Die Nacht hatte frei

Die Nacht hatte frei

Entlebucher-Tagebuch – Sonntag, 28. Juni 2026 Als der alte Mann von einem verhaltenen Vogelkonzert geweckt wurde, beobachtete ich ihn nur kurz. Auf die gründliche Kontrolle seiner Vitalzeichen verzichtete ich. Ich hatte bereits zu dieser frühen Stunde beschlossen, heute Hitzefrei zu machen. Manche Entscheidungen trifft man am besten, bevor die Sonne mitreden möchte.

Man sah dem alten Mann an, dass er zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen war. Mit einer Tasse Kaffee setzte er sich aufs Sofa und murmelte mehr zu sich selbst als zu irgendjemandem: „Heute ist es eh schon egal. Heute Nacht soll es ja besser werden …“

Niemand hatte es eilig, zur Morgenrunde aufzubrechen. Die Hitze schien den Tag schon vor Sonnenaufgang ausgebremst zu haben. Das Bemerkenswerte war allerdings, dass wir trotzdem kaum später loskamen als an anderen Tagen.

Als wir nach draußen kamen, merkten wir sofort, dass die Nacht heute ihren Dienst verweigert hatte. Keine Spur von der erhofften Abkühlung. Die Luft war warm und schwer, als wäre der gestrige Tag einfach ohne Pause weitergelaufen.

Wir machten uns trotzdem auf den Weg. Man kann das Revier schließlich nicht sich selbst überlassen. Allerdings waren wir uns einig, dass es heute nur eine kurze Runde werden würde.

Also gingen wir unsere gewohnte Strecke. Ein kurzer Blick in die Straßen, ein prüfender Blick zu den Gärten, den vertrauten Gerüchen nachspüren und nachsehen, ob sich über Nacht etwas verändert hatte.

An der ersten Wiese klopfte es plötzlich aus dem alten Baum, in dem das Eichhörnchen wohnt. Es dauerte einen Moment, bis wir den Verursacher entdeckten. Ein Specht arbeitete konzentriert am Stamm und ließ sich von unserer Anwesenheit überhaupt nicht beeindrucken.

Alles schien in Ordnung. Die Grenzen des Reviers waren unverändert, niemand hatte etwas hinterlassen, das unsere Aufmerksamkeit länger beansprucht hätte. Damit war unsere Aufgabe erfüllt.

Auf dem Anstieg zum Brombeerwäldchen begegneten wir der Füchsin auf ihrem letzten Kontrollgang. Wir sahen uns einen kurzen Moment an. Mehr war nicht nötig. An diesem Morgen wusste jeder, dass jede weitere Interaktion unnötige Kraft kosten würde. Sie verschwand im Dickicht, und ich trabte neben dem alten Mann weiter.

So gingen wir ruhig nach Hause. Jetzt blieb nur noch, auf den Regen zu warten.

Es gibt Tage, an denen selbst das Schreiben anstrengend ist. Heute ist so ein Tag. Deshalb mache ich es wie alle anderen vernünftigen Bewohner unseres Reviers: Ich warte auf den Regen.

Ein zu warmer Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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