Entlebucher Tagebuch – Samstag, 17. Oktober 2026. Der Tag begann zunächst ganz ordentlich. Der alte Mann saß mit seinem Kaffee auf dem Sofa, und ich konnte davon ausgehen, dass die bekannte Morgenroutine eingehalten würde. Allerdings fiel der gemütliche Teil heute deutlich kürzer aus als gewöhnlich. Plötzlich stand er auf und begann, allerlei Sachen zusammenzutragen. Eine nach der anderen brachte er zum Auto. Ich beobachtete das aufmerksam. Wenn der alte Mann Dinge ins Auto räumt, ist das meistens ein Hinweis darauf, dass etwas bevorsteht. Ob ich dabei eine Rolle spielen sollte, war noch nicht zu erkennen. Irgendwann schien er mit seiner Ausbeute zufrieden zu sein. Er stieg ein und fuhr davon. Ohne mich.
Als er zurückkam, waren die Sachen verschwunden. Der alte Mann war noch da, das Auto ebenfalls. Nur die ganze Ladung fehlte. Ich hätte schon gerne gewusst, was das für eine Aktion gewesen war. Kaum war er zurück, begann Frauchen, ihre Sachen für das Tiere-Turnen ins Auto zu tragen. Dort legen sich die Menschen auf Matten und machen allerlei merkwürdige Verrenkungen. Wozu das gut sein soll, habe ich noch nicht abschließend geklärt.
Dann fuhr sie davon. Wieder ohne mich.
Immerhin hatte sie den alten Mann dagelassen. Nach den merkwürdigen Vorgängen am Morgen war das keine Selbstverständlichkeit mehr. Damit war wenigstens eine gewisse personelle Grundversorgung sichergestellt.
„Jetzt müssen wir auch los, damit wir noch vor dem Regen zurück sind“, erklärte der alte Mann, nachdem er auf sein leuchtendes Viereck geschaut hatte. Ich hatte die Wetterlage längst geprüft. Hätte er mich gefragt, hätte ich ihm sagen können, dass es knapp werden würde, aber noch reichen müsste.
Er fragte nicht.
Also machten wir uns auf den morgendlichen Kontrollgang. Der alte Mann vertraute seinem Viereck, ich meiner Nase. Wir würden ja sehen, wer recht behielt. Am Anstieg zu den Feldern bekam ich plötzlich einen vertrauten Geruch in die Nase. Ich wollte das Tempo erhöhen. Angesichts des angekündigten Regens wäre das sogar ausgesprochen vernünftig gewesen. Der alte Mann sah das anders.
Ich versuchte es drei- oder viermal. Jedes Mal erklärte mir die Leine, dass am anderen Ende ein ausgesprochen unkooperativer alter Mann hing. Wir kamen trotzdem oben an, nur eben später als nötig.
Und dann sah ich sie.
Pako war bereits auf halbem Weg zu mir. Die beiden Collies schauten interessiert herüber, und ein weiterer Hund, den ich nicht so gut kannte, war irgendwo mit eigenen Angelegenheiten beschäftigt. Pako begrüßen und mit ihm lostoben war praktisch ein einziger Vorgang. Kurz darauf gesellte sich Benni dazu. Wir hatten einiges zu erledigen.
Der alte Mann ging unterdessen langsam den Weg weiter. Das Herrchen der Collies rief ihm zu, dass die Retriever nicht so schnell kämen und er ruhig noch dazukommen könne. Der alte Mann schob mich vor. Er behauptete, bei so vielen Hunden würde ich nach wenigen Minuten anfangen, für Ordnung zu sorgen. Das stimmt natürlich. Aber ich weiß nicht, weshalb er das für ein Problem hält.
Einer der Menschen lachte und meinte: „Einer muss es ja tun.“ Wenn der alte Mann mich bei sich haben möchte, braucht er mich lediglich zu rufen. Das weiß er auch. Aber… Er mag die Menschen, die dort standen, eigentlich alle ganz gerne. Nur offenbar nicht unbedingt alle auf einmal. Manchmal glaube ich, der alte Mann hat mehr vom Entlebucher, als er zugeben möchte.
Der alte Mann ging also weiter, wünschte allen noch einen schönen Tag und ließ mich mit Pako und Benni zurück. Ich drehte noch zwei ordentliche Runden mit den beiden und schloss mich ihm dann wieder an. Ganz ohne Aufforderung.
