Entlebucher Tagebuch – Donnerstag, 03. September 2026. Heute Morgen war der alte Mann tatsächlich als Erster aus dem Bett. Warum, bleibt ein kleines Geheimnis. Vielleicht wollte er beweisen, dass er es noch kann. Vielleicht war er einfach schon wach. Genau weiß man das bei Menschen ja nie. Seinen Morgenkaffee nahm er jedenfalls schon gemeinsam mit Frauchen ein, und ich beobachtete die beiden aufmerksam. Wenn sich am Morgen etwas an der gewohnten Reihenfolge ändert, sollte man als Entlebucher besser genau hinschauen. Die Morgenrunde ging an den See. Dort musste ich natürlich erst einmal nach dem Rechten sehen. Das Ufer wurde gründlich kontrolliert, die bekannten Stellen überprüft. Man weiß ja nie, wer sich seit gestern irgendwo herumgetrieben hat. Und tatsächlich – da entdeckte ich etwas auf dem Wasser. Einen Leuchtturm. Genauer gesagt einen schwimmenden Leuchtturm, der offenbar in erhebliche Schwierigkeiten geraten war. Er trieb da draußen ganz allein herum und machte nicht den Eindruck, sich selbst aus dieser misslichen Lage befreien zu können. Da konnte ich schlecht einfach weitergehen. Ich beobachtete ihn eine Weile sehr genau, in der stillen Hoffnung, er würde sich von allein retten. Tat er aber nicht. Ich musste eingreifen – ein bisschen Spiel gehörte selbstverständlich dazu, denn eine ordentliche Rettungsaktion darf durchaus Spaß machen. Erst nachdem der Leuchtturm seine Rettung akzeptiert hatte, konnten wir am Malerwinkel vorbei unseren Weg fortsetzen und den See langsam hinter uns lassen. Es wurde ruhiger, keine dringenden Einsätze mehr, und so ging es zum Abschluss noch zum Frühstück in unsere Ersatzhöhle.
Eine große Pause gab es danach allerdings nicht. Wir brachen bald wieder auf und fuhren ein paar Orte weiter mit dem Auto. Ich fand das unnötig – am See hätten wir schließlich gleich laufen können. Aber Menschen haben manchmal ihre eigenen Vorstellungen davon, wie ein Spaziergang zu beginnen hat. Zuerst fuhr der alte Mann in den Ort, doch nach kurzer Zeit war klar, dass das kein besonders guter Startpunkt war. Zum Glück hatte Frauchen den besseren Überblick und lotste uns noch ein Stück weiter zu einer anderen Stelle. Und siehe da: Von dort waren wir praktisch sofort im Grünen und am See, und nach ein paar Metern durften dort sogar keine Fahrräder mehr fahren. Perfekt. So gefällt mir ein Spazierweg – keine Fahrräder, viel Natur und genügend Gelegenheit, mit der Nase nach dem Rechten zu sehen.
Nur eine Sache störte diese Idylle: Im See hatten sich Dutzende, vielleicht sogar hundert Gänse versammelt. Damit war mein eigentlich schon fest eingeplanter, ungestümer Sprung ins Wasser offenbar gestrichen. Die Menschen waren der Meinung, ich müsse mich ihnen gegenüber etwas zurückhalten. Ich war anderer Meinung, musste mich aber wie so oft den Entscheidungen der Menschen beugen – zumindest solange ich noch nicht herausgefunden habe, wie man sie davon überzeugt, dass eine ordentliche Gänsekontrolle unbedingt aus nächster Nähe erfolgen muss.
Wir liefen stattdessen unter schattenspendenden Bäumen dicht am See entlang. Ab und zu kreuzten Fußgänger unseren Weg, was mich überhaupt nicht störte – die gehörten zum normalen Spaziergang. Interessanter wurde es erst, als eine größere Gruppe auf uns zukam: nicht nur Menschen, sondern auch ein paar Zwergponys und Esel. Da wurde ich natürlich ein bisschen aufgeregt, blieb aber trotzdem ganz brav und benahm mich vorbildlich. Das kann ich, wenn es darauf ankommt. Trotzdem sah man mir, glaube ich, ziemlich deutlich an, dass ich so ein richtiges Nase-an-Nase mit einem der Pferdchen durchaus interessant gefunden hätte. Nur Frauchen war offenbar der Meinung, wir sollten uns lieber mit etwas mehr Abstand begegnen. Schade eigentlich.
Als wir schon eine ganze Weile gegangen waren und inzwischen wieder Fahrräder erlaubt waren, beschlossen die beiden, dass es Zeit für den Rückweg war. Mir war das ganz recht, denn der Rückweg hielt noch eine kleine Überraschung bereit: Wir trafen die Pferdchen und den Esel noch einmal. Das war viel besser, als einfach denselben Weg zurückzulaufen. Ich blieb wieder brav, obwohl ich die Vierbeiner durchaus noch einmal etwas genauer unter die Lupe genommen hätte. Man muss ja wissen, mit wem man es zu tun hat.
Irgendwann wurden meine Pfoten müde, und selbst die interessantesten Gerüche konnten daran nichts ändern. Zurück in der Ersatzhöhle war deshalb erst einmal eine ausgedehnte Ruhepause angesagt. Wir hatten am Vormittag einiges erlebt, und eine ordentliche Entlebucher-Nase braucht zwischendurch etwas Erholung.
Lange genug war es dann aber auch, denn am Nachmittag fand ich, dass es höchste Zeit wurde, wieder etwas Sinnvolles zu tun. Ich begann, Frauchen und den alten Mann dezent darauf hinzuweisen, dass die Felder und Wälder rund um die Hütte dringend einer gründlichen Kontrolle bedurften. Mit dezent meine ich natürlich: Ich drängelte. Man kann schließlich nicht erwarten, dass ein Entlebucher den ganzen Nachmittag herumliegt, während draußen das Revier unbeaufsichtigt bleibt.
Die Revierkontrolle bot wieder alles, was sich in den letzten Tagen schon als sinnvoll herausgestellt hatte: Ich konnte große Kreise über die Felder ziehen, dem Ball bei weiten Würfen hinterherjagen und dazwischen immer wieder anhalten, um die vielen interessanten Gerüche gründlich zu überprüfen. Besonders angenehm war dabei der weiche, federnde Waldboden unter meinen Pfoten. Da läuft es sich gleich noch viel besser. Und wenn man schon einmal ordentlich unterwegs ist, kann man die Gelegenheit nutzen und noch ein paar größere Kreise ziehen.
Am Ende gab es sogar noch den Höhepunkt: einen gewaltigen Sprung über den Graben, gemeinsam mit dem alten Mann. Das hat hervorragend funktioniert.
Frauchen musste den alten Mann danach allerdings wieder an der Hand nehmen. Warum, habe ich nicht ganz verstanden. In Rosenheim war sie schließlich über einen Kanal gestiegen, der mindestens genauso breit war, und da hatte sie auch niemand an die Hand genommen. Menschen sind manchmal wirklich schwer zu verstehen.
Bevor der Abend auf dem Sofa ausklingen konnte, machte Frauchen noch eine Runde Tiernamen-Turnen. Diese Zeit nutzten der alte Mann und ich, um die letzten wichtigen Geschäfte des Tages zu erledigen – man kann sich schließlich nicht einfach aufs Sofa legen, wenn noch nicht alles erledigt ist.
Danach lag ich auf meinem Platz. Die Pfoten schwer, das Fell noch warm vom Waldboden, ließ ich den Tag ausklingen.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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