Entlebucher Tagebuch – Freitag, 23. Oktober 2026 bis Sonntag, 25. Oktober. Donnerstagnacht kam der Wind. Nicht so ein bisschen Wind, der gelegentlich an den Blättern raschelt, sondern richtiger Wind. Er rüttelte an den Bäumen, pfiff ums Haus und machte keinerlei Anstalten, wieder zu verschwinden. Ich betrachtete mir das eine Weile durch die Glastür. Draußen bewegte sich alles, was sich bewegen konnte, und manches, was eigentlich an seinem Platz bleiben sollte.

Da wusste ich bereits: Wir werden keine Freunde.

Am Freitagmorgen saß der alte Mann wie gewöhnlich mit seinem Kaffee auf dem Sofa. Gelegentlich schaute er zum Fenster, besonders wenn es draußen wieder heftig pfiff. „Da haben wir wohl den ersten Herbststurm“, stellte er fest und trank weiter seinen Kaffee. Ich hatte das bereits in der Nacht bemerkt.

Trotzdem machten wir uns anschließend auf den Weg zur Revierkontrolle. Nur weil das Wetter nicht passt, kann ein Entlebucher seine Pflichten nicht vernachlässigen. Wir einigten uns auf eine kleine Runde. Draußen stellte ich fest, dass der Wind eine merkwürdige Wirkung auf die Nachrichten am Wegrand hatte. Die Gerüche aus seiner Richtung schossen geradezu auf mich zu. Normalerweise muss ich mich selbst darum bemühen, alles sorgfältig zu untersuchen. Heute bekam ich die Informationen mit einer solchen Geschwindigkeit geliefert, dass ich kaum mit der Bearbeitung hinterherkam. Aus der anderen Richtung kam dagegen fast nichts.

An der Stelle, an der wir entscheiden mussten, ob wir auf die Felder hinausgehen oder bei unserer kleinen Runde bleiben, trafen wir Indy und Benni, die beiden Collies. Benni und ich begannen sofort zu rennen. Erst ein Stück den Weg entlang, dann wieder zurück, umeinander herum und mit viel Tempo in die nächste Kurve. Ob es am Wind lag oder wir einfach einen besonders übermütigen Morgen erwischt hatten, weiß ich nicht. Wir wurden immer wilder, bis es Indy zu bunt wurde. Der alte Collie hatte sich unser Treiben eine Weile angesehen und beschloss dann, dazwischenzugehen und für Ruhe zu sorgen. Das war mir schon ein wenig peinlich. Ich bin ein Entlebucher und eigentlich selbst für solche Angelegenheiten zuständig. Von einem alten Collie zur Ordnung gerufen zu werden, gehört nicht zu meinen bevorzugten Erlebnissen.

Danach machten wir uns alle gemeinsam auf den Rückweg in Richtung Stadt. Der Wind pfiff über die Felder, und niemand hatte besondere Lust auf größere Unternehmungen. Am Nachmittag war der alte Mann irgendwann verschwunden, wohin hatte er mir nicht mitgeteilt. Frauchen machte mit mir noch eine kleine Runde.

Der Wind war immer noch da.

Am Abend erfuhr ich, warum Frauchen das Nachmittagsprogramm so knapp gehalten hatte. Wir besuchten Ivy. Die Menschen saßen zusammen und unterhielten sich über Gott und die Welt, während Ivy und ich unsere eigenen Angelegenheiten zu erledigen hatten. Wir suchten uns die besten Plätze, um von den Anwesenden gekrault zu werden. Kaum hatte man sich bei jemandem gemütlich eingerichtet, stellte sich heraus, dass anderswo gerade zwei Hände frei waren. Ivy behielt solche Gelegenheiten ebenso aufmerksam im Blick wie ich. So wechselten wir gelegentlich unsere Plätze, während die Menschen sich weiter unterhielten.

Der Samstag brachte keine Besserung beim Wetter. Wir beschränkten unsere Revierkontrollen erneut auf das Nötigste. Der Wind hatte inzwischen zwei Tage lang Gelegenheit gehabt, sich auszutoben, und schien immer noch nicht müde zu sein. Was mir an diesem Tag überhaupt nicht gefiel, war das Abendprogramm von Frauchen und dem alten Mann. Die beiden gingen zum Tanzen, wieder einmal ohne mich.

Nun muss ich zugeben, dass dieser Termin grundsätzlich mit mir abgesprochen war. Ich wusste Bescheid und hatte keine Einwände erhoben. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle festhalten, dass es bereits das vierte Mal in dieser Woche war, dass ich allein für die Sicherheit des Hauses verantwortlich war.

Viermal!

Selbstverständlich habe ich meine Aufgaben gewissenhaft erfüllt, aber über die Verteilung dieser Wachdienste sollten wir bei Gelegenheit noch einmal sprechen.