Anschließend setzten wir unseren Kontrollgang fort. Der alte Mann legte ein ordentliches Tempo vor, schließlich stand der angekündigte Regen noch aus. Ich überprüfte die üblichen Stellen, und größere Vorkommnisse gab es nicht. Abgesehen von ein paar nicht autorisierten Flaschen und einem Roller am Tränkebrunnen. Die standen dort offenbar noch von der vergangenen Nacht herum. Ich besah mir die Hinterlassenschaften genauer. Wer sich dort herumgetrieben hatte, war durchaus noch zu riechen. Die Einzelheiten waren allerdings nicht besonders interessant. Aufgeräumt hatte jedenfalls niemand.
Der alte Mann hielt sich nicht lange damit auf. Wir hatten schließlich noch einen Termin mit dem Regen, den wir möglichst verpassen wollten. Erst auf den letzten Metern öffnete der Himmel dann doch noch seine Schleusen. Ein paar Tropfen erwischten uns, bevor wir die Höhle erreichten. Kurz darauf waren es keine einzelnen Tropfen mehr. Es regnete richtig, und der Himmel schien fest entschlossen, daran für den Rest des Tages nichts mehr zu ändern.
Der alte Mann hätte mich einfach fragen können.
Für den restlichen Tag bot sich das Sofa an. Draußen war alles nass, die Revierkontrolle erledigt und Pako und Benni hatte ich getroffen. Es gab keinen vernünftigen Grund, noch einmal aufzustehen. Ich bezog meinen Platz auf dem Sofa und beobachtete den alten Mann. Der machte dort weiter, wo er gestern aufgehört hatte. Er hantierte mit seinen lärmenden und piependen Maschinen. Kaum war eine verstummt, begann die nächste. Dann holte er den Sauger hervor und schob ihn mit großem Eifer durch die Höhle. Mehrmals kam das brummende Ding direkt an meinem Sofa vorbei. Ich hob kurz den Kopf. Der alte Mann machte unbeirrt weiter. Offenbar hatte er sich für heute vorgenommen, möglichst viel Lärm zu erzeugen.
Eine ganze Weile nach uns kam Lilly nach Hause. Sie war nass und hatte dazu einiges zu sagen. Lautstark und ausdauernd beschwerte sie sich beim alten Mann über die Zustände draußen. Der alte Mann hörte sich die Vorwürfe an, obwohl er mit dem Regen vermutlich wenig zu tun hatte. Lilly sah das anders. Aus mir nicht ganz verständlichen Gründen ist sie davon überzeugt, dass der alte Mann für sämtliche Widrigkeiten verantwortlich ist, die ihr widerfahren. Schlechtes Wetter, verschlossene Türen oder andere Unannehmlichkeiten fallen grundsätzlich in seinen Zuständigkeitsbereich.
Ich beobachtete die Beschwerdeannahme vom Sofa aus. Der alte Mann hatte ohnehin schon viel zu tun. Jetzt war er offenbar auch noch für das Wetter verantwortlich. Mir warf Lilly einen ausgesprochen missmutigen Blick zu, bevor sie sich nach oben zurückzog, um dort zu schlafen. Dabei hatte ich mit dem Regen genauso wenig zu tun wie der alte Mann.
Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass Lilly ein Killer ist?
Nur falls sich jemand fragt, weshalb ich ihren Blick durchaus ernst nehme.
Nach dem Essen kam der alte Mann endlich zur Ruhe und legte sich zu mir aufs Sofa. Die lärmenden und piependen Maschinen hatten Feierabend. Das wurde Zeit. Ich rückte ein wenig zurecht, damit er noch Platz fand. Am Abend war Frauchen längst zurück, aber der Regen hatte sich immer noch nicht beruhigt. Eine ganze Weile warteten wir darauf, dass er wenigstens kurz nachließ. Irgendwann gaben wir auf.
Der alte Mann zog sich wetterfest an, und wir gingen noch einmal hinaus. Die notwendigsten Geschäfte mussten erledigt werden, unabhängig davon, was der Himmel dazu meinte. Wir hielten uns nicht länger draußen auf als nötig. Danach kuschelten wir uns zu dritt aufs Sofa. Der alte Mann hatte seine Sachen vom Morgen offenbar irgendwo gelassen, Frauchen war vom Tiere-Turnen zurück, und ich hatte beide wieder beisammen. Draußen liefen die Regentropfen an den Scheiben herunter.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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