Entlebucher Tagebuch – Donnerstag, 25. Juni 2026. Die Vögel haben ihren Weckauftrag vor Sonnenaufgang mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit erledigt. Niemand hatte ihn erteilt. Das hielt sie nicht auf.

Nach einem frühen Kaffee machte sich der alte Mann fertig und wir begannen mit der Morgenrunde. Dabei fiel mir auf: Entweder hatte er ungewöhnlich viel Zeit oder er hatte beschlossen, sich davon nicht mehr einschüchtern zu lassen, keine zu haben. Alte Männer wirken in solchen Momenten erstaunlich ähnlich. Sie bewegen sich langsamer, bleiben häufiger stehen und schauen nicht ständig auf Dinge, die piepsen.

Für mich war das angenehm. Morgenrunden mit Zeit sind anders. Weniger Strecke vielleicht, aber mehr Gerüche. Und deutlich weniger dieses grundlose „Komm weiter“, als würde irgendwo ein Napf auslaufen. Nach dem Friedhof durfte ich wieder frei laufen. Dass ich Füchse anschauen kann, ohne sofort eigene Entscheidungen zu treffen, hatte ich wohl oft genug vorgeführt. Der alte Mann nennt so etwas Vertrauen. Ich nenne es Statistik.

Ich nutzte die noch vorhandene Nachtkühle, um mein Rennpensum zu erfüllen. Entlebucher müssen Gelegenheiten erkennen, wenn sie sich bieten. Entsprechend war ich bald deutlich vor dem alten Mann. Kurz vor der Stelle, an der sich Feldrunde und Samurunde trennen, kam uns eine frühe Wanderin entgegen. Trotz der Entfernung hörte ich natürlich auf den alten Mann und sorgte dafür, dass er mich an der Frau vorbeigeleitete.

Nicht weil es nötig gewesen wäre. Aber manche Menschen fühlen sich bei einem frei laufenden Entlebucher unwohl. Das ist nicht vernünftig, aber es kommt vor. Man muss Menschen nicht alles erklären. Manchmal reicht es, ihnen zu zeigen, dass man Rücksicht nehmen kann.

Wir ließen uns weiter Zeit. Oder besser gesagt: Der alte Mann ließ sich Zeit. Ich erledigte währenddessen zusätzlich meine Laufarbeit. Er hat am Ende sicher nur einen Bruchteil meiner Strecke absolviert. Das liegt nicht an mangelndem Willen. Menschen haben einfach eine merkwürdige Bauweise. Zwei Beine, begrenzte Geschwindigkeit und erstaunlich wenig Interesse daran, zwischendurch grundlos in voller Geschwindigkeit einen Hang hinaufzurennen und wieder zurück. Man darf ihnen das nicht vorwerfen. Dafür tragen sie Wasser und öffnen Türen.

An einer flachen Wiese trainierten wir wieder das mit den bunten Platten am Boden. Ich verstehe bis heute nicht vollständig, warum Menschen Dinge auf den Boden legen und sich dann freuen, wenn man gezielt darauf tritt. Aber es scheint ihnen wichtig zu sein.

Also machte ich gute Arbeit.

Und gute Arbeit wird bezahlt.

Das System hat sich bewährt. Der alte Mann bekommt seine Übungen, ich bekomme meinen Lohn und alle tun so, als ginge es dabei um Erziehung und nicht um einen sauber organisierten Leistungsaustausch.

Kurz vor Zuhause sah ich es dann: Der alte Tränkbrunnen hatte wieder Wasser. Vor ein paar Tagen hatten wir beobachtet, wie Menschen ihn hergerichtet haben. Seitdem war er trotzdem trocken geblieben. Offenbar hatte man ihn nach dem Winter noch nicht wieder in Betrieb genommen. Heute war das anders.

Natürlich habe ich die Situation überprüft. Man kann sich bei Wasser nicht auf Sicht verlassen.

Ergebnis: Der Brunnen ist wieder voll.

Ich würde sagen, die Arbeiten wurden erfolgreich abgeschlossen. Entlebucher-Qualitätskontrolle bestanden.

Dass der vernünftige Entlebucher danach in den Sommermodus schaltet, muss ich bei diesen Temperaturen wohl nicht noch einmal extra erwähnen. Der Pflichtteil des Tages war erledigt. Danach gilt das übliche Sommerprotokoll: Schatten aufsuchen, Bewegungen auf das notwendige Maß reduzieren und Menschen dabei beobachten, wie sie überrascht feststellen, dass es warm ist.

Ein guter Tag für einen Entlebucher

Eure Eira


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