Donnerstag, 28. Mai 2026 –

Menschen führen neue Rituale fast immer wortlos ein. Wahrscheinlich weil sie glauben, man würde es sonst merken.

Heute Morgen hat keiner der beiden noch gefragt, ob wir zusammen gehen. Kein „Kommst du mit?“ Kein „Gehen wir alle?“ Nicht mal dieser kurze Blickwechsel zwischen ihnen, bei dem Menschen so tun, als würden sie spontane Entscheidungen treffen.

Sie standen einfach gleichzeitig auf.

Frauchen zog ihre Schuhe an.
Der alte Mann griff automatisch nach meinem Geschirr.
Und ich saß daneben und beobachtete, wie aus einzelnen Ereignissen langsam Gewohnheit wird.

Interessant ist: Menschen merken oft gar nicht, wann etwas beginnt, wichtig zu werden.

Erst macht man etwas einmal. Dann noch einmal. Und irgendwann spricht keiner mehr darüber, weil plötzlich alle davon ausgehen, dass es selbstverständlich ist.

So entstehen Rudelrituale.

Ich persönlich halte das für eine vernünftige Entwicklung. Die gemeinsame Morgenrunde hat nämlich mehrere Vorteile:
Ich habe beide unter Kontrolle.
Frauchen redet mit mir.
Und der alte Mann läuft konzentrierter, seit er permanent das Gefühl hat, bewertet zu werden.

Außerdem wirkt er morgens weniger grimmig, wenn wir zu dritt unterwegs sind.

Nicht viel weniger.
Aber messbar.

Kurz bevor wir die Felder erreichten, zeigte der alte Mann plötzlich nach oben zum Bromberwäldchen.

„Schau, da.“

Er meinte natürlich Frauchen. Aber wie so oft war ich die Einzige, die aufmerksam genug war, sofort nachzusehen.

Und dann sah ich sie.

Die freche Füchsin aus dem Bromberwäldchen hatte Junge.

Mitten in diesem völlig undurchdringlichen Gestrüpp tauchten plötzlich kleine rotbraune Schatten auf. Ein Kopf hier. Ein Schwanz dort. Kurz sichtbar und sofort wieder verschwunden zwischen Brombeeren, Ästen und hohem Gras.

Ich blieb sofort stehen.

Frauchen übrigens auch. Allerdings aus anderen Gründen.

„Eira“, sagte sie in diesem Tonfall, den Menschen benutzen, wenn sie glauben, präventiv eingreifen zu müssen, „die Füchsin würde dir gerade sofort an die Gurgel gehen, wenn du dich nicht benimmst.“

Unverschämte Unterstellung.

Ich stand vollkommen ruhig da. Stolz. Kontrolliert. Professionell aufmerksam.

Gut … vielleicht leicht angespannt professionell aufmerksam.

Denn die Füchsin beobachtete uns tatsächlich die ganze Zeit. Ruhig. Wach. Kein bisschen nervös. Dieser klare Blick von Wildtieren, die exakt wissen, wo ihre Jungen sind und wie schnell sie aus einem Fuchs einen kleinen rotbraunen Berserker machen können.

Selbst der alte Mann wurde plötzlich auffallend vernünftig leise.

Wir gingen dann langsam weiter Richtung Felder und taten alle so, als wäre das eine ganz normale Begegnung gewesen.

Aber eigentlich wussten wir genau, dass wir gerade ganz kurz in ein anderes kleines Familienleben hineinschauen durften.

Und dass man mit Füchsinnen besser keine Diskussionen anfängt.

Später traf der alte Mann dann noch eine weitere strategische Entscheidung.

Er stellte seinen Computer in den Keller.

Optisch halte ich die Lösung weiterhin für fragwürdig.

Zwischen Werkzeugschrank, Kabeln und diesem allgemeinen „hier lagere ich Dinge, die ich irgendwann vielleicht noch brauche“-Flair wirkt das neue Arbeitszimmer ein wenig wie eine IT-Abteilung kurz nach einem mittelschweren Zusammenbruch.

Aber man muss fair bleiben: Der Mann denkt inzwischen mit.

Oben im Arbeitszimmer war es für mich zuletzt schlicht zu warm geworden. Und ein Entlebucher kann seine Überwachungsaufgaben nur eingeschränkt wahrnehmen, wenn er gleichzeitig versucht, nicht auf den Fliesen zu verdampfen.

Der Keller dagegen ist angenehm kühl.

Ich kann direkt neben dem Schreibtisch liegen, gleichzeitig den Flur überwachen und trotzdem kontrollieren, ob der alte Mann arbeitet oder heimlich wieder sinnlos auf irgendwelche Bildschirme starrt.

Außerdem hallen Schritte im Keller deutlich besser.

Man hört sofort, wenn jemand kommt.

Frauchen erschien später unten, blieb kurz in der Tür stehen, sah sich um und schaute den alten Mann mit diesem Gesichtsausdruck an, den Menschen bekommen, wenn sie innerlich zwischen „eigentlich absurd“ und „leider irgendwie sinnvoll“ schwanken.

Ich dagegen hatte die Lage sofort verstanden.

Der Mann optimiert die Infrastruktur seines Sicherheitspersonals.

Und genau solche Entscheidungen unterscheiden improvisierte Hundehaltung von professioneller Rudelführung.

Am Nachmittag sagte Frauchen plötzlich, es gäbe heute kein Online-Yoga. Sie würde später zu Christian fahren. Ins Yogastudio.

