Entlebucher Tagebuch – Sonntag, 13. September 2026. Der alte Mann war heute Nacht noch einmal ins Kinderzimmer verbannt worden. Oder vielleicht hatte er sich auch einfach dorthin verzogen, um seine Ruhe zu haben. So genau weiß man das bei ihm nie.

Heute Morgen waren wir jedenfalls wieder alle zusammen. Nachdem der alte Mann seinen Morgenkaffee bekommen hatte, sind wir zu dritt zur Morgenrunde gestartet.

Schon nach ein paar Metern bekam ich einen wirklich interessanten Geruch in die Nase und beschloss, der Spur mit Nachdruck zu folgen. Ich war so sehr mit dieser wichtigen Aufgabe beschäftigt, dass ich glatt an den Pommesresten vorbeilief, die ich gestern Abend noch entdeckt hatte – und das, ohne dass der alte Mann mich zur Ordnung rufen musste.

Die Spur führte mich ganz zielstrebig in Richtung Felder. Dort verlor sie sich dann irgendwann. Nicht weiter schlimm. Auf den Feldern beginnt ohnehin der Teil der Runde, bei dem man etwas großzügiger ausholen und die einzelnen Bereiche ordentlich überprüfen kann.

Mit entsprechend großen Kreisen um die beiden lässt sich das hervorragend managen. Die Menschen bleiben dabei in Sichtweite und ich habe trotzdem genügend Raum, um mich um die wirklich wichtigen Dinge zu kümmern.

Die tatsächlich relevante Veränderung war schnell gefunden: Der zerbrochene Apfelbaum war inzwischen vom Weg gezogen worden und lag nun in der Wiese. Damit konnte dieser Vorgang innerlich abgehakt werden.

Anschließend trainierten die beiden mit mir noch meine Impulskontrolle am Ball. Eine ausgesprochen anspruchsvolle Angelegenheit, denn grundsätzlich bin ich selbstverständlich der Meinung, dass ein geworfener Ball umgehend verfolgt werden muss. Wenn die beiden aber darauf bestehen, dass ich erst auf ein entsprechendes Signal loslaufen darf, muss man sich eben beherrschen.

Kaum hatte sich der alte Mann dann etwas intensiver mit mir beschäftigt, war Frauchen offenbar so abgelenkt, dass sie den Futterbeutel verlor. Zum Glück konnte ich bei der Wiederbeschaffung helfen. Man kann die Menschen mit ihrer Ausrüstung ja nicht völlig allein lassen.

Dann tauchte in weiter Ferne unsere Nachbarin auf. Sie kam auf ihrer Joggingrunde den Anstieg herauf.

Aus meiner Sicht war damit eindeutig ein neuer Kontrollvorgang erforderlich. Immerhin lungert sie praktisch ständig in der Nähe unserer Wohnhöhle herum. Eine eingehende Überprüfung und anschließende Meldung erschienen mir daher durchaus angebracht.

Ich setzte gerade zum Entlebucher-Schnellverfahren an, als der alte Mann mich zurückrief.

Diesmal klang sein Rückruf wegen seiner angeschlagenen Stimme deutlich schärfer, als ich es von ihm gewohnt bin.

Da habe ich besser nicht lange überlegt und bin umgekehrt. Die Nachbarin war inzwischen schon an der nächsten Kreuzung abgebogen, und wir gingen unseren Weg weiter. Dieser Punkt auf der Runde konnte damit leider nicht abgehakt werden.

Auf dem Abstieg von den Feldern sahen wir dann noch einen langsam über uns hinwegschwebenden, riesigen Ball. Die Menschen fanden den offenbar ausgesprochen interessant und schauten ihm eine ganze Weile hinterher.

Ich war da deutlich nüchterner in meiner Einschätzung. Der Ball fliegt viel zu hoch, als dass man ihn vernünftig apportieren könnte. Und wenn etwas nicht apportierbar ist, muss man sich damit nun wirklich nicht länger beschäftigen.

Dann begann ein ruhiger Sonntag zu Hause. Wie es sich für einen Sonntag gehört, widmeten sich die beiden den üblichen Hausarbeiten, die sie aus unerfindlichen Gründen bevorzugt auf diesen einen Tag legen.

Für mich bedeutete das vor allem eines: Überwachungsdienst.

Während die beiden geschäftig durch die Wohnhöhle liefen, wurde von mir aufmerksam kontrolliert, ob alle Tätigkeiten ordnungsgemäß ausgeführt wurden. Man darf die Menschen bei solchen Aufgaben nicht völlig unbeaufsichtigt lassen. Schon gar nicht, wenn sie mit Staubsaugern, Wäschekörben und anderen merkwürdigen Geräten hantieren.

Ich blieb dabei selbstverständlich in ihrer Nähe. Nicht etwa, weil ich neugierig gewesen wäre. Sondern aus rein dienstlichen Gründen.

Am Nachmittag wollten wir dann noch eine zweite Runde drehen. Allerdings hatte Frauchen kurz vor dem Aufbruch offenbar noch etwas an den leuchtenden Vierecken begonnen. Der alte Mann fragte höflich zweimal nach, bekam aber offensichtlich nicht die gewünschte Reaktion. Daraufhin traf er eine klare Entscheidung: Frauchen war für die zweite Revierkontrolle als Totalausfall einzustufen.

Also machten wir uns zu zweit auf den Weg.

Die Kontrolle verlief ausgesprochen unspektakulär. Nennenswerte Veränderungen gegenüber dem Morgen waren nicht festzustellen. Das Revier befand sich weitgehend in dem Zustand, den ich bereits am Vormittag dokumentiert hatte. Zur Aufrechterhaltung der Einsatzbereitschaft gab es zwischendurch ein paar Spieleinheiten. Man kann schließlich nicht den ganzen Tag nur kontrollieren – ein bisschen praktische Ertüchtigung gehört ebenfalls zum Dienst.

Als der Himmel dann plötzlich beschloss, das Licht auszuschalten, meinte der alte Mann, wir sollten uns besser zügig auf den Heimweg machen.

Er hatte dabei vermutlich noch die Ereignisse des Morgens im Hinterkopf.

Denn da hatte ich nach der Runde bereits eine Dusche bekommen. Frauchen war der Meinung gewesen, ich sei auf dem Sofa nicht mehr ganz so flauschig wie sonst. Ich persönlich hatte diese Einschätzung für etwas übertrieben gehalten. Ich war schließlich sauber genug, um mich ohne Weiteres auf dem Sofa niederzulassen.

Als Frauchen dann auch noch Shampoo oder Seife ins Gespräch brachte, legte der alte Mann sein Veto ein. Seiner Meinung nach sei das nur dann notwendig, wenn ich mich einmal in wirklich ekligen Dingen wälze.

Dieser Einschätzung schließe ich mich ausdrücklich an. Gegen eine ordentliche Wasserdusche hatte er allerdings nichts einzuwenden.

Am alten Tränkebrunnen in unserer Straße wurde es dann noch einmal spannend. Dort standen zwei Familien mit ziemlich vielen kleinen Kindern. Wir wechselten deshalb sicherheitshalber schon einmal die Straßenseite.

Tatsächlich hatte mich dann aber doch so ein kleiner, noch etwas wankender Zwerg entdeckt. Er riss die Arme hoch und wollte direkt zu mir herüberlaufen.

Ich denke, für alle Beteiligten war es ausgesprochen hilfreich, dass seine größere Schwester offenbar schneller begriffen hatte, dass das keine besonders gute Idee war. Sie stellte sich ihm kurzerhand in den Weg, bevor er die Straße erreichen konnte.

Andernfalls hätte ich dem Kleinen vermutlich sehr deutlich erklären müssen, dass ich zwar ein ausgesprochen süßer Hund zum Anschauen, aber eben nicht automatisch ein Hund zum Anfassen bin. Das endet bei den kleinen Menschen in der Regel mit viel Geschrei – und auf eine solche Geräuschkulisse kann ich bei einer entspannten Revierkontrolle gut verzichten.

So kamen wir entspannt wieder zu Hause an und konnten dieses Gefühl gleich mit in den Abend nehmen. Der Rest des Tages verlief entsprechend ruhig auf dem Sofa. Dort war Kuscheln dann ausdrücklich erwünscht.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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