Entlebucher Tagebuch – Sonntag, 11. Oktober 2026. Heute Nacht hat Frauchen mit in der Ersatzhöhle geschlafen. Das fand ich vernünftig. Es war ohnehin nicht einzusehen, warum wir ausgerechnet dort auf die bewährte Familienordnung verzichten sollten. Wenn schon Ersatzhöhle, dann wenigstens mit vollständiger Besetzung.

Am Morgen sind wir dann schon zum Frühstück zu Oma gefahren. Normalerweise halte ich nicht viel davon, gleich nach dem Aufstehen das Quartier zu wechseln. Da die Fahrt aber nur ein paar Minuten dauerte, war das gerade noch akzeptabel.

Als es Zeit für die Morgenrunde wurde, ist der alte Mann mit mir aufgebrochen. Wir haben denselben Weg genommen wie gestern. Das kam mir durchaus gelegen, denn dort war eine gründliche Revierkontrolle fällig. Was sich seit unserem letzten Besuch verändert hatte, musste festgestellt werden. Der alte Mann hatte es offenbar nicht besonders eilig, sodass ich meiner Arbeit in aller Ruhe nachgehen konnte.

Auf den Wiesen vor dem Wald gab es dann endlich genug Platz zum Rennen. Ich habe große Kreise um den alten Mann gezogen, immer schneller und mit ordentlich Schwung. Zwischendurch musste ich nachsehen, ob er noch an seinem Platz war. War er. Also konnte ich gleich die nächste Runde drehen. Irgendwann hing mir die Zunge weit aus dem Hals, aber das war kein Grund, sofort aufzuhören.

Während ich noch meine Kreise zog, hatten wir von hinten schon eine Joggerin mit Hund näher kommen sehen. Als die beiden ebenfalls in den Wald abbogen, beschloss der alte Mann, auf einer Lichtung bei ein paar Holzstapeln eine kleine Trainingseinheit einzulegen. Offenbar wollte er die beiden erst einmal vorbeilassen. Ich hätte sie auch aus der Nähe begutachten können, aber meine Meinung war diesmal nicht gefragt. Im Wald war es mit der Freiheit ohnehin wieder vorbei. Der alte Mann bestand auf der Schleppleine. Ich hätte die Revierkontrolle durchaus selbstständig fortsetzen können, aber darüber ließ er nicht mit sich verhandeln. Also machten wir ein paar Übungen, bis die Joggerin und ihr Hund an uns vorbei waren.

Anschließend ging es weiter durch den Wald. Als wir an die Abzweigung kamen, an der wir gestern umgekehrt waren, wollte ich selbstverständlich wieder denselben Weg nehmen. Der alte Mann sah sich kurz um und sagte: „Wir können ja auch was anderes probieren.“ Diesen Satz kenne ich. Das bedeutet meistens einen sehr ordentlichen Reviergang. Mir war das recht. Wir kamen bald wieder aus dem Wald, und auf den Wiesen konnte ich noch den einen oder anderen großen Kreis ziehen. Zwei entgegenkommenden Hunden wichen wir unterwegs in ordentlichen Bögen aus. Das funktionierte ohne weitere Verhandlungen.

Als wir irgendwann fast wieder auf bekannten Wegen unterwegs waren, kam uns ein schwarzer Labrador entgegen. Zunächst war ich etwas verwirrt. Statt wie ein Labrador auf mich zuzulaufen, legte er sich hin und beobachtete mich. Das kenne ich eher von Hütehunden. Ich musste ihn deshalb erst einmal genauer ansehen. Der alte Mann schickte mich auf die abgewandte Seite und erklärte, dass wir ruhig vorbeigehen würden. Das wäre vermutlich auch geschehen, wenn nicht die Menschin des Labradors gefragt hätte, ob wir kurz Hallo sagen könnten.

„Nur wenn die Hunde von der Leine kommen“, antwortete der alte Mann.

Das ließ sich offenbar einrichten. Kaum waren die Leinen ab, sahen wir uns kurz an. Die gegenseitige Begutachtung fiel zufriedenstellend aus, und wir gingen unmittelbar zum nächsten Tagesordnungspunkt über: Hund und Hase. Die Spielordnung war schnell geklärt. Erst schlug ich einen Haken, der Labrador hinterher. Dann drehte er plötzlich ab, und ich musste sehen, dass ich an ihm dranblieb. Dabei gerieten wir auf ein frisch gepflügtes Feld. Bei jedem Richtungswechsel flogen kleine Erdklumpen durch die Gegend, und unsere Pfoten versanken ein gutes Stück im weichen Boden. Das störte uns wenig. Wir hatten gerade Wichtigeres zu tun.

Als wir wieder bei den Menschen ankamen, war von meiner weißen Brust jedenfalls nicht mehr viel zu sehen. Die beiden lachten. Gleichzeitig waren sie sich ziemlich sicher, dass wir alle vier zu Hause Ärger bekommen würden. Ich verstand nicht ganz, warum die Menschen sich da einschlossen. Sie waren gar nicht mit über das Feld gerannt. Beim alten Mann schien die Freude etwas nachzulassen, als er mich genauer betrachtete. Er murmelte etwas davon, dass Frauchen begeistert sein würde. Seinem Tonfall nach war das nicht unbedingt als Vorfreude gemeint.

Für mich hatte die Sache eine unmittelbare Konsequenz. Zurück bei Oma ging es nicht erst zum gemütlichen Ausruhen, sondern direkt unter die Dusche. Nach einem so gelungenen Hund-und-Hase-Spiel hielt ich das für eine etwas übertriebene Maßnahme. Aber der alte Mann war anderer Meinung. Und während er versuchte, den Acker wieder aus meinem Fell zu bekommen, stand ich in Omas Dusche und fragte mich, ob der schwarze Labrador wohl gerade dasselbe durchmachte.

Am Nachmittag bin ich dann mit Frauchen zu einer weiteren Runde aufgebrochen. Wir machten einen ordentlichen Spaziergang durch die Stadt, und ich entdeckte einige kleine Pfade, auf denen es besonders viel zu schnüffeln gab. Frauchen ließ mir ausreichend Zeit, die interessanten Stellen zu untersuchen. In dieser Hinsicht gab es wenig zu beanstanden.

Über eine andere Angelegenheit waren wir uns nicht ganz einig. Ich wies Frauchen unterwegs mehrmals darauf hin, dass es eigentlich gegen die Regeln verstieß, außerhalb der Heimathöhle ohne den alten Mann auf Reviergang zu gehen. Zu Hause mag das gelegentlich in Ordnung sein. Aber in einer fremden Gegend sollte die Familie möglichst zusammenbleiben. Ich sehe keinen Grund, warum man ausgerechnet im Urlaub damit anfangen sollte, das Rudel aufzuteilen. Frauchen sah das anders. Sie war sich ziemlich sicher, dass der alte Mann seine Anwesenheit nicht für erforderlich halten würde. Darüber hätte ich gerne noch diskutiert, aber Frauchen zeigte wenig Verhandlungsbereitschaft.

Immerhin musste ich zugeben, dass es unterwegs keine besonderen Auffälligkeiten gab, bei denen der alte Mann von Nutzen gewesen wäre. Wir kamen auch zu zweit ganz gut zurecht. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich meine grundsätzlichen Bedenken zurückgenommen hätte.

Nach zwei ausführlichen Runden an einem Sonntag war ich dann doch ein wenig müde. Als sich der alte Mann auf dem Sofa niederließ, fand ich, dass wir den Rest des Tages durchaus gemeinsam verbringen konnten. Ich legte mich neben ihn und drückte mich ordentlich an sein Bein.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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