.
Auch die entfernteren Ecken unseres Reviers kamen an die Reihe. Kein Bereich sollte unbeachtet bleiben. Ein paar Tage Abwesenheit reichen aus, damit sich einiges verändert.
Also Nase runter und gründlich arbeiten.
Erst als ich wirklich sicher war, dass alles wieder seine Ordnung hatte, konnten wir den Heimweg antreten.
Zurück zu Hause wurde es dann endgültig ruhig. Der alte Mann lag mit Fee auf dem Sofa, Frauchen und ich hatten ebenfalls unseren Platz gefunden.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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