Dienstag, 26. Mai 2026 –
Der Montag war eigentlich gerade erst vorbei, als die Nachtschicht schon wieder organisatorisch völlig aus dem Ruder lief.
Das Schlafzimmer liegt nämlich zur Straßenseite hinaus und jetzt im Sommer bleibt nachts das Fenster offen. Grundsätzlich finde ich das gut. Frische Luft, viele Gerüche und akustisch hervorragende Übersicht über das halbe Städle.
Der alte Mann behauptet zwar, nachts sei dort draußen „meistens nichts los“, aber das stimmt objektiv einfach nicht. Ab und zu schreit irgendwo eine Katze herum, als würde sie gerade tragisch verlassen werden, und nach Festen laufen regelmäßig diese „fröhlichen“ Menschen vorbei, die offenbar glauben, nachts um halb drei wäre ein hervorragender Zeitpunkt für lautstarke philosophische Gespräche mitten auf der Straße.
Menschen ignorieren sowas erstaunlich konsequent.
Ein Entlebucher natürlich nicht.
Also hatte ich heute Nacht wieder eine Diskussion mit dem alten Mann über den Sinn professioneller Alarmmeldungen im ersten Stock. Meiner Meinung nach völlig logisch: Wenn irgendwo Metall klappert, Menschen herumgrölen oder eine Katze klingt wie ein medizinischer Notfall, meldet man das selbstverständlich kurz weiter.
Nicht hysterisch.
Nur verantwortungsbewusst.
Der alte Mann sieht das leider deutlich weniger arbeitsorientiert. Irgendwann kam wieder dieses verschlafene:
„Eira… es reicht.“
Was organisatorisch schwierig ist.
Woher soll ich wissen, dass „es reicht“, wenn die Lage noch gar nicht vollständig analysiert wurde?
Die eigentliche Diskussion endete irgendwann gegen drei Uhr morgens, nachdem zwei Menschen draußen vorbeiliefen und sich in dieser speziellen Lautstärke unterhielten, die Betrunkene offenbar für „leise“ halten.
Der alte Mann murmelte nur:
„Das sind nur Leute.“
Ja natürlich sind das Leute.
Das Problem ist doch gerade, DASS es Leute sind.
Trotzdem schliefen wir irgendwann wieder ein.
Zumindest für ungefähr anderthalb Stunden.
Denn dann begann Frauchens Dienstagsritual — da fährt sie ins Büro.
Ihr völlig fragwürdiger Wecker klingelt nämlich um 4:55 Uhr morgens. Nicht einmal die Vögel wirken um diese Uhrzeit vollständig organisiert.
Ich frage mich sowieso bis heute, ob Frauchens Büro eigentlich dasselbe ist wie das vom alten Mann. Der nimmt mich nämlich ab und zu mit und dort ist es organisatorisch durchaus akzeptabel. Menschen, Kaffeeduft, interessante Gänge und gelegentlich herunterfallendes Essen. Bei Frauchen scheint das dagegen komplizierter zu sein.
Sie sagt immer:
„Das geht nicht so einfach.“
Fehlt eigentlich nur noch, dass sie behauptet, ich wäre schwierig.
Der eigentliche Skandal bleibt aber ihr Wecker. Frauchen argumentiert dann immer mit Parkplätzen. Angeblich sei nach sechs Uhr „alles unmöglich“. Menschen führen erstaunlich viele frühe Entscheidungen auf Parkplatzsituationen zurück.
Der alte Mann dagegen schleppt sich irgendwann mit Kaffee aufs Sofa und beobachtet das ganze Geschehen erstmal misstrauisch aus sicherer Entfernung. Wie ein sehr müder Wildhüter, der nicht versteht, warum um diese Uhrzeit überhaupt schon Leben stattfindet.
Während Frauchen erstaunlich motiviert durch die Wohnung läuft, Kleidung sucht und irgendwie gleichzeitig wach wird, sitze ich selbstverständlich mitten im Geschehen. Wenn morgens um kurz vor fünf plötzlich Aktivität entsteht, geht ein verantwortungsvoller Entlebucher ja nicht einfach wieder schlafen. Vielleicht passiert etwas Wichtiges. Vielleicht bricht jemand auf Expedition auf. Vielleicht fällt Käse herunter.
Man muss vorbereitet sein.
Besonders irritierend finde ich allerdings, dass Frauchen um diese Uhrzeit tatsächlich gute Laune haben kann. Das wirkt biologisch fragwürdig.
