Entlebucher Tagebuch – Donnerstag, 08. Oktober 2026 bis Samstag, 10. Oktober 2026. Es ist ja nicht so, dass ich am Donnerstag nichts zu erzählen gehabt hätte. Aber der alte Mann hatte das Rudel verlassen. Schon wieder. Ich habe schließlich oft genug darauf hingewiesen, dass man so etwas besser bleiben lässt. Als er spät am Abend nach Hause kam, war mit ihm jedenfalls nicht mehr viel anzufangen. Er brachte kaum noch einen vernünftigen Ton heraus und krächzte nur noch vor sich hin. Offenbar hatte er den ganzen Tag geredet und dabei irgendwo seine Stimme liegen lassen. Wo genau, konnte er mir nicht mehr erklären. Aus seinen Geräuschen ließ sich jedenfalls schließen, dass er an diesem Abend auch nichts mehr schreiben würde. Das kommt eben davon, wenn man das Rudel verlässt.
Am Freitag wurde dann gepackt. Diesmal von allen, was schon einmal eine deutliche Verbesserung war. Wir fuhren gemeinsam zur Oma. Dort stellte sich heraus, dass die Sache mit dem gemeinsamen Rudel noch nicht vollständig geklärt war. Frauchen blieb nämlich bei der Oma und schlief dort, während der alte Mann und ich in eine Ersatzhöhle zogen. Die Begründung lautete, ich würde stören. Das muss man sich einmal vorstellen. Ich begleite meine Menschen, überprüfe fremde Räume, achte auf ungewöhnliche Geräusche und sorge dafür, dass niemand unbemerkt irgendwo auftaucht. Gerade in einer fremden Umgebung ist das keine unwichtige Aufgabe. Ich sichere. Ich störe nicht.
Immerhin war er vernünftig genug, mich mitzunehmen. Wie richtig diese Entscheidung war, zeigte sich gleich in der ersten Nacht. Ein Fremder kam ins Haus, und ich war sofort einsatzbereit. Ich machte ordentlich Meldung, damit der alte Mann aufwachte. Der brauchte einen Moment, um zu begreifen, was los war. Ich hatte die Lage da längst erfasst. Anstelle des erwarteten Lobes bekam ich eine Belehrung. In der Ersatzhöhle sei ich nicht für das ganze Haus zuständig, sondern nur für unsere Wohnung. Und jetzt solle ich weiterschlafen. Davon war bei der Übernahme der Ersatzhöhle keine Rede gewesen. Man hatte meinen Zuständigkeitsbereich verkleinert, ohne mich darüber zu informieren. Eine solche Einschränkung kann ich als Sicherheitschefin selbstverständlich nur ablehnen. Zumal er davon auszugehen scheint, dass Fremde an unserer Wohnungstür plötzlich weniger fremd sind als an der Haustür.
Am nächsten Morgen fuhren wir wieder zur Oma und frühstückten alle zusammen. Das Rudel war zumindest vorübergehend wieder vollständig. Anschließend behauptete der alte Mann, das Wetter sei schlecht. Nur weil es regnete. Ich konnte daran nichts Schlechtes erkennen, und immerhin war er trotzdem bereit, mit mir eine Morgenrunde zu gehen. Am Freitag hatte es nur ein paar kleine Runden zur Erledigung dringender Geschäfte gegeben. Für eine ordentliche Revierkontrolle war da keine Zeit gewesen, und entsprechend groß war mein Nachholbedarf.
Es dauerte eine ganze Weile, bis wir aus der Stadt heraus waren. Überall Häuser, Straßen und Leinenpflicht. Dann lagen plötzlich große Wiesen vor uns, und endlich durfte die Leine ab. Kaum war ich frei, übernahm mein Körper die Entscheidung. Der wollte rennen. Also rannte ich. Mit einem Affentempo über die Wiesen, am alten Mann vorbei, einen großen Bogen und gleich wieder zurück. Und noch einmal. Und noch einmal. Er blieb stehen und schaute mir zu. Das war besser so. In seinem Tempo wäre aus der Sache nichts geworden.
Nach einer Weile erreichten wir einen Wald, und der alte Mann fand, dass es jetzt Zeit für die lange Leine wäre. Dagegen hatte ich ausnahmsweise nichts einzuwenden, denn schon am Waldrand gab es ausgesprochen interessante Gerüche. Hier war einiges los gewesen. Ich nahm eine Spur auf, prüfte sie sorgfältig und führte ihn auf schmalen Pfaden quer durch den Wald. Mal ging es nach links, dann wieder nach rechts, und zwischendurch musste ich stehen bleiben, weil eine besonders aufregende Nachricht eine genauere Untersuchung verlangte. Ich war ganz in meinem Element. Er folgte mir einigermaßen bereitwillig. Nur das Tempo wollte er unbedingt selbst bestimmen. Dabei hatte er offensichtlich weit weniger Interesse an den Spuren als ich.
Irgendwann fanden wir wieder aus dem Wald heraus. Bis wir zurück bei der Oma waren, dauerte es noch eine ganze Weile. Der alte Mann hatte ausnahmsweise eine wirklich ordentliche Morgenrunde zustande gebracht. Bei der Oma erwartete mich dann eine Unverschämtheit. Frauchen und Oma waren verschwunden. Einfach weg. Ich kontrollierte jedes Zimmer, aber von den beiden keine Spur. Er behauptete, sie seien beim Arzt. Das mag ja sein. Eine ordentliche Abmeldung wäre trotzdem angebracht gewesen. Schließlich kann ich nicht für die Sicherheit des Rudels verantwortlich sein, wenn dessen Mitglieder ständig verschwinden, ohne mich darüber zu informieren. Zum Glück kamen die beiden kurz darauf wieder und wunderten sich auch noch, dass wir gerade erst von unserer Morgenrunde zurück waren.
Danach gab es nicht mehr viel zu tun. Jedenfalls für mich. Der alte Mann verschwand wieder, um die Dinge zu erledigen, die Menschen am Anfang ihrer freien Wochentage erledigen müssen. Ich hatte eigentlich angenommen, dass solche Angelegenheiten mit unserer Reise vorerst ausfallen würden. Aber anscheinend ändert ein Ortswechsel nichts an seinen Gewohnheiten. Ich begnügte mich damit, auf Frauchen und Oma aufzupassen. Irgendjemand musste schließlich den Überblick behalten.
Am Nachmittag, nach einer gemeinsamen Mittagsruhe, bei der auch der alte Mann längst wieder aufgetaucht war, machten Frauchen und ich uns auf den Weg. Zunächst gingen wir ein Stück auf einem Weg, den ich von unseren Besuchen bei der Oma schon gut kenne. Inzwischen könnte ich dort beinahe eine regelmäßige Revierkontrolle übernehmen. Ich weiß jedenfalls ziemlich genau, wo ich nach Veränderungen suchen muss. Diesmal machten wir noch einen größeren Bogen. Auf einem schmalen Trampelpfad quer über eine Wiese entdeckte ich eine interessante Spur, der ich folgen musste. Frauchen ließ mich gewähren, auch wenn sie gelegentlich meinte, ich müsse nicht immer so schnell gehen. Das war ihre Auffassung. Die Spur hatte andere Vorstellungen. Über ein paar weitere Abzweigungen fanden wir schließlich wieder zurück. Von den Diskussionen über die angemessene Geschwindigkeit einmal abgesehen, war das eine Runde ganz nach meinem Geschmack.
Als wir wieder in der Wohnung waren, musste ich mich erst einmal lautstark beim alten Mann beschweren. Der war nicht mitgekommen, obwohl er durchaus Zeit gehabt hätte. Ich fand, dass er sich das ruhig anhören konnte. Als ich wenig später zwischen Frauchen und ihm auf dem Sofa lag und von beiden Seiten gekrault wurde, war die Angelegenheit schnell vergessen. Ich hatte den Kopf bequem abgelegt, und die beiden hatten ihre Hände endlich dort, wo sie hingehörten.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
-

Eine doppelte Begrüßung, neugierige Rehe und ein Wettlauf mit der Dunkelheit
Entlebucher Tagebuch – Mittwoch, 04. November und Donnerstag, 05. November 2026. Gestern war wieder Bürotag…
-

Ein verdächtig gehorsamer Hund und ein misstrauischer alter Mann
Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 3. November 2026. Heute war Frauchens Bürotag. Deshalb fingen die leuchtenden…
-

Ein verspäteter Weckruf, Hunde mit anderen Plänen und ein vorgezogener Montag
Entlebucher Tagebuch – Sonntag, 01. November 2026 und Montag 02. November 2026. Gestern Morgen musste…


Schreibe einen Kommentar