Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 25. August 2026. Heute Morgen hat uns der Wecker geweckt. Frauchens Bürotag war mal wieder viel zu früh. Der alte Mann und ich lagen auf dem Sofa. Er mit seinem Kaffee, ich einfach so. Wir waren beide noch nicht wirklich davon überzeugt, dass der Tag schon anfangen musste. Während wir so dalagen, kam Lilly noch auf einen kurzen Sprung vorbei. Sie nahm einen Snack zu sich und machte sich anschließend wieder auf zu ihrem letzten Reviergang in der Nacht. Wir blieben liegen und brauchten eine ganze Weile, bis wir einigermaßen wach wurden. Der alte Mann ging dann an seine leuchtenden Vierecke und blieb dort, bis der Tag die Kontrolle am Himmel übernommen hatte. Irgendwann war es dann doch Zeit. Gemeinsam brachen wir zu unserer morgendlichen Revierrunde auf.
Gleich zu Beginn saß eine von den Streunerkatzen im Tor zu den Hasen und Hühnern. Das war nicht ihr normaler Platz – eindeutig ein Fall für eine Kontrolle. Ich ging hin und versuchte, die Sache zu klären. Sie blieb einfach sitzen. Offenbar bewertete sie meine Zuständigkeit anders. Nun gut. Man kann nicht jeden Mitarbeiter im Revier von der eigenen Kompetenz überzeugen.
Auf der Wiese vor den Brombeerwäldchen entdeckten wir einen Fuchs, mitten in seiner morgendlichen Mäusejagd. Ganz konzentriert lauschte er ins Gras, machte immer wieder einen Satz und suchte sich die nächste Stelle aus. Wir blieben einen Moment stehen und beobachteten ihn. Auf den Feldern sahen wir die Labradore bei ihrer Morgenrunde. Der alte Mann sagte heute: „Sehen heißt nicht automatisch besuchen.“ Wir schlugen einen anderen Weg ein. Ich fand das gar nicht schlecht – so hatte der alte Mann viel mehr Zeit, mit mir zu spielen. Mal ein kleines Wettrennen, mal ein bisschen herumalbern, mal einfach gemeinsam weiterlaufen.
Als wir von den Feldern wieder absteigen wollten, kamen uns die Collies entgegen. Mit Benni, dem Kleinen, tobte ich erst eine kurze Runde. Der hat inzwischen gelernt, dass man sich auch als junger Collie ein bisschen benehmen kann. Danach begrüßte ich Indy kurz – so, wie es sich gegenüber einem älteren Hund gehört. Der alte Mann dagegen fand, jetzt sei ein guter Zeitpunkt für ein kleines Pläuschchen. Ich sah das anders. Schon vor der Runde war an ihm diese bestimmte Unruhe zu spüren gewesen, die er sonst nur an hektischen Morgen hat – viel schnelleres Anziehen, kein Blick mehr für die Vögel am Zaun. Genau diese Unruhe war jetzt wie weggeblasen, und das passte nicht zusammen. Ich stupste ihn zunächst sanft an. Das half nicht. Dann etwas deutlicher. Auch das half nicht. Am Ende musste ich einmal kräftiger an seinem Ärmel zupfen, bis die Unruhe von vorhin wieder in seine Bewegungen zurückkehrte. Der alte Mann war davon zunächst ein wenig angefressen. Wenn man jemanden an einen eigenen Termin erinnern muss, sollte man sich allerdings nicht über die Art der Erinnerung beschweren. Kurze Zeit später schaute er auf den kleinen Bildschirm an seinem Arm. Und siehe da: Wir waren tatsächlich noch gut in der Zeit. Da war er plötzlich ganz zufrieden mit mir.
Am Nachmittag war Frauchen zurück, und ich machte mit ihr die zweite Runde. Die kleine Schafrunde ist weniger eine große Wanderung als eine ordentliche Kontrolle des heimischen Außenbezirks. Wir gingen an den Wiesen entlang, schauten nach dem Rechten und prüften, ob sich irgendwo etwas verändert hatte. Bei den Schafen wurde ebenfalls kontrolliert: ob alle da waren, ob alles ruhig war, ob sich irgendwo etwas Ungewöhnliches tat. Frauchen konnte dabei in Ruhe weiterlaufen – ich hatte die wichtigen Dinge im Blick.
Auf dem engen Weg kamen uns die beiden Goldies aus der Straße am Friedhof entgegen. Es ist nicht so, dass wir uns nicht mögen. Streit gibt es keinen. Wir können nur einfach nicht besonders viel miteinander anfangen. Seit die Menschen das wissen, laufen wir entsprechend große Bögen umeinander. Das funktioniert ziemlich gut und erspart allen Beteiligten unnötige Aufregung. Heute wich ich mit Frauchen über die Wiese aus. Dort lag noch ein Stück Brot, das eigentlich auf die Schafwiese gehört hätte, aber offenbar unterwegs beschlossen hatte, seinen Weg auf dieses Stück Wiese zu finden. Wenn es schon einmal dort lag, war es eben da. Frauchen war da anderer Meinung. Aber weg ist weg. Da konnte sie dann auch nichts mehr machen.
Die Runde führte uns auf dem Rückweg noch am Haus der Goldies vorbei. Und heute fand ich, es wäre eine gute Idee, direkt vor ihrem Tor meine persönliche Visitenkarte zu hinterlassen. Man will höflich bleiben und den Nachbarn zeigen, dass man an sie denkt. Frauchen sah das etwas anders. Und natürlich hat sie es später dem alten Mann verpetzt.
Zum Schluss des Tages ging der alte Mann noch ein paar Schritte mit mir, damit ich die wichtigen Geschäfte vor dem Schlafengehen erledigen konnte. Als wir wieder nach Hause gingen, saß die Streunerkatze vom Morgen ordnungsgemäß auf ihren Stufen vor dem Haus. Ich schaute zu ihr. Sie schaute zu mir. Sie bewegte sich nicht weiter.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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