Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 01. September 2026. Der alte Mann ist wieder mit der Sonne wach geworden. Das klingt zwar sehr gleichmäßig, aber die Sonne lässt sich jetzt ja jeden Tag etwas mehr Zeit. Ich finde, er sollte langsam aufpassen. Sonst steht er irgendwann morgens auf, wartet auf die Sonne – und die denkt noch gar nicht daran, aufzustehen.
Der Kaffee zum Wachwerden ist geblieben. Wenigstens etwas ist zuverlässig. Heute hat Frauchen dem alten Mann außerdem einen Kuss gegeben. Zum Geburtstag, hat sie gesagt. Ich habe das eine Weile beobachtet. Einen Geburtstag gibt es offenbar jedes Jahr, und wenn man Geburtstag hat, bekommt man von Frauchen einen Kuss. Ich verstehe das Prinzip nicht so ganz. Wenn jemand Geburtstag hat, ist er doch nicht plötzlich ein anderer Mensch als am Tag davor.
Aber Menschen haben ihre Rituale.
Wo wir gerade bei Ritualen sind: Kurze Zeit später sind wir zur Morgenrunde aufgebrochen. Als Erstes ging es wieder zum See. Den Leuchtturm hatten wir natürlich dabei. Der gehört inzwischen offenbar genauso zu unseren Ausflügen wie der Kaffee zum alten Mann.
Kaum waren wir am Wasser, begann der Tag mit ein paar erfrischenden Rettungen des Spielies aus dem See. Das Spielie wurde ins Wasser geworfen, ich holte es wieder heraus. Dann wurde es wieder geworfen, und ich holte es wieder heraus. Die Menschen nennen so etwas Spielen. Ich hatte ordentlich zu tun.
Danach liefen wir am See entlang. Ich ging nicht einfach nur spazieren. Ich blieb immer wieder stehen und prüfte, was sich seit unserem letzten Besuch verändert hatte. Da waren die Enten auf dem Wasser, die sich nicht besonders beeindruckt von meiner Anwesenheit zeigten. Menschen waren ebenfalls unterwegs, manche mit Hunden, manche mit Kaffee und manche offenbar einfach so. Ich beobachtete sie kurz und ließ sie weiterziehen.
Zwischendurch führte der Weg ganz dicht am Wasser entlang. Das war praktisch, denn so konnte ich immer wieder einen Blick auf die Wasseroberfläche werfen. Man weiß ja nie, ob das Spielie nicht vielleicht doch noch irgendwo Hilfe braucht.
Am Ufer roch es nach Wasser, feuchtem Holz, Gras und all den kleinen Dingen, die Menschen beim Vorübergehen meistens gar nicht bemerken. Ich nahm mir für jeden Geruch einen Moment Zeit.
Auch der Leuchtturm war wieder dabei und wurde zuverlässig durch das Revier getragen.
Nachdem ich festgestellt hatte, dass der See noch da war, die Enten weiterhin Enten waren und keine besonderen Vorkommnisse zu melden waren, konnten wir zurück in die Ersatzhöhle.
Danach beschlossen die beiden, einen ruhigen Vormittag zu verbringen. Frauchen und der alte Mann lasen, und der alte Mann beantwortete zwischendurch Nachrichten. Später gingen die beiden noch ins Schwimmbad, das zu unserer Anlage gehört. Ich beobachtete das Ganze aus der Nähe. Menschen scheinen Wasser wirklich interessant zu finden, solange sie nicht gerade versuchen, ein Spielie daraus zu retten.
Nach dem Schwimmen begann der alte Mann wieder ein wenig über seine Schultern zu jammern. So schlimm kann es aber nicht sein, denn insgesamt wird es offenbar besser. Das ist gut. Wenn seine Schultern bald wieder ordentlich funktionieren, können wir vielleicht wieder anspruchsvollere Runden gehen.
Nach der Mittagsruhe sind wir ins Städtchen gegangen. Die beiden hatten Lust auf ein Eis oder ein Stück Kuchen. Ich war damit einverstanden. Bei solchen Ausflügen kann für mich ja auch etwas dabei sein.
Und tatsächlich: Heute gab es eine kleine Kugel Eis für mich. Da kann man über den Sinn eines solchen Ausflugs wirklich nicht meckern.
Ein Besuch im Städtchen ist für einen Entlebucher trotzdem anstrengend. So viele Menschen, Fahrräder, Geräusche und Gerüche – und alle bewegen sich irgendwie durcheinander. Da war mir die anschließende Runde über die Felder und durch die Wälder der letzten Tage schon deutlich lieber.
Wir waren noch gar nicht weit unterwegs, da flog auch schon der Ball. Ein paar Mal hinterherlaufen, zurückbringen, wieder loslaufen – das ist eine angenehme Beschäftigung. Zwischendurch gab es Suchspiele. Der Ball verschwand im Gras oder wurde irgendwo am Weg versteckt, und ich musste erst einmal herausfinden, wo er geblieben war.
Danach ging es weiter durch die Felder und in den Wald. Ich schnüffelte am Wegesrand, prüfte die Spuren im Gras und blieb immer wieder stehen, wenn irgendwo ein interessanter Geruch auftauchte. Manchmal reichte ein kurzer Blick, manchmal musste ich etwas genauer nachsehen.
Dann flog wieder der Ball.
Ich brachte ihn zurück, suchte ihn im hohen Gras, lief ein Stück voraus und blieb wieder stehen, sobald etwas meine Aufmerksamkeit erregte. Ball und Suchspiele wechselten sich mit dem ab, was auf einer ordentlichen Runde eben so anfällt. Gegen Ende der Revierkontrolle war dann auf einmal wieder ich derjenige, der unter Beobachtung stand. Die Hofkatzen hatten mich im Blick.
Als wir wieder bei der Ersatzhöhle ankamen, war der Tag schon ziemlich weit fortgeschritten. Nach dem Abendessen wurde es ruhiger. Frauchen und der alte Mann machten es sich auf dem Sofa gemütlich, und ich legte mich dazu.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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