Am Sonntagmorgen kam zum Wind auch noch Regen dazu. Das Wetter hatte sich über Nacht also keineswegs gebessert. Es gibt einen Spruch, der lautet: „Bei so einem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür.“ Der alte Mann scheint davon noch nie gehört zu haben. Wir machten uns auf den Weg zur Morgenrunde, als wäre draußen das schönste Wetter. Und diesmal nicht etwa auf eine kleine Runde, sondern hinaus auf die Felder.

Immerhin hatte Frauchen den Wald verboten. Ganz unbegründet war das wohl nicht, denn schon auf unserem Weg zu den Feldern lagen zwei abgebrochene Äste von Apfelbäumen. Der Wind hatte sie von den Bäumen geholt. Der alte Mann betrachtete sie kurz, und wir gingen weiter. An Frauchens Verbot für den Wald hielt er sich wenigstens.

Oben auf den Feldern pfiff uns der Wind entgegen. Ich zog ein paar schnelle Kreise, ließ mich ein Stück vom Wind treiben und rannte wieder zurück. Meine Ohren flatterten, und die Pfoten fanden auf dem nassen Boden erstaunlich guten Halt.

Dann sahen wir sie. Und sie sahen uns.

Die drei Labradore!

Wir hatten uns schon eine ganze Weile nicht mehr getroffen. Diesmal blieb es zunächst tatsächlich beim Sehen, denn der Wind stand quer und brachte kaum einen Geruch zu uns herüber. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich mich bereitwillig auf die Anweisungen des alten Mannes einließ. Wir gingen langsam auf die drei zu, und ich blieb dicht an seiner Seite.

Die Labradore mussten ebenfalls warten. Ihre Frau war stehen geblieben und hatte ihnen sehr deutlich erklärt, was sie von ihnen erwartete. Ein paar Schritte ging ich dann doch voraus, hörte aber sofort das warnende Knurren des alten Mannes und nahm meinen Platz neben ihm wieder ein. Bei den Labradoren klappte das Warten weniger gut. Plötzlich verloren zwei von ihnen die Geduld und rannten direkt auf uns zu. Ihre Frau rief sie zurück, aber die beiden hatten inzwischen andere Pläne. Der alte Mann sah sich die Sache einen Augenblick an und ließ mich dann ebenfalls laufen.

Und schon ging es über das frisch gepflügte Feld. Vor und zurück, kreuz und quer, umeinander herum und immer wieder in die andere Richtung. Die Erde flog unter unseren Pfoten, mal jagte einer voraus, dann waren die anderen wieder schneller. Die Furchen machten das Rennen nicht gerade einfacher, aber davon ließ sich niemand aufhalten. Irgendwann hatten wir genug, und zum Abschied gab es noch einen kurzen Nasenstupser mit dem alten Labrador. Der Senior hatte sich aus dem wilden Treiben herausgehalten und wartete auf seine Verabschiedung. Dann ging jeder wieder seiner Wege.

Der alte Mann und ich setzten unsere Runde fort. Zwischendurch ließ er meinen Zergel fliegen, den ich zurückholte und nicht einfach wieder hergab. Er hielt an einem Ende fest, ich am anderen, und dann wurde gerangelt. Irgendwann ließ er los, wir gingen ein Stück weiter, und das Ganze begann von vorn. Auf diese Weise arbeiteten wir uns über die Felder zurück in Richtung Stadt.

Eigentlich waren wir schon auf dem Abstieg, als uns Indy und Benni entgegenkamen. Ihre Frau hatte es bei diesem Wetter vorgezogen, unten im Tal zu bleiben. Benni freute sich über unser Wiedersehen, und schon begann die nächste Rennerei. Wir jagten umeinander herum, schlugen Haken und machten Tempo. Indy schaute uns zu. Diesmal ließ er uns gewähren. Vielleicht hatte er am Freitag bereits genügend Ordnungsdienst geleistet.

Als wir endlich wieder zu Hause ankamen, hätte ich beinahe verpasst, dass Frauchen weggehen wollte. Gerade noch rechtzeitig bemerkte ich, dass sie schon am Auto war. Ich eilte hinterher und konnte mich noch von ihr verabschieden.

Danach erwartete mich eine unangenehme Überraschung. Ich musste unter die Dusche. Das wilde Toben mit den Labradoren auf dem gepflügten Feld war nicht ohne Spuren geblieben, und der alte Mann war der Meinung, dass ich so nicht auf das Sofa durfte.

Immerhin habe ich inzwischen meine eigene Dusche direkt am Eingang. Früher musste ich für solche Angelegenheiten jedes Mal in die Badewanne klettern. Das war erheblich umständlicher. Jetzt kann ich einfach hineinspazieren, mich abduschen lassen und bin die Sache wieder los.

Dass ich deshalb häufiger duschen möchte, sollte allerdings niemand daraus schließen.

Als ich wieder sauber und trocken war, bezogen wir unseren Platz auf dem Sofa. Frauchen kam mittags zurück, und am Nachmittag machten wir noch eine kurze Runde. Anschließend blieben wir zu Hause. Draußen pfiff der Wind weiterhin ums Haus. Drinnen lag ich auf dem Sofa, hatte die Beine ausgestreckt und die Nase zwischen die Pfoten gelegt.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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