Der alte Mann behauptet manchmal, niemand könne morgens vor fünf Uhr freiwillig freundlich sprechen. Frauchen beweist dienstags regelmäßig das Gegenteil.
Irgendwann fällt dann die Haustür ins Schloss und plötzlich wird es still. Der alte Mann schaut noch kurz in seine Kaffeetasse, seufzt tief und sagt: „Jetzt könnten normale Lebewesen eigentlich weiterschlafen.“
Heute allerdings war er erstaunlich aktiv. Kaum hatte ich mich innerlich schon auf kontrolliertes Ausschlafen eingestellt, stand er plötzlich wieder auf und meinte:
„Früh genug für einen langen Spaziergang vor der Hitze.“
Ich war sofort einverstanden.
Frühmorgens draußen unterwegs zu sein ist sowieso die beste Zeit. Die Luft kühl, alles riecht frisch und die Welt wirkt organisatorisch deutlich vernünftiger als später am Tag.
Und das Gras! Man was konnte ich heute durchs nasse Gras wetzen.
Volles Tempo. Wasser spritzt bis unter den Bauch, die Pfoten fliegen und der Wind rauscht an den Ohren vorbei. Genau dafür wurde ein Entlebucher gebaut.
Der alte Mann grinste irgendwann nur noch und ließ mich laufen. Was vernünftig war. Ein Hund sollte morgens schließlich einmal ordentlich Geschwindigkeit aufnehmen dürfen, bevor die Sonne wieder alles in eine warme Klimakatastrophe verwandelt.
Früher wurde der alte Mann dabei manchmal noch leicht nervös, wenn meine „kurze Erkundung“ plötzlich etwas größer ausfiel als ursprünglich geplant. Inzwischen bleibt er erstaunlich ruhig. Er weiß mittlerweile ziemlich genau, wie ein Entlebucher funktioniert.
Ich verschwinde nicht. Ich erweitere nur kurzfristig den Einsatzradius.
Mal kurz über die Kuppe, einmal durchs hohe Gras oder schnell prüfen, ob hinter dem nächsten Busch organisatorisch etwas Interessantes passiert.
Und dann passiert meistens dasselbe:
Ein paar Momente lang sieht und hört man absolut nichts von mir. Der alte Mann läuft einfach weiter. Ganz ruhig. Kein Rufen, keine Panik und vor allem keine peinlichen Pfeifkonzerte wie bei manchen anderen Menschen.
Und plötzlich schieße ich mit völlig übertriebener Geschwindigkeit aus einer komplett unerwarteten Richtung wieder auf ihn zu.
Manchmal von links.
Manchmal von rechts.
Einmal kam ich, glaube ich, fast aus physikalisch unmöglichem Winkel aus einem Gebüsch geflogen.
Der alte Mann behauptet inzwischen, ich würde das absichtlich machen.
Natürlich tue ich das.
Ein Entlebucher möchte schließlich nicht, dass Spaziergänge vorhersehbar werden. Außerdem finde ich es wichtig, dass der alte Mann geistig beweglich bleibt. Trotzdem bleibt er inzwischen erstaunlich entspannt dabei. Ich glaube, er hat irgendwann verstanden, dass ich ihn draußen permanent im Blick habe, selbst wenn ich gerade so tue, als wäre ich völlig selbstständig unterwegs.
Und ehrlich gesagt stimmt das auch.
Ein Entlebucher entfernt sich vielleicht mal. Aber sein Rudel verliert er trotzdem nie aus dem Kopf.
Dann kamen wir allerdings an die Senke.
Und plötzlich:
Leine.
Der alte Mann blieb stehen, schaute Richtung Wiese und sagte:
„Ich muss gucken ob da die Rehe sind.“
Organisatorisch habe ich dazu mehrere Anmerkungen.
Erstens:
Ich bin ein vorbildlicher Sennenhund.
Auch bei Rehen.
Zweitens:
Es waren überhaupt keine Rehe da.
Nicht eins.
Ich habe das selbstverständlich sofort professionell überprüft. Vollständig leere Lage.
Und drittens — jetzt kommt der eigentliche Skandal:
Ich musste trotzdem an der Leine bleiben.
Wegen eines Fuchses.
Angeblich lief irgendwo dort unten ein Fuchs herum.
Ich frage euch ehrlich:
War Fuchs Teil der ursprünglichen Abmachung?
Nein.
Besprochen waren Rehe.
Der alte Mann meinte nur:
„Du diskutierst gerade ernsthaft über Wildtier-Kategorien.“
Natürlich tue ich das.