Ich hielt das direkt für eine fragwürdige Entscheidung.

Nicht wegen Christian. Den kenne ich nicht.

Sondern weil vollkommen unklar ist, warum man für Yoga überhaupt das Haus verlassen muss, wenn bereits ein professioneller Entlebucher-Yoga-Animateur verfügbar ist.

Mich.

Ich beherrsche mehrere fortgeschrittene Positionen.

Zum Beispiel:
den ausgedehnten Flurhund,
die seitliche Teppichrolle
oder den klassischen herabschauenden Entlebucher kurz vor dem Abendessen.

Außerdem motiviere ich Menschen deutlich effizienter als jeder Yogalehrer.

Sobald Frauchen auf dem Boden sitzt, erscheine ich innerhalb weniger Sekunden zur emotionalen Unterstützung. Meistens mit vollem Körpereinsatz und intensiver Gesichtsnähe.

Der alte Mann behauptet zwar regelmäßig, das sei kein Yoga sondern „gezielte Behinderung“.

Aber das ist reine Interpretationssache.

Frauchen meinte später noch, Yoga im Studio sei „entspannter“.

Das halte ich für wissenschaftlich fragwürdig.

Hier zuhause hätte sie:
kontrollierte Umgebung,
direkte Rudelaufsicht
und einen hochmotivierten Entlebucher mit natürlichem Interesse an sämtlichen Bodenübungen.

Mehr Professionalität wird man in Baden-Württemberg kaum finden.

Zumindest bedeutete das für mich: keine Ausfahrt in den Wald. Weder Burgwald noch Siebeneichen noch irgendeine andere strategisch sinnvolle Abendmission.

Frauchen fuhr später zu ihrem Yoga. Was wiederum bedeutete, dass der alte Mann und ich den Abend alleine organisieren mussten.

Als die Sonne langsam auf der anderen Seite des Tals hinter dem Berg verschwand, beschloss der alte Mann deshalb, die kleine Runde um den Friedhof zu machen.

Er nannte sie natürlich wieder „die Samu-Runde“.

Warum diese Runde so einen seltsamen Namen hat, erkläre ich ein andermal. Menschen verlieren sonst schnell den Überblick, wenn man zu viele Hintergrundgeschichten gleichzeitig einführt.

Und nur zur Klarstellung:
Wir reden hier immer noch von einer kleinen Entlebucher-Runde.

Also von einer Strecke, bei der wenig zu kontrollieren ist und man sich theoretisch etwas beeilen könnte.

Das bedeutet in Zahlen:
eine halbe Stunde mit dem alten Mann
oder ungefähr fünfundvierzig Minuten mit Frauchen.

Frauchen bleibt nämlich unterwegs regelmäßig stehen, um Blumen anzuschauen, Wolken zu kommentieren oder mich für vollkommen normale Dinge zu loben.

Der alte Mann dagegen marschiert meist zielgerichtet vorwärts, als hätte er einen geheimen Einsatzauftrag vom Schweizer Verteidigungsministerium erhalten.

Hat beides Vor- und Nachteile.

Die Samu-Runde führte uns einmal um den Friedhof herum, vorbei an Wiesen, alten Hecken und diesen stillen Abendgeräuschen, die langsam auftauchen, wenn die Menschen sich zurückziehen und die Natur wieder übernimmt.

Wir hatten dabei einen hervorragenden Blick auf den Hohenneuffen.

Über der Burg hingen dutzende Gleitschirme am Abendhimmel. Langsam, lautlos und völlig entspannt glitten sie über dem Tal, während die Sonne immer tiefer hinter den Bergen verschwand.

Ich beobachtete das eine Weile aufmerksam.

Ich halte Gleitschirme weiterhin für eine fragwürdige Fortbewegungsstrategie. Aber die Menschen scheinen große Freude daran zu haben, sich freiwillig wie überdimensionierte Raubvögel vom Berg zu werfen.

Der alte Mann blieb kurz stehen und schaute nach oben. Ich ebenfalls. Allerdings aus Sicherheitsgründen.

Man muss schließlich beobachten, falls einer plötzlich beschließt, direkt auf der Wiese zu landen.

Außerdem hatte der lautstarke Rabe offenbar wieder seinen Stammbaum bezogen. Ganz oben auf einer alten Baumkrone saß er wie ein schlecht gelaunter Friedhofswächter und kommentierte lautstark alles, was sich bewegte.

Mich eingeschlossen.

Ich bin inzwischen ziemlich sicher, dass dieser Vogel sich für den eigentlichen Besitzer der Gegend hält.

Und dann entdeckte ich noch etwas Neues.

Eine junge Katze war auf den Wegen unterwegs.

Noch nicht ganz ausgewachsen. Schlank. Wachsam. Dieses vorsichtige, leicht übertriebene Selbstbewusstsein junger Katzen, die gerade erst anfangen zu glauben, sie hätten die Welt vollständig verstanden.

Sie blieb sofort stehen, als sie mich sah.

Ich blieb ebenfalls stehen.

Der alte Mann übrigens auch. Vermutlich aus Erfahrung.

Wir betrachteten uns einige Sekunden schweigend.

Dann entschied die Katze offenbar, dass ein diplomatischer Rückzug heute die vernünftigere Option wäre und verschwand elegant zwischen den Hecken.

Kluge Entscheidung.

Man muss unnötige Grenzkonflikte schließlich nicht eskalieren.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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