Entlebucher Tagebuch – Montag, 19. Oktober und Dienstag, 20. Oktober. Gestern war wieder der erste Tag, an dem Frauchen und der alte Mann vor ihre leuchtenden Vierecke mussten. Das bringt einige Veränderungen mit sich. Besonders morgens.

Mit dem alten Mann habe ich inzwischen eine recht ordentliche Arbeitsaufteilung gefunden. Ich kontrolliere die Nachrichten am Wegrand, er wartet. Ich bestimme das Tempo, er versucht mitzuhalten. Und über den Weg sind wir uns meistens einig. Allerdings könnte das daran liegen, dass er sich an diesen besonderen Morgen grundsätzlich in sein Büro verzieht und die Verhandlungen mit Frauchen mir überlässt.

Mit Frauchen ist das nämlich etwas schwieriger. Wir haben unterschiedliche Vorstellungen vom richtigen Tempo, von notwendigen Pausen und gelegentlich sogar davon, wo ein Weg überhaupt entlangführen sollte. Will ich etwas genauer untersuchen, drängt Frauchen zum Weitergehen. Will ich dagegen zügig Strecke machen, bremst sie mich. Manchmal frage ich mich, ob wir überhaupt dieselbe Morgenrunde machen.

Gestern kam erschwerend hinzu, dass Nebel über den Feldern lag. Wegen des Nebels wollte Frauchen mich nicht von der Leine lassen. Ich hätte durchaus gewusst, wo ich war, aber ihr reichte das nicht. Nachdem ich das Geschäftliche erledigt hatte, beschloss Frauchen, dass die Morgenrunde damit beendet sei. Ich blieb kurz stehen und deutete an, dass ich den Vorgang noch nicht für abgeschlossen hielt. Frauchen blieb bei ihrer Entscheidung. Nun könnte man darüber länger verhandeln. Aber manchmal ist es klüger, einfach nachzugeben. Vor allem, wenn man am kürzeren Ende der Leine sitzt.

Also gingen wir nach Hause.

Im Nachhinein war das vielleicht sogar die richtige Entscheidung. Denn am Nachmittag machten Frauchen und ich eine ordentliche Feldrunde, und da funktionierte unsere Zusammenarbeit erheblich besser.

Der Nebel hatte sich verzogen, und auf den Feldern gab es einiges zu überprüfen. Seit meiner letzten Kontrolle hatte der Wind die Gerüche neu verteilt, an manchen Stellen war der Boden frisch aufgewühlt, und an den Wegrändern hatten verschiedene Tiere ihre Spuren hinterlassen. Ich untersuchte die auffälligen Stellen gründlich und verglich die neuen Nachrichten mit meinem bisherigen Kenntnisstand.

Frauchen ließ mir dafür die nötige Zeit. Jedenfalls meistens.

Zwischendurch legte ich ein paar längere Strecken in flottem Tempo zurück. Es ist wichtig, nicht nur einzelne Punkte zu prüfen, sondern den Überblick über das gesamte Gelände zu behalten. Frauchen schien das diesmal ähnlich zu sehen. Wir kamen gut voran.

An einer geeigneten Stelle lud ich sie zu einem kleinen Spiel ein. Ich ging vorne tief herunter, hob den Hintern und sah sie erwartungsvoll an. Eine ziemlich eindeutige Aufforderung, wie ich finde. Frauchen verstand sie sogar sofort. Sie machte ein paar schnelle Schritte auf mich zu, ich sprang zur Seite, drehte eine Runde und kam wieder zurück. Das wiederholten wir einige Male, bis Frauchen beschloss, dass wir weitergehen sollten.

Diesmal war ich einverstanden.

Wir kontrollierten noch die Feldränder und die Wege zwischen den Wiesen. Nirgends gab es Anlass zu besonderer Aufregung. Keine Rehe, die plötzlich aus dem Gebüsch sprangen, keine fremden Hunde, deren Absichten geklärt werden mussten, und auch sonst niemanden, der meine Aufmerksamkeit über Gebühr beanspruchte.

Auf dem Heimweg liefen wir ganz selbstverständlich nebeneinanderher. Frauchen musste mich nicht antreiben, und ich hatte keinen Grund, sie zur Eile aufzufordern. Vielleicht brauchen wir morgens einfach etwas länger, bis wir uns aufeinander eingestellt haben.

Gegen Abend erforderte eine neue Entwicklung meine Aufmerksamkeit.

Frauchen begann, ihre Sachen für das Tiere-Turnen zusammenzupacken. Das kenne ich inzwischen. Sie verlässt dafür regelmäßig das Haus, obwohl ich ihr das Dehnen und Strecken jederzeit vormachen könnte. Ganz ohne Matte, besondere Kleidung oder längere Vorbereitung. Aber wenn Frauchen meint, dafür woanders hingehen zu müssen, ist das ihre Entscheidung.

Gestern packte der alte Mann ebenfalls seine Sachen.

Ich beobachtete das eine Weile und stellte fest, dass beide dasselbe Ziel hatten. Das war neu und meines Wissens nicht abgesprochen. Dass Frauchen zum Tiere-Turnen geht, habe ich inzwischen akzeptiert. Der alte Mann bleibt dann normalerweise hier, und wir kümmern uns gemeinsam um das Haus. Wenn aber beide verschwinden, bleibt die gesamte Verantwortung wieder an mir hängen.

Außerdem verstehe ich nicht, weshalb der alte Mann zum Tiere-Turnen das Haus verlassen muss. Er könnte sich genauso gut hier auf den Boden legen und die Beine in die Luft strecken. Frauchen könnte ihm zeigen, wie es geht, und ich würde bei Bedarf korrigierend eingreifen. Damit wären alle beschäftigt, und das Haus wäre weiterhin ordentlich bewacht. Stattdessen gingen beide zur Tür hinaus.

Ich sah ihnen nach. Meine Anwesenheit beim Tiere-Turnen war nicht vorgesehen, meine Anwesenheit beim Hausbewachen dagegen selbstverständlich. Als die beiden zurückkamen, erwartete ich zumindest, dass der alte Mann die Angelegenheit in meiner Tagesgeschichte angemessen würdigen würde. Stattdessen erklärte er, dafür sei es inzwischen zu spät.

Zu spät.

Er hatte wohl gehofft, dass ich bis heute vergessen hätte, wie man mich gestern Abend einfach allein mit der gesamten Hausaufsicht zurückgelassen hatte.

Das hatte ich nicht.

Und deshalb steht es jetzt hier.

Zeit dafür hatte der alte Mann heute genug. Der heutige Tag ist schnell erzählt.

Wir waren zweimal draußen und erledigten unsere Kontrollgänge ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Auf den Feldern hatte sich seit gestern wenig verändert. Ein paar neue Nachrichten an den Wegrändern mussten gelesen werden, und an einigen Stellen blieb ich stehen, um den Gerüchen genauer nachzugehen. Der alte Mann ließ mich gewähren, solange ich nicht zu weit zurückblieb.

Unterwegs kamen uns mehrfach andere Spaziergänger und Hunde entgegen. Wir liefen wunderschöne Bögen um sie herum. Mal schlug ich die Richtung vor, mal der alte Mann. Wir waren uns meistens einig, wie viel Abstand angemessen war. Niemand musste stehen bleiben, niemand wurde bedrängt, und hinterher gingen alle ihrer Wege.

Heute lag wieder Nebel über den Feldern. Trotzdem durfte ich beim alten Mann ohne Leine unterwegs sein. Während Frauchen gestern noch befürchtete, ich könnte darin verloren gehen, traut mir der alte Mann zu, dass ich ihn auch bei eingeschränkter Sicht wiederfinde.

Schließlich weiß ich ziemlich genau, wo ich hingehöre. Und falls der alte Mann im Nebel einmal die Orientierung verlieren sollte, wäre es ohnehin besser, wenn wenigstens eine von uns beiden den Überblick behält.

Während er jetzt meine Geschichte aufschreibt, liege ich neben seinem Schreibtisch und sehe gelegentlich nach, ob er noch beschäftigt ist.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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