Regeln müssen schließlich sauber definiert sein.
Außerdem war das vermutlich derselbe Fuchs, den ich neulich noch ungefähr zwanzig Meter „begleiten“ wollte, bevor der alte Mann meinte, meine Definition von kontrollierter Eskorte gehe langsam Richtung Grenzschutz.
Seitdem scheint er bei Füchsen deutlich misstrauischer geworden zu sein.
Völlig unbegründet natürlich.
Ich hätte den Fuchs heute lediglich beobachtet. Vielleicht kurz sortiert. Eventuell etwas dynamischer begleitet.
Mehr nicht.
Der alte Mann blieb trotzdem konsequent und so marschierten wir gemeinsam an der Leine durch die Senke, während ich ihm mehrfach erklärte, dass ich die Sicherheitslage vollständig im Griff gehabt hätte.
Er antwortete wie immer nicht groß.
Aber ich sah dieses kleine Grinsen.
Und ehrlich gesagt glaube ich langsam, dass er diese Diskussionen heimlich ziemlich lustig findet.
Gegen Mittag kam der Bofrost-Mann.
Ich lag eigentlich noch relativ entspannt im Arbeitszimmer, als unten das vertraute Geräusch des Transporters zu hören war. Dieses tiefe Rollen vor dem Haus erkennt man irgendwann einfach. Menschen behaupten zwar gern, Hunde würden auf alles bellen — tatsächlich unterscheiden wir akustisch deutlich präziser als die meisten Menschen.
Zum Beispiel zwischen:
„normales Auto“,
„Paketdienst“
und
„jemand könnte eventuell Tiefkühlware dabei haben.“
Ich sprang also auf, lief die Treppe nach unten und meldete die Situation sachlich an.
Nicht hysterisch.
Nur mit der notwendigen beruflichen Ernsthaftigkeit.
Der alte Mann rief sofort:
„Ja ja, ich geh schon.“
Interessant daran ist, dass Menschen grundsätzlich immer erst dann „schon gehen“, nachdem man sie mehrfach daran erinnert hat.
Kurz vor der Haustür kam dann die übliche Ansage:
„Du bleibst im Esszimmer. Still.“
Also setzte ich mich sauber auf meinen Platz und übernahm die Sicherung aus der zweiten Reihe. Das funktioniert inzwischen erstaunlich professionell.
Der alte Mann regelt die menschliche Kommunikation. Ich überwache die Lage.
Frauchen würde vermutlich beobachten, ob wir beide Unsinn machen, wenn sie da wäre.
Und ehrlich gesagt macht der alte Mann seinen Teil inzwischen auch ziemlich ordentlich.
Vor allem bei Vertretern.
Normale Besucher bekommen die freundliche Standardversion von ihm.
Aber sobald draußen jemand mit Klemmbrett, übertriebener Freundlichkeit oder dem Satz „Haben Sie mal kurz Zeit?“ auftaucht, verändert sich seine Stimme leicht.
Tiefer.
Ruhiger.
Sehr eindeutig.
Und genau dann weiß ich:
Ah.
Jetzt arbeiten wir offiziell zusammen.
Interessanterweise vergisst der alte Mann in solchen Momenten regelmäßig, die Tür ganz zu schließen. Nicht offen offen. … Nur so… strategisch angelehnt.
Menschen würden vermutlich behaupten, das sei Zufall.
Ich dagegen glaube inzwischen an Arbeitsteilung.
Er steht vorne. Ich erscheine ruhig im Hintergrund.
Aufmerksam.
Komplett lautlos.
Zumindest verschwindet dieser klassische Vertreter-Fuß in der Tür erstaunlich zuverlässig wieder, sobald hinter dem alten Mann plötzlich noch ein Entlebucher auftaucht, der offensichtlich mit zur Hausverwaltung gehört.
Der alte Mann sagt dann meistens ganz entspannt:
„Die ist ganz lieb.“
Kurze Pause.
„…solange niemand versucht, ungefragt ins Haus zu kommen.“
Interessanterweise werden Gespräche danach oft erstaunlich kurz.
Dabei tue ich gar nichts.
Ich sitze nur da und schaue.
Gut. – Vielleicht ein klein wenig zu konzentriert.
Aber genau dafür hat man schließlich einen Entlebucher Sennenhund.
Nicht für Dekoration.
Sondern für Präsenz.
Am Nachmittag kam dann endlich Frauchen nach Hause.
Und bevor jetzt wieder jemand mit „Der Hund freut sich aber“ kommt:
Nein.
Das hier ist keine einfache Freude mehr.
Das ist ein vollständiges Entlebucher-Begrüßungsritual.
Ich hörte das Auto natürlich lange bevor es in die Einfahrt bog. Menschen merken sowas meistens erst, wenn bereits der Schlüssel in der Tür steckt. Entlebucher dagegen arbeiten präventiv.
Also sprang ich auf, lief zur Haustür und begann mit den notwendigen Vorbereitungen.
Position beziehen.
Schwanz aktivieren.
Innere Spannung aufbauen.
Der alte Mann sah mich nur an und sagte trocken:
„Jetzt dreht sie wieder komplett auf.“
Was objektiv falsch ist.
Komplett aufdrehen würde ganz anders aussehen.
Frauchen kam herein und in exakt diesem Moment explodierte mein gesamter professioneller Tagesbetrieb kurzzeitig emotional.
Nicht unkontrolliert.
Nur… mit Nachdruck.
Der ganze Hund wedelte.
Nicht nur der Schwanz.
Der komplette Hund.
Es ist biologisch vermutlich eigentlich unmöglich, dass ein Körper gleichzeitig springen, kreisen, schnauben, fiepen, sich anlehnen und kontrollieren möchte, ob Einkäufe dabei sind — aber Entlebucher finden für solche Probleme traditionell kreative Lösungen.
Der alte Mann kann solche Situationen inzwischen ganz ordentlich abfangen. Der stellt sich breit hin, stabilisiert sich irgendwie und fängt mich im Zweifel einfach mitten im Flug.
Frauchen dagegen überschätzt regelmäßig ihre physikalischen Möglichkeiten.
Vor allem beim Anspringen aus vollem Lauf.
Sie versucht dann immer standhaft zu bleiben, während ungefähr ein kompletter Entlebucher Sennenhund mit emotionalem Überschuss frontal in ihre Körpermitte einschlägt.
Das endet erstaunlich oft damit, dass sie rückwärts durchs halbe Wohnzimmer taumelt und gleichzeitig lacht:
„Eira! Nicht so wild!“
Was kommunikativ schwierig ist.
Menschen können nicht lachen, mich umarmen und gleichzeitig behaupten, ich solle ruhiger sein. Das sind widersprüchliche Signale.
Der alte Mann kommentierte das Ganze wie immer aus sicherer Entfernung:
„Selber schuld.“
Und ehrlich gesagt hat er damit nicht komplett unrecht.
Wer einen Entlebucher begrüßt, muss eben mit vollständiger körperlicher Beteiligung rechnen.
Eigentlich wollte ich den Tag hier mit dem Hinweis beenden, dass bei diesem Wetter abends ohnehin wieder nur der Burgwald infrage kam.
Bei Wärme gilt schließlich eine einfache Regel:
Wald.
Schatten.
Keine unnötigen Experimente.
Aber eine Sache ist dann doch noch erwähnenswert.
Der alte Mann lief entspannt hinter mir her und sammelte gerade pflichtbewusst meine Hinterlassenschaften ein — eine Tätigkeit, die Menschen erstaunlicherweise kommentarlos akzeptieren, sobald sie Hunde lieben — als erst ein Mensch und direkt danach ein braunes Etwas um die Ecke bog.
Groß.
Breit.
Mindestens eine Gewichtsklasse über mir.
Und offensichtlich der festen Überzeugung, hier jetzt direkt mal „dicke Hose“ machen zu müssen.
Schon aus der Entfernung dieses typische Auftreten:
Brust raus.
Leine auf Spannung.
Großes Theater.
Ich dagegen blieb einfach stehen.
Still.
Ruhig.
Aufmerksam.
Man muss nicht laut werden, wenn man seine Wirkung kennt.
Ich stand also einfach da, schaute strategisch in ihre Richtung und überließ den Rest der Situation meiner Präsenz.
Der alte Mann hob währenddessen irgendwo hinter mir noch eine Tüte auf und sagte völlig entspannt:
„Eira…“
Nicht warnend.
Eher interessiert.
Der braune Kollege wurde vorne immer größer.
Hinten dagegen wurde sein Mensch zunehmend kleiner.
Und dann passierte etwas sehr Vernünftiges. Sie drehten ab. Einfach so.
Ruhig.
Kommentarlos.
Taktischer Rückzug.
Ich blieb noch einen Moment stehen und sah ihnen nach, wie ein Hund, der die Situation fachlich abgeschlossen hatte.
Dann liefen wir weiter.
Ein guter Tag für einen Entlebucher Sennenhund.
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