Entlebucher Tagebuch – Sonntag, 2. August 2026. Heute begann der Morgen ungewöhnlich strukturiert. Frauchen und der alte Mann wirkten erstaunlich organisiert, was sich vor allem daran zeigte, dass wir schon kurz nach dem Sofakaffee des alten Mannes unser Frühstück bekamen.
Ich hatte ja schon geahnt, dass das etwas zu bedeuten hatte. Wirklich sicher war ich aber, als der alte Mann den Mantrailing-Korb packte. Das besondere Geschirr, die lange Leine, jede Menge Wasser und das gute Futter wanderten hinein. Und natürlich auch die Tüte mit seinen getragenen Socken. Die bekommt später der Hund aus dem anderen Team zum Anriechen. Irgendwie muss er ja wissen, wen er suchen soll.
Als der alte Mann mit seinen Vorbereitungen zufrieden war, zog er sich die Schuhe und mir das normale Geschirr an. Nur weil wir später zum Trailen fahren, heißt das nicht, dass ich meine Morgenrunde ausfallen lasse. Bevor wir irgendwo hinfahren, muss erst einmal kontrolliert werden, ob zu Hause noch alles in Ordnung ist.
Als wir vor die Tür traten, hatte ich sofort den Geruch von Nala in der Nase. Ganz frisch. Keine zwei Minuten alt. Ich machte dem alten Mann also unmissverständlich klar, dass wir uns jetzt zügig in Richtung Felder bewegen sollten. Ich zog entsprechend energisch an der Leine. Der alte Mann ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken. Er bestand darauf, erst einmal in seinem Tempo loszugehen.
Da wir uns über das Tempo einfach nicht einigen konnten – selbst dann nicht, als der alte Mann inzwischen gesehen hatte, warum ich es so eilig hatte –, traf er eine Entscheidung. Statt Nalas frischer Spur zu folgen, bog er erst eine Straße später in Richtung der Felder ab. Menschen lösen Meinungsverschiedenheiten manchmal auf sehr merkwürdige Weise. Da die Spur nun ohnehin weg war, sah ich auch keinen Grund mehr, nicht in seinem Tempo weiterzulaufen.
Jetzt konnte ich mich auch wieder auf meine morgendlichen Verpflichtungen konzentrieren. Da wir ohnehin nur die Runde liefen, die der alte Mann als kurze Runde bezeichnet, und unterwegs keine Übungen auf dem Plan standen, waren wir schon bald wieder zu Hause.
Zu Hause blieben wir allerdings nicht lange. Gemeinsam mit Frauchen und der gepackten Ausrüstung machten wir uns gleich wieder auf den Weg. Alle waren sich einig, dass wir fertig sein mussten, bevor die Sonne ihren Job wieder etwas zu ernst nahm. Gegen Hitze hilft auch die beste Planung nur begrenzt.
Am Stuttgarter Freibad trafen wir uns mit Marita. Apollo und seine Menschin waren ebenfalls schon da und warteten auf uns.
Heute durfte ich anfangen. Der alte Mann zog mir das Trailgeschirr an, während Marita Apollos Frauchen erklärte, wo sie sich verstecken sollte. Danach hieß es warten, bis sie ihr Versteck erreicht hatte. Kurz wurde Marita etwas unruhig, weil Apollos Frauchen zunächst in die falsche Richtung gelaufen war. Am Ende schien aber alles zu passen.
Frauchen legte mit mir einen vorbildlichen Start hin. Seit Lindas freundlichem Grummeln während der Trailwoche achtet sie viel genauer auf den Start. Sie lässt mir jetzt die Zeit, die ich brauche, und wartet geduldig, bis ich den Geruch wirklich aufgenommen habe. Ich finde, das macht sie inzwischen richtig gut.
Am Anfang führte die Spur an einer Hundewiese vorbei. Zumindest verrieten mir das die vielen interessanten Gerüche, die dort in der Luft lagen. Auch wenn ich die Spur nicht aus den Augen – oder besser gesagt aus der Nase – verlor, nahm ich mir doch die Zeit, hier und da etwas genauer hinzuschauen. Man weiß nie, welche Informationen sich am Wegesrand noch mitnehmen lassen.
Dann kamen wir an die Kreuzung, an der zuvor der kleine Fehler passiert war. Marita befürchtete schon, dass ich nun ebenfalls erst den falschen Weg einschlagen würde. Ich prüfte beide Möglichkeiten kurz, verglich die Gerüche und entschied mich dann ganz selbstverständlich für die frischere Spur. Für meine Nase war die Entscheidung jedenfalls schnell getroffen.
Damit war dann aber Schluss mit dem privaten Herumschnüffeln. Ich zog das Tempo deutlich an und konzentrierte mich ganz auf meine Aufgabe. Was ich allerdings bis heute nicht verstehe: Erst heißt es: „Das ist privat, konzentrier dich auf die Spur.“ Und sobald ich genau das mache, höre ich: „Nicht so schnell!“ Versteh einer die Menschen.
Kurz bevor ich meine Versteckperson gefunden hatte, wurden wir von einer Frau mit zwei Australian Shepherds entdeckt. Offenbar gaben Frauchen und ich dabei ein ziemlich gutes Bild ab, denn sie ging direkt zu Marita und fragte, ob man so etwas auch mit ihren Hunden machen könne. Marita schickte sie daraufhin zu Linda. Ich finde ja, jeder Hund sollte die Möglichkeit bekommen, Mantrailing auszuprobieren. Es gibt kaum etwas Schöneres, als seine Nase genau für das einzusetzen, wofür sie gemacht ist.
Kurz darauf hatte ich Apollos Frauchen gefunden. Es gab die vorher ausgehandelte Bezahlung: große Freude, viel Lob und gutes Futter. Ich finde, das ist eine sehr faire Vereinbarung.
Jetzt gab es erst einmal jede Menge Lob, gutes Futter und reichlich Wasser. Bei den Temperaturen war das mindestens genauso wichtig wie das Trailen selbst. Danach begann der weniger spannende Teil: warten, bis sich Apollos Frauchen ein zweites Mal versteckt hatte. Geduld gehört beim Mantrailing eben auch dazu – zumindest für alle, die gerade nicht arbeiten dürfen.
Jetzt war der alte Mann an der Reihe, mir beim Suchen die Leine zu halten. Den Start machte er ebenfalls ganz ordentlich. Dass mir unterwegs andere Hunde begegneten, interessierte mich beim Trailen überhaupt nicht, was von Marita auch lobend bemerkt wurde.
Nur dann stand plötzlich ein ausgesprochen stattlicher Großpudel mitten auf meiner Spur. Er sah ganz so aus, als würde er gern spielen, wenn ich nur noch ein Stück näher käme. Also versuchte ich zunächst, die Wiese zu umgehen. Als ich wieder auf meiner Spur war, lief er allerdings genau den Weg entlang, den auch ich nehmen musste. Sein Herrchen und er waren langsamer als wir. Zuerst überholten wir das Herrchen und kurz darauf auch den Pudel. Da dieser frei lief, musste ich dabei nicht nur auf meiner Spur bleiben, sondern gleichzeitig auch noch auf meine Menschen achten. Das war gar nicht so einfach. Trotzdem verlor ich die Spur kein einziges Mal.
Wenig später hatte ich Apollos Frauchen auch ein zweites Mal gefunden. Die Freude war genauso groß wie beim ersten Mal und natürlich wurde unsere Vereinbarung wieder zuverlässig eingehalten. Lob, gutes Futter und zufriedene Menschen – so endet eine erfolgreiche Suche.
Jetzt war ich mit Warten an der Reihe und Apollo durfte den alten Mann suchen. Das passte mir eigentlich ganz gut. Unser Auto hatte wieder seine silberne Zudecke bekommen und atmete angenehm kühle Luft ins Innere. So konnte ich mich nach getaner Arbeit erst einmal ausruhen. Bei diesen Temperaturen weiß selbst ein Entlebucher einen kühlen Liegeplatz zu schätzen.
Auch Apollo erledigte seine Aufgabe souverän. Danach verabschiedeten sich alle voneinander. Wir machten uns auf den Heimweg und ließen den Sonntag ganz entspannt ausklingen.
Zu Hause machte der alte Mann trotz der Hitze noch einmal Feuer auf der Terrasse. Ich achtete selbstverständlich darauf, dass auch für mich ein Stück Fleisch den Weg über das Feuer fand. Qualitätskontrolle hört eben nicht mit dem Mantrailing auf.
Danach wurde es ruhig. Der alte Mann saß noch eine Weile auf der Terrasse, Frauchen ließ den Tag ausklingen und ich suchte mir einen kühlen Platz. Für heute hatten wir alle genug gearbeitet.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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