Montag, 08. Juni 2026 – Heute gingen wir früh los zur Morgenrunde. Das ist die Runde, in der die wichtigen Dinge erledigt werden. Man verschafft sich einen Überblick, liest die Nachrichten am Wegesrand, prüft die Lage und sorgt dafür, dass man ordentlich in den Tag startet. Menschen glauben oft, morgens müsse man einfach nur kurz raus. Aber so funktioniert das natürlich nicht.

Unterwegs trafen wir endlich einen anderen Hund. Nicht nur so eine Begegnung mit höflichem Vorbeigehen und anschließendem Weiterlaufen, sondern einen Hund, bei dem sofort klar war: Mit dem könnte man etwas anfangen.

Ihre Menschen erklärten vorsorglich, sie sei etwas zickig. Ich betrachtete die Hündin. Die Hündin betrachtete mich. Dann gingen wir gemeinsam ein Stück.

Wir schnupperten kurz und klärten die üblichen Dinge. Nicht dramatisch, einfach die normalen Fragen: Wer übernimmt heute welches Tempo, wer läuft wohin, wie viel Nähe ist angenehm und ob das hier eher eine ruhige Runde oder eine mit etwas Einsatz wird. Die Verständigung verlief unkompliziert.

Also begann ich, sie zum Rennen zu animieren. Erst ein etwas flotteres Anlaufen. Dann ein kleiner Richtungswechsel. Dann dieses freundliche „komm schon, hier passiert gerade etwas Interessantes“. Sie machte mit. Erst locker, dann schneller. Wir liefen ein paar schöne Bögen, wechselten das Tempo und hatten zwischendurch kurze Diskussionen darüber, wie genau das Ganze organisiert werden sollte. Nicht mit Worten natürlich, sondern so, wie Hunde das eben machen: mit Blicken, Bewegung und gelegentlich einem klaren Hinweis, wenn etwas gerade nicht optimal war.

Kein Stress. Keine schlechte Stimmung. Kein großes Thema. Ich hatte den Eindruck, ihre Menschen hatten mit deutlich mehr Drama gerechnet. Menschen nennen erstaunlich viele Dinge zickig, die unter Hunden einfach normale Kommunikation sind. Man muss nicht aus jeder Meinungsverschiedenheit einen Konflikt machen. Oft reicht eine klare Ansage und danach weiß jeder Bescheid.

Am Ende gingen wir wieder auseinander. Ich war zufrieden. Die Hündin wirkte ebenfalls zufrieden. Und ich hatte den Eindruck, dass sie vielleicht doch mehr Lust auf Training hatte, als ihre Menschen ihr zugetraut hatten.

Danach war die Morgenrunde ordentlich erledigt und aus meiner Sicht durfte man langsam anfangen, über Frühstück nachzudenken.

Heute machten wir einen langen Spaziergang am See. Ein guter See. Mit Ufer. Mit Wasser Mit Wald. Und genug Wegen, damit man ordentlich Strecke machen kann. Ich überprüfte die Wasserqualität gewissenhaft und stellte fest: akzeptabel bis gut.

Auf unserem Weg kamen wir an einem Tor vorbei. Nicht irgendein Tor. Ein Drehtor.

Ich blieb stehen. Frauchen nicht. Sie ging direkt darauf zu. Ich beschleunigte leicht und schloss auf. Man weiß ja nie.

Ich betrachtete die Konstruktion. Ein Käfig. Mit Eingang. Mit Ausgang. Dazwischen drehende Metallstäbe.

Nicht ideal.

Frauchen blieb kurz stehen und wir sahen uns die Sache gemeinsam an. Sie wirkte entspannt. Ich übernahm den kritischen Teil. Nase vor. Geruch prüfen. Bewegungsmechanik beurteilen. Keine unmittelbare Gefahr.

Frauchen setzte sich in Bewegung. Also ging ich mit. Und plötzlich waren wir beide drin. Die Stäbe hinter uns. Die Stäbe vor uns. Die ganze Konstruktion begann sich zu drehen. Ich blickte zu Frauchen. Frauchen blickte zu mir.

Keiner sagte etwas. Aber wir wussten beide: Jetzt wird das hier durchgezogen. Gemeinsam gingen wir langsam weiter. Das Ding drehte sich. Es klapperte.

Und dann …

waren wir auf der anderen Seite.

Ich blieb noch einen Moment stehen und schaute zurück. Seltsames System. Ich verstand das Prinzip grundsätzlich. Warum eine normale Tür nicht gereicht hätte blieb offen. Aber immerhin hatte Frauchen den richtigen Plan gewählt:

Nicht allein.

Wenn schon in eine rotierende Falle, dann gemeinsam mit einem Entlebucher.

Wir kamen an einer großen Ansammlung von Stoffhöhlen vorbei und ich blieb automatisch etwas langsamer. Sehr viele Menschen. Sehr viele Autos. Sehr viele Höhlen auf erstaunlich wenig Fläche.

Ich betrachtete die Lage aufmerksam.

Menschen bauen offenbar absichtlich Ersatzhöhlen auf freie Flächen, stellen sie dicht nebeneinander und verbringen dann dort ihre Freizeit. Das Konzept war mir nicht sofort klar. Es gab unterschiedliche Ausführungen. Kleine Stoffhöhlen, die aussahen, als würden sie schon bei mittlerem Wind ernsthafte Gespräche mit der Physik führen. Größere Stoffhöhlen mit Vorbauten und Möbeln davor. Rollende Metallhöhlen, die gleichzeitig Transportmittel und Wohnraum waren. Und einige Menschen hatten ihre Höhle sogar dabei und zogen sie hinter dem Auto her. Das fand ich einerseits beeindruckend. Andererseits wirkte es nach viel Aufwand für etwas, das zu Hause bereits fertig herumsteht.

Ich überprüfte die Situation gründlich. Überall Gerüche. Frühstück. Grillreste. Nasse Handtücher. Mindestens drei andere Hunde. Und irgendwo ganz eindeutig Käse.

Der alte Mann erklärte mir, Menschen würden das freiwillig machen, weil sie draußen sein wollen.

Ich betrachtete ihn kurz. Wir besitzen bereits eine Höhle. Mit Bett. Mit Sofa. Mit Kühlschrank.

Und wenn wir draußen sein wollen, gehen wir hinaus.

Warum man dafür zusätzlich in eine kleinere Höhle ziehen muss, die direkt neben fremden Höhlen steht, erschloss sich mir nicht vollständig.

Menschen sind manchmal schwer zu verstehen.

Ich betrachtete die Anordnung noch etwas länger. Zwischen den Höhlen liefen Menschen. Neben den Höhlen saßen Menschen. Vor den Höhlen standen Menschen. Und überall wusste man vermutlich sehr genau, wer gerade Kaffee kocht, wer schon frühstückt und wer nachts geschnarcht hat.

Für manche scheint das Erholung zu sein. Ich schaute noch einmal zum alten Mann.

Nein.

Der alte Mann macht so etwas nicht.

Der alte Mann mag Wege, Aussicht und genug Abstand, dass nicht automatisch das halbe Umfeld am eigenen Tagesablauf teilnimmt. Er mag ordentliche Ersatzhöhlen mit Ruhe, Übersicht und ausreichend Raum zwischen sich und den nächsten Menschen.

Er sah ebenfalls nur kurz hin und ging weiter. Ich ging mit. Vielleicht ist so ein Dorf der tragbaren Höhlen etwas für Menschen mit hoher Näheverträglichkeit und geringem Bedürfnis nach Revier.

Wir reisen anders.

Wir suchen uns gute Ersatzhöhlen mit Platz, Ruhe und vernünftiger Umgebungskontrolle. Und möglichst so viel Abstand, dass man nicht ungefragt Teil des Tagesprogramms der Nachbarhöhle wird.

Ich war erleichtert. Ein kurzer Blick hatte gereicht. Dann zogen wir weiter zu vernünftigen Verhältnissen.

Nach den Ereignissen des Vormittags kehrten wir in unsere Ersatzhöhle zurück und ich hatte das Gefühl, dass die Menschen heute ausnahmsweise vernünftige Entscheidungen trafen. Es wurde nicht noch schnell irgendwo eingekehrt. Niemand hatte die Idee, unterwegs etwas zu essen oder sich zwischen Tür und Angel zu versorgen. Stattdessen wurde im Zimmer gegessen. Ruhig. Mit Dach über dem Kopf, Sitzgelegenheiten und ohne fremde Menschen, die ständig vorbeilaufen.

Ich überwachte die Lage aufmerksam. Die Menschen organisierten ihr Mittagessen und ich stellte fest, dass insgesamt eine angenehme Atmosphäre herrschte. Kein Gedränge, kein unnötiges Programm, keine komplizierten Abläufe. Einfach zurückkommen, essen und dabei langsam wieder in den Höhlenmodus wechseln. Ich finde, Menschen unterschätzen oft, wie sinnvoll ein ordentliches Mittagessen sein kann. Man war unterwegs, hat Dinge gesehen, hat gearbeitet, kontrolliert, Wege überwacht und Wasser geprüft. Irgendwann ist der richtige Zeitpunkt erreicht, an dem man Nahrung zu sich nimmt und danach keine ehrgeizigen Pläne mehr entwickelt.

Der alte Mann schien das ähnlich zu sehen. Nach dem Essen passierte nämlich etwas sehr Vernünftiges. Niemand sagte: „Komm, wir machen noch schnell etwas.“ Niemand begann hektisch Sachen zusammenzusuchen. Niemand sprach von Aktivität. Stattdessen wurde es still. Die Ersatzhöhle wurde ruhiger, die Menschen langsamer und jeder fand ohne große Absprache seinen Platz.

Ich überprüfte noch einmal kurz, ob alle anwesend waren, keine weiteren Unternehmungen drohten und die allgemeine Lage stabil wirkte. Dann legte ich mich ebenfalls hin. So gehört sich das. Ein vernünftiges Mittagessen endet nicht mit Aktion. Ein vernünftiges Mittagessen endet mit sofortiger Mittagsruhe.

Und ich muss sagen: Dieses Konzept hat heute erstaunlich gut funktioniert.

Irgendwann waren alle ausreichend erholt und wir gingen wieder zum Eis am Anleger. Schon auf dem Hinweg stellte ich fest, dass die Bedingungen deutlich besser waren als beim letzten Mal. Es waren weniger Menschen unterwegs, dadurch gab es mehr Platz und insgesamt deutlich weniger Beine, die plötzlich ihre Richtung ändern und einem unnötig die Wegplanung erschweren.

Die Übersicht war angenehm.

Ich konnte die Lage entspannt beobachten und musste nicht ständig Ausweichmanöver einplanen oder neue Risikobewertungen vornehmen. Außerdem hatte ich den Eindruck, dass sich meine Ansagen vom letzten Mal herumgesprochen hatten. Jedenfalls musste ich niemanden zurechtweisen und alle bewegten sich erstaunlich vernünftig.

Die Menschen bekamen ihr Eis. Ich überwachte den Vorgang professionell.

Zwischendurch führte ich mehrere Geruchskontrollen durch und kam zu dem Ergebnis, dass Eis insgesamt ein interessantes Konzept bleibt. Menschen stellen sich an, warten geduldig, bekommen dann eine erstaunlich kleine Portion und wirken anschließend sehr zufrieden damit. Ich verstehe nicht jedes Detail, aber offensichtlich erfüllt es wichtige menschliche Bedürfnisse.

Nachdem alle versorgt waren, machten wir uns zufrieden auf den Rückweg.

Und dann geschah etwas. Frauchen verschwand. Nicht wirklich verschwunden. Aber so weit, dass ich die Situation nicht mehr vollständig gut fand. Sie erklärte, sie müsse nur kurz in den REWE.

Der alte Mann und ich warteten draußen. Ich nahm meine Position ein und beobachtete den Eingang aufmerksam. Menschen gingen hinein. Menschen kamen wieder heraus. Keine Frauchen.

Ich blieb ruhig. Weitere Menschen gingen hinein. Weitere Menschen kamen heraus. Immer noch keine Frauchen. Ich wurde aufmerksamer. Ich begann bereits vorsichtig mit den ersten Überlegungen zur Rettungsmission. Noch nichts Offizielles natürlich. Nur gedankliche Vorbereitung. Man muss Situationen einschätzen, bevor man handelt.

REWE wirkte auf mich ohnehin etwas fragwürdig. Großes Gebäude. Automatische Türen. Viele Menschen. Viele Regale. Viele Möglichkeiten, die Orientierung zu verlieren.

Ich hielt den Eingang weiter unter Beobachtung. Dann erschien Frauchen. Völlig entspannt. Ich war erleichtert und teilte ihr das auch mit. Frauchen erklärte mir allerdings, sie sei überhaupt nicht verlorengegangen. Sie sei einkaufen gewesen.

Das überzeugt mich bis heute nicht vollständig.

Wenn jemand alleine in ein großes Gebäude mit automatischen Türen hineingeht und erst deutlich später wieder auftaucht, dann erfüllt das aus meiner Sicht mindestens die Kriterien eines leichten Verlustfalls. Mir wurde jedoch ausdrücklich erklärt, dass keine Rettung notwendig gewesen sei.

Ich akzeptierte das.

Vorläufig.

Man muss Menschen auch eigene Entscheidungen treffen lassen. Selbst wenn sie alleine in Versorgungsbunker gehen.

Heute beschlossen die beiden, zum Abschluss des Tages noch einmal draußen essen zu gehen. Ich nahm die Information zur Kenntnis.vVerstanden habe ich sie nicht vollständig.

Wir hatten einen guten Tag hinter uns. Wir waren unterwegs gewesen, hatten Dinge gesehen, vernünftig gegessen, eine ordentliche Mittagsruhe durchgeführt und die allgemeine Lage erfolgreich überwacht. Aus meiner Sicht bewegte sich der Tag bereits in eine sehr angenehme Richtung.

Dann erklärten die Menschen plötzlich, wir würden noch einmal losgehen. Zum Essen. Draußen. Ich betrachtete beide kurz.

Wir besitzen eine Höhle. Mit Tisch. Mit Sitzplätzen. Mit Ruhe. Warum Menschen am Abend freiwillig noch einmal aufbrechen, um zwischen anderen Menschen zu essen, bleibt für mich ein nicht vollständig erforschtes Verhalten.

Aber gut. Ich begleitete die Expedition. Es war insgesamt in Ordnung. Die Menschen wirkten zufrieden, ich konnte die Umgebung beobachten und es gab keine größeren Zwischenfälle.

Dann kam allerdings der Moment, an dem ich merkte, dass die Menschen wieder anfingen, menschliche Ideen zu entwickeln. Es wurde vorgeschlagen, jetzt noch eine Runde zu gehen. Ich blieb stehen. Nicht demonstrativ. Nicht beleidigt.

Einfach klar. Nein.

Der Tag hatte seinen Abschluss bereits eingeleitet. Das Abendessen war erfolgt. Die Aufgaben waren erledigt. Die Lichtverhältnisse entwickelten sich in Richtung Feierabend. Und wenn der Tag sein Ende findet, dann findet er sein Ende.

Man muss nicht immer noch etwas machen. Man muss nicht jede Gelegenheit nutzen. Man darf auch einfach zurück in die Höhle gehen und den Betrieb einstellen. Ich teilte den Menschen meine Position mit.

Sie akzeptierten sie erstaunlich schnell. Also kehrten wir zurück. Ich legte mich hin. Und damit war die Sache ordnungsgemäß abgeschlossen.

Ein guter Tag für einen Entlebucher.

Eure Eira


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