Entlebucher Tagebuch – Mittwoch, 22. Juli und Donnerstag 23. Juli 2026. Gestern war ein ruhiger Tag. Ich absolvierte pflichtbewusst meine Kontrollgänge, doch abgesehen davon gab es nichts, was meine besondere Aufmerksamkeit verlangt hätte. Manchmal sind genau das die besten Tage. Alles ist so, wie es sein soll, und ein Entlebucher kann zufrieden feststellen, dass sein Revier in bester Ordnung ist.
Kurz vor dem Schlafengehen kam dann der alte Mann wieder nach Hause. Natürlich wurde er erst einmal so begrüßt, wie es sich gehört. Nach einer ausreichend überschwänglichen Begrüßung war das Rudel wieder vollständig – und genau so sollte ein Tag auch enden.
Heute musste der alte Mann noch einmal ins Büro. Da er mit dem Büroauto unterwegs war, übernahm Frauchen die morgendliche Revierkontrolle mit mir. Das machte für mich keinen großen Unterschied. Schließlich muss das Revier unabhängig davon kontrolliert werden, welcher Mensch gerade Dienst hat. Ich achtete wie immer darauf, ob sich über Nacht etwas verändert hatte, und konnte anschließend zufrieden melden, dass alles seine Ordnung hatte.
Auch wenn die morgendliche Runde keine Auffälligkeiten zeigte und Katzen, Füchse und andere Hunde offenbar längst etwas anderes zu tun hatten, gab es doch etwas, das ganz und gar nicht in meinem Sinn war. Frauchen hatte die Leckerlis vergessen. Jawohl … vergessen.
Unter diesen Umständen konnte ich natürlich keine Rücksicht darauf nehmen, dass sie normalerweise nicht ganz so schnell unterwegs ist. Wenn die Belohnung schon zu Hause liegen bleibt, muss man eben zusehen, dass man möglichst rasch wieder dorthin zurückkommt. Also gab ich ein zügiges Tempo vor und war der Meinung, dass Frauchen das durchaus als sinnvolle Trainingsmaßnahme betrachten durfte.
Im Laufe des Morgens kam dann ein fremder Mann ins Haus. Bei solchen Gelegenheiten schickt mich der alte Mann grundsätzlich auf meinen Platz. Das mache ich natürlich auch. Wenn Frauchen allerdings allein zu Hause ist und Besuch kommt, läuft das Ganze deutlich angenehmer ab. Sie schickt mich ebenfalls auf meinen Platz, hat mir diese Regel aber mit einem Kong voller leckerem Fleisch ausgesprochen schmackhaft gemacht.
Ich finde, der alte Mann könnte sich daran ruhig ein Beispiel nehmen. Wenn ich mich schon vorbildlich auf meinen Platz begebe, gehört eine angemessene Belohnung schließlich dazu. Ein Kong wäre dafür eine ausgesprochen sinnvolle Lösung – und ich bin sicher, die Bereitschaft zur Mitarbeit würde dadurch noch einmal deutlich steigen.
Am Nachmittag musste der alte Mann dann mit dem Bus nach Hause kommen, nachdem er das Büroauto wieder im Büro hatte stehen lassen müssen. Nach solchen Fahrten ist er meistens ein wenig grummelig. Ich habe die Sache deshalb gar nicht erst lange beobachtet, sondern ihn direkt zur Nachmittagsrunde aufgefordert.
Das wirkt erstaunlich zuverlässig. Kaum sind wir gemeinsam unterwegs, wird seine Stimmung mit jedem Schritt besser. Manchmal haben Menschen eben eine etwas längere Anlaufzeit. Zum Glück weiß ich inzwischen ziemlich genau, wie man ihnen dabei helfen kann.
Während unserer Nachmittagsrunde konnte ich in aller Ruhe die Gerüche überprüfen und feststellen, was sich seit dem Morgen alles im Revier getan hatte. In der Stadt mussten wir dann noch einer Horde Kinder auf Skates, Rollern und Fahrrädern ausweichen. Früher hätte ich diese kleinen Nervensägen vielleicht etwas genauer im Auge behalten, inzwischen klappt das aber ganz ohne Probleme. Man muss ihnen nur genügend Platz lassen und darauf vertrauen, dass sie irgendwann auch wieder vorbeigerollt sind.
Auf den Feldern hätte ich dann eigentlich wieder richtig losrennen können. Aber irgendwie halte ich mich im Moment noch ein wenig zurück. Vielleicht denke ich noch an die vergangene Woche zurück. Oder ich bin einfach der Meinung, dass man den alten Mann im Augenblick etwas genauer im Auge behalten sollte, nachdem er einfach mehrere Tage verschwunden war. Man weiß ja nie, auf welche Ideen Menschen kommen, wenn man sie nicht regelmäßig kontrolliert.
Dann lag auf einmal eine riesige Rolle am Wegesrand. Die gehörte dort ganz eindeutig nicht hin. Das habe ich der Rolle auch sofort deutlich zu verstehen gegeben. Schließlich tauchen solche Dinge nicht einfach über Nacht im Revier auf, ohne dass ein verantwortungsbewusster Entlebucher sie zunächst einmal meldet.
Der alte Mann blieb ganz ruhig stehen und ließ mir die Zeit, mir diesen merkwürdigen Eindringling in meinem eigenen Tempo genauer anzusehen. Ich umrundete die Rolle vorsichtig, prüfte ihren Geruch von allen Seiten und hielt dabei einen gesunden Sicherheitsabstand ein. Man kann schließlich nie wissen, ob sich so ein Ding nicht doch plötzlich bewegt.
Nach einer gründlichen Untersuchung kam ich zu dem Ergebnis, dass die Rolle offenbar keine bösen Absichten hatte. Sie bestand lediglich aus Stroh, roch nach frisch geerntetem Feld und blieb völlig regungslos liegen. Trotzdem gehört sie dort nicht hin. Irgendjemand sollte sie möglichst bald wieder abholen. Sonst liegen am Ende überall solche riesigen Strohdinger im Revier herum, und das kann auf Dauer nicht im Sinne einer ordentlichen Revierführung sein.
Im Laufe der Runde übte der alte Mann mit mir noch ein paar Kommandos. Das klappte natürlich zuverlässig, schließlich gehört regelmäßiges Training zu den Aufgaben eines Entlebuchers. Dazwischen ließ er mir aber auch genügend Zeit, das eine oder andere Mausloch, das nach der Ernte jetzt wieder gut zu finden ist, gründlich unter die Lupe zu nehmen.
Nur als ich der Meinung war, eines dieser Mauslöcher etwas genauer freilegen zu müssen, schritt der alte Mann ein. Offenbar war er nicht derselben Ansicht wie ich, was den Umfang einer ordentlichen Untersuchung angeht. Damit konnte ich allerdings leben. Man muss Menschen schließlich auch das Gefühl geben, hin und wieder eine Entscheidung getroffen zu haben.
Wieder zu Hause hatte keiner von uns etwas dagegen, den Tag ganz langsam ausklingen zu lassen. Nach der Runde war alles Wichtige erledigt, und das Sofa erwies sich einmal mehr als ein ausgesprochen geeigneter Ort, um die Ereignisse des Tages nachwirken zu lassen.
Ich denke allerdings, der alte Mann sollte diese langen Ausflüge ohne uns künftig lieber bleiben lassen. Irgendwie scheint ihm das nicht besonders gut zu bekommen. Gemeinsam sind wir schließlich ein deutlich besser eingespieltes Team – und außerdem kann ich dann jederzeit darauf achten, dass er keinen Unsinn macht.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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