Entlebucher Tagebuch – Sonntag, 16. August 2026. Heute ist Sonntag und genauso ruhig, wie der Name verspricht, beginnt der Tag mit gemeinsamem Wachwerden auf dem Sofa. Der alte Mann hat seinen Kaffee, ich habe den Überblick, und eigentlich könnte ein Tag kaum entspannter anfangen. Diese Ruhe hat sich allerdings schon gestern Abend angekündigt. Die beiden sind nämlich gar nicht erst zum Tanzen aufgebrochen. Sie reden von Ferien und davon, dass man sich auch einmal einen ruhigen Abend gönnen muss. Ich nenne das eine vernünftige Entscheidung. Endlich haben sie es verstanden.

Während die beiden also von Ferien reden, denke ich eher darüber nach, dass man dafür gar nicht weit fahren muss. Ein Sofa, ein Kaffee für den alten Mann und ein Entlebucher, der aufpasst, dass alles seinen gewohnten Gang geht – mehr braucht es für einen gelungenen Sonntag eigentlich nicht.

Mit leichter Verspätung sind wir dann in die Morgenrunde gestartet, was der notwendigen Tiefe der Prüfung von Veränderungen natürlich nicht im Wege stand. Sonntag ist schließlich Sonntag, da darf man sich auch bei der Uhrzeit etwas mehr Zeit lassen. Die wichtigen Dinge ändern sich deshalb ja nicht. Ob irgendwo etwas anders riecht, wer über Nacht unterwegs war und ob sich in meinem Zuständigkeitsbereich etwas Bemerkenswertes ereignet hat, muss trotzdem ordentlich überprüft werden.

Zu dritt liefen wir einen ordentlichen Revierkontrollgang über die Felder. Insgesamt war es ruhig, aber das ist bei den aktuellen Temperaturen ja auch nicht weiter verwunderlich. Nicht nur Entlebucher verzichten derzeit gerne auf unnötige Bewegungen. Auch Frauchen und der alte Mann schienen wenig Lust auf größere Übungen zu haben. Es gab ein Ballspiel – warten, bis man ihn holen darf, oder herausfinden, ob der alte Mann ihn irgendwo gut versteckt hat. Nichts wirklich Anspruchsvolles, aber für einen Sonntag bei diesen Temperaturen durchaus angemessen. Man muss ja nicht jeden Tag beweisen, dass man ein Entlebucher ist.

Nachdem wir wieder zu Hause waren, ging ich davon aus, dass für den Rest des Tages wieder kluges Hitzemanagement angesagt war. Bis nach der Mittagsruhe sah ich auch keinen Grund, daran zu zweifeln. Es war warm genug, und sowohl Frauchen als auch der alte Mann schienen mit dem Gedanken an einen ruhigen Nachmittag durchaus einverstanden zu sein. Ich hatte mich innerlich bereits auf einen weiteren entspannten Sonntag eingestellt.

Dann begann der alte Mann, ein paar Dinge zusammenzusuchen: Wasser für die Menschen und für mich, einen Napf und die lange Leine. Als ich ihn fragend anschaute, erklärte er mir, dass wir zu Linda fahren würden, um etwas Neues auszuprobieren.

Ich persönlich finde ja, dass zu einer Fahrt zu Linda das Trailgeschirr, die Trailleine und eine ordentliche Menge vom guten Futter gehören. Aber offenbar hatte der alte Mann bei seiner Planung die Hitze berücksichtigt und dabei die wichtigen Dinge vergessen. Zumindest sah es für mich ganz danach aus.

Wir fuhren zu einem Hundeplatz, den ich noch nicht kannte. Außer mir waren noch ein paar andere Hunde da und natürlich Linda. Auch Marita war dabei. Damit war ziemlich schnell klar, dass es wohl doch ums Trailen ging. Ich sah mich kurz um und stellte fest, dass meine Einschätzung vom Packen des alten Mannes richtig gewesen war: Das Trailgeschirr und die Trailleine waren tatsächlich nicht dabei.

Das erste Ungewöhnliche war, dass die Hunde nicht im Wagen warten mussten, sondern alle auf der Wiese frei laufen konnten. Auch gut. Dann kann man einmal in Ruhe Guten Tag sagen und herausfinden, mit wem man es eigentlich zu tun hat.

Allerdings war da ein junger Rüde dabei, der offenbar der festen Überzeugung war, er sei der schönste Hund der Welt und jedes Mädchen würde sich bei seinem Anblick sofort unsterblich in ihn verlieben. Ich habe ihm ein paar Mal sehr freundlich erklärt, dass ein bisschen Abstand durchaus eine gute Idee wäre. Leider war er an meinen höflichen Hinweisen nicht besonders interessiert. Also musste ich einmal deutlicher werden. Und als auch das noch nicht reichte, habe ich es richtig deutlich gesagt.

Danach hatte er plötzlich verstanden, dass nicht jedes Mädchen auf seine Bekanntschaft wartete, und suchte sich lieber eine andere aus, die offenbar nicht ganz so deutlich wurde.

Da ich gerade ohnehin in Fahrt war, konnte ich anschließend noch einem Retriever erklären, dass ich zwar nicht zu den Hunden gehöre, die sich von jedem ungefragt kuscheln lassen, aber durchaus der Meinung bin, dass der alte Mann, der nun wirklich nicht den ganzen Tag streichelnd und flauschend durch die Gegend läuft, seine Aufmerksamkeit ruhig etwas mehr auf mich richten darf. Immerhin war ich mitgekommen und nicht irgendein Retriever.

Dann kehrte Ruhe ein und Linda erklärte, was geplant war. Auf dem Hundeplatz war eine Strecke aufgebaut, auf der es verschiedene Untergründe und kleine Hindernisse gab, über die man balancieren und sich ein bisschen konzentrieren musste. Lindas Idee war, dass Mensch und Hund die Strecke gemeinsam absolvieren sollten.

Da wir ziemlich am Schluss an der Reihe waren, hatte ich genügend Zeit, mir das Ganze erst einmal bei den anderen anzusehen. Das ist ja grundsätzlich keine schlechte Idee. Man kann beobachten, wie die anderen mit den verschiedenen Aufgaben zurechtkommen, bevor man selbst zeigen muss, was man davon hält.

Dabei konnte man bei den einzelnen Mensch-Hund-Teams sehr schön sehen, wo die jeweiligen Stärken und Schwächen lagen. Einer stolzierte förmlich über die Strecke, ganz nach dem Motto: Schaut her, wie toll ich das mache. Und zugegeben, er machte seine Sache auch wirklich ordentlich. Ein anderer war dagegen offenbar noch mitten in einem wichtigen Einsatz gegen Wühlmäuse und hatte deshalb verständlicherweise andere Prioritäten. Auch bei den Menschen gab es deutliche Unterschiede. Manche hatten schnell heraus, wie sie ihren Hund unterstützen mussten, andere mussten erst einmal gemeinsam herausfinden, wie die Aufgabe eigentlich funktioniert.

Das Wichtigste war allerdings, dass alle dabei sichtlich Spaß hatten. Und das ist eine ziemlich gute Voraussetzung, wenn Menschen sich etwas Neues für Hunde ausdenken.

Dann waren Frauchen und ich an der Reihe. Mein eigentliches Problem mit der ganzen Sache war gar nicht die Aufgabe selbst. Die verschiedenen Untergründe, das Balancieren und die kleinen Hindernisse waren durchaus machbar. Ich wusste nur nicht so recht, welchen Sinn das Ganze haben sollte.

Wir befanden uns auf einem eingezäunten Gelände, auf einer Wiese, und Frauchen wollte tatsächlich, dass ich ihr über einen Parcours folgte. Dabei gab es dort draußen doch so viel wichtigere Dinge zu erledigen. Eine ordentliche Revierkontrolle zum Beispiel. Gerüche überprüfen, Veränderungen feststellen, schauen, wer hier in letzter Zeit unterwegs gewesen war. Das sind Aufgaben, die einen Entlebucher beschäftigen.

Stattdessen sollte ich über irgendwelche Untergründe laufen und aufpassen, wo ich meine Pfoten hinsetze. Ich war mir nicht sicher, ob Frauchen wirklich verstanden hatte, wie knapp meine Zeit für solche Dinge bemessen ist.

Mit viel gutem Zureden und genügend Leckerlies hat sie mich dann aber doch über die Strecke gelotst. Ich muss zugeben, dass die Kombination aus freundlicher Ansprache und ausreichend guter Bezahlung durchaus überzeugend sein kann. Man kann auch als Entlebucher nicht ständig auf der Wichtigkeit einer ordentlichen Revierkontrolle bestehen, wenn Frauchen sich so viel Mühe gibt.

Ich lief mit ihr über die verschiedenen Untergründe, balancierte, wo balanciert werden sollte, und erledigte die Aufgaben. Ganz schlecht war es schließlich nicht. Manchmal muss man den Menschen einfach ein bisschen Zeit geben, bis sie eine vernünftige Beschäftigung für einen gefunden haben.

Auch wenn ich zwischendurch die wirklich wichtigen Aufgaben natürlich nicht aus dem Auge verlor. Linda meinte zwar, die Übung sollte möglichst ohne Unterbrechung absolviert werden. Aber ich denke, darüber müssen wir noch einmal in Ruhe ein Gespräch über Prioritäten im Arbeitsalltag führen. Von einem Entlebucher kann man schließlich nicht ernsthaft erwarten, dass er seine Revierkontrolle einfach ausblendet, nur weil Frauchen gerade einen Parcours mit verschiedenen Untergründen für besonders wichtig hält.

Ich habe mich jedenfalls bemüht, beides miteinander zu verbinden. Man muss ja zeigen, dass man mehrere Aufgaben gleichzeitig im Blick behalten kann.

Insgesamt machten wir drei Durchgänge, und jedes Mal kam eine Kleinigkeit dazu. Ich lief auch eine Runde mit dem alten Mann. Aber auch er konnte mir kein wirklich schlüssiges Argument liefern, warum dieser Parcours nun unbedingt meine volle Aufmerksamkeit brