Entlebucher Tagebuch – Sonntag, 18. Oktober 2026. Frauchens dritter Tiere-Turnen-Tag stand an, und deshalb mussten wir wieder früh aufstehen. Der alte Mann ließ es sich heute etwas länger auf dem Sofa gut gehen. Er trank seinen Morgenkaffee mit sichtlichem Genuss und machte keinerlei Anstalten, sich besonders zu beeilen. Für den Vormittag hatte er nur ein einziges Ziel vorgesehen: unsere Morgenrunde. Damit konnte ich gut leben. Solange sie irgendwann begann.

Als es so weit war, suchte er unsere Sachen zusammen. Heute holte er sogar die Trailleine hervor. Ich dachte schon, wir hätten etwas Besonderes vor, aber das dazugehörige Geschirr blieb an seinem Platz. Eine Suche war nicht vorgesehen. Der Grund für die ungewöhnliche Ausrüstung war wesentlich einfacher. Die Trailleine saugt sich nicht mit Wasser voll, und da es bis kurz vor unserem Aufbruch geregnet hatte, hielt der alte Mann das für eine gute Idee. Der Regen hatte gerade erst eine Pause eingelegt. Ob das eine verlässliche Vereinbarung war, blieb abzuwarten.

Nach dem vielen Regen gab es am Wegesrand einiges zu überprüfen. Die bekannten Markierungen waren teilweise gründlich abgewaschen worden, während sich unter den nassen Blättern allerlei Gerüche gesammelt hatten. Manche waren frisch, andere schon älter. An den ersten Hecken musste ich etwas genauer nachsehen und hinterließ an geeigneter Stelle eine entsprechende Mitteilung. Der alte Mann wartete am anderen Ende der Leine. Er hatte es heute ja nicht eilig.

Am Tränkebrunnen gab es eine Veränderung. Die Flaschen standen noch an ihrem Platz, aber der Roller war verschwunden. Anscheinend hatte sich inzwischen jemand gefunden, der ihn gebrauchen konnte. Ich untersuchte die Stelle, an der er gestanden hatte. Der alte Mann betrachtete die verbliebenen Flaschen und stellte fest, dass der Roller wohl einen Abnehmer gefunden hatte. Das war auch meine Einschätzung. Wo er inzwischen für Unordnung sorgte, ließ sich nicht feststellen.

Weiter ging es in Richtung Brombeerwäldchen. Der feuchte Boden und die nassen Grasbüschel waren voller Nachrichten. Ich arbeitete mich sorgfältig von einer Wegseite zur anderen und steckte meine Nase unter die tief hängenden Zweige. An einer Stelle blieb ich länger stehen. Da war jemand durchgeschlüpft, der sich nicht die Mühe gemacht hatte, den Weg zu benutzen.

Der alte Mann fragte, ob wir weitergehen könnten. Natürlich konnten wir das. Sobald ich fertig war.

Am Brombeerwäldchen gab es dann eine Überraschung. Dort hatten wir im Frühling die Fähe mit ihren Jungen entdeckt. Den ganzen Sommer über hatten wir immer wieder nach ihnen gesehen und beobachtet, wie aus den kleinen, tapsigen Füchsen nach und nach richtige Füchse wurden. Inzwischen ließen sie sich nicht mehr blicken. Vielleicht hatten sie längst eigene Reviere gesucht.

Heute standen dort stattdessen Rehe. Ich blieb stehen und betrachtete sie aufmerksam. Sie betrachteten mich ebenfalls. Eine Weile geschah überhaupt nichts. Offenbar waren wir uns nicht einig, wer hier eigentlich wen zu beobachten hatte.

Dann gingen wir weiter. Die Rehe blieben, wo sie waren. Vermutlich hatten sie ihre Revierkontrolle bereits erledigt.

Das Brombeerwäldchen scheint seine Bewohner nach Jahreszeit zu wechseln. Im Frühling Füchse, im Herbst Rehe. Ob die Füchse von dieser neuen Regelung wissen, kann ich nicht sagen.

Auf den Feldern blieb ich heute etwas länger an der Leine als gewöhnlich. Normalerweise ist das der Zeitpunkt, an dem ich meine ersten großen Kreise ziehe. Die führen mich meistens bis hinter das Brombeerwäldchen und wieder zurück. Schließlich muss auch der hintere Teil des Reviers überprüft werden, und das geht in einem ordentlichen Tempo am besten.

Der alte Mann hatte aber Bedenken. Irgendwo hinter dem Brombeerwäldchen standen noch die Rehe. Dass ich ihnen eben ganz ruhig begegnet war, hatte er durchaus gesehen. Ob ich im vollen Lauf genauso gelassen geblieben wäre, wollte er nicht ausprobieren.

Ich hätte die Angelegenheit gerne selbst beurteilt. Stattdessen gingen wir zunächst in einem Tempo weiter, das eindeutig auf seine Bedürfnisse abgestimmt war.

Als wir mit den ersten Übungen am Ball beschäftigt waren, tauchte Simba auf. Dieser junge Was-auch-immer-Verschnitt war mit seinem Herrchen ebenfalls auf den Feldern unterwegs. Wir begrüßten uns, und nachdem die Männer ihre ersten Worte gewechselt hatten, gingen sie ein ganzes Stück gemeinsam weiter. Simba und ich durften uns währenddessen austoben.

Natürlich bot sich dafür ein ordentliches Hund-und-Hase-Spiel an. Nur hat Simba die Regeln noch immer nicht vollständig verstanden. Bei diesem Spiel wechseln sich die Rollen ab. Mal läuft der eine voraus und der andere hinterher, dann wird getauscht. So ist das vorgesehen.

Simba dagegen läuft am liebsten hinter mir her. Wenn ich stehen bleibe, bleibt er ebenfalls stehen und wartet. Man könnte meinen, er wolle unbedingt bestimmen, wie das Spiel abläuft. Allerdings lässt er sich in diesen Pausen von allen Seiten beschnüffeln und sogar anstupsen, ohne sich darüber zu beschweren. Ein besonders überzeugender Boss ist das nicht.

Ich habe inzwischen den Verdacht, dass Simba einfach jemanden braucht, der ihm das Startsignal gibt. Sobald ich wieder losrenne, kommt auch er in Bewegung. Also drehte ich noch eine Runde, machte einen Haken und beschleunigte. Simba folgte begeistert.

Immerhin funktioniert dieser Teil des Spiels zuverlässig. An der Sache mit dem Rollenwechsel müssen wir noch arbeiten.

Irgendwann trennten sich unsere Wege. Simba und sein Herrchen bogen in die eine Richtung ab, der alte Mann und ich gingen in die andere. Hinter der Senke nahm mich der alte Mann wieder an die Leine.

Das erwies sich als ausgesprochen vorausschauend, denn gerade einmal zwei Wegbiegungen später standen zwei Rehe direkt neben uns auf der Wiese. Keine zwei großen Sprünge entfernt.

Wir blieben stehen und sahen sie an. Die Rehe sahen uns an. Für einen Moment standen wir uns einfach gegenüber.

Wir machten wohl keinen besonders gefährlichen Eindruck. Jedenfalls hielten die Rehe es nicht für nötig, eilig davonzulaufen. Sie setzten sich ganz gelassen in Bewegung, liefen locker an uns vorbei und verschwanden hinter uns in den Streuobstwiesen.

Ich schaute ihnen nach. Der alte Mann ebenfalls. So nah hatten wir heute noch keine Rehe gesehen.

Unser Rückweg führte uns wieder am Brombeerwäldchen vorbei. Und dort standen tatsächlich immer noch die Rehe vom Beginn unserer Runde. Genau an derselben Stelle.

Das erstaunte uns nun doch. Wir waren inzwischen ein gutes Stück gelaufen, hatten Simba getroffen, ausgiebig gespielt und unterwegs noch zwei weitere Rehe beobachtet. Diese hier standen noch immer am Brombeerwäldchen, als wäre überhaupt keine Zeit vergangen.

Ich blieb stehen und betrachtete sie. Sie betrachteten mich. Wir kannten das ja bereits vom Hinweg.

Offenbar hatten sie heute keine weiteren Termine.

Wieder zu Hause widmete sich der alte Mann seinem üblichen Ritual. Nach einer guten Runde muss man erst einmal eine Tasse Kaffee trinken. Warum das so ist, habe ich noch nicht herausgefunden. Er hatte schließlich schon vor der Runde Kaffee getrunken.

Während er noch gemütlich bei seiner Tasse saß, schaltete draußen jemand das Licht aus. Der Himmel wurde dunkel, und kurz darauf war auch der Regen wieder da. Diesmal schien es jemand besonders eilig zu haben, das Wasser loszuwerden.

Der alte Mann hatte den Zeitpunkt für unsere Morgenrunde gut getroffen. Kurz nach unserer Rückkehr war es draußen schon wieder ungemütlich geworden.

Nachdem er seinen Kaffee ausgetrunken hatte, beschäftigte er sich mit den lärmenden und piepsenden Maschinen. Eine davon fuhr durch die Gegend und machte dabei ordentlich Krach. Der alte Mann murmelte etwas davon, dass niemand so viel saugen könne, wie Hund und Katze gerade Haare verlieren würden.

Das klang nicht besonders bedrohlich. Es ging um Haare, und davon hatten wir tatsächlich ausreichend im Haus. Dass der alte Mann sie unbedingt alle wieder einsammeln wollte, war seine Entscheidung. Ich hatte sie schließlich nicht ohne Grund verteilt.

Die Maschine piepste, der alte Mann brummelte, und draußen regnete es weiter. Ich suchte mir einen bequemen Platz, von dem aus ich die Arbeiten überwachen konnte.

Als Frauchen nach ihrem Tiere-Turnen wieder nach Hause kam, ging der Tag langsam zu Ende. Der Regen war noch immer nicht aufgebraucht. Anscheinend hatte draußen jemand einen ziemlich großen Vorrat angelegt.

Der alte Mann schaute hinaus und beschloss, dass wir trotzdem noch eine richtige Runde drehen würden. Nicht nur schnell vor die Tür, das Nötigste erledigen und wieder zurück. Nein, eine ordentliche Abendrunde sollte es werden.

Ich fand das eine vernünftige Entscheidung. Seit unserer Morgenrunde war einiges an Zeit vergangen, und niemand konnte wissen, was sich draußen inzwischen alles verändert hatte.

Die Bereitschaft des alten Mannes, sich durch den Regen zu bewegen, war aber nicht grenzenlos. Er entschied sich für die Bahnhofsrunde. Die hatte eine vernünftige Länge, bot ausreichend Gelegenheit, die Nachrichten am Wegesrand zu überprüfen, und führte fast ausschließlich über befestigte Wege. Nach zwei Tagen Regen war das ein wichtiges Auswahlkriterium.

Mir war das ziemlich gleichgültig. Schlamm gehört zu den Dingen, mit denen ich gut zurechtkomme. Der alte Mann sieht das anders, besonders wenn ich ihn anschließend mit ins Haus bringe.

Wir kontrollierten die bekannten Stellen entlang der Bahnhofsrunde. Der Regen hatte manche Gerüche fortgespült, andere dafür besonders deutlich hervorgebracht. Es gab einiges zu untersuchen, und ich arbeitete mich sorgfältig voran. Der alte Mann stapfte neben mir her und schien mit seiner Streckenwahl zufrieden zu sein.

Unterwegs begegneten uns ein paar Kinder, die auf ihren Rollern wild hin und her fuhren und dabei ordentlich herumschrien. Der Roller vom Tränkebrunnen war nicht dabei. Jedenfalls sah keiner so aus.

Normalerweise wäre das Geschrei ein Anlass gewesen, mich um die Einhaltung einer gewissen Ordnung zu kümmern. Man kann nicht einfach kreuz und quer durch die Gegend rasen und erwarten, dass niemand dazu Stellung nimmt.

Heute war mir aber nicht danach. Es regnete, der Tag war lang gewesen, und irgendwie hatte ich keine Lust, mich auch noch mit der Aufsicht über fremde Kinder zu beschäftigen. Also ging ich einfach weiter.

Kaum waren wir vorbei, blieb der alte Mann stehen und spendierte mir eine ausgesprochen großzügige Portion Leckerli. Er war mit meiner Arbeitsleistung offensichtlich außerordentlich zufrieden.

Man ist an einem trüben Regentag selbst ein wenig träge, vernachlässigt seine eigentlichen Aufgaben und bekommt dafür auch noch eine Gehaltserhöhung.

Wieder zu Hause wurde ich erst einmal abgerubbelt. Der alte Mann bestand darauf, bevor ich aufs Sofa durfte. Dabei war ich nach der Bahnhofsrunde längst nicht so schmutzig, wie ich es auf anderen Wegen hätte werden können. Aber gut, das Abrubbeln gehört zu den Vorschriften, über die nicht verhandelt wird.

Danach machte ich es mir auf dem Sofa bequem. Eine Weile später kam auch der alte Mann dazu und legte sich neben mich. Ich rückte ein wenig näher, legte den Kopf ab und konnte endlich beruhigt die Augen schließen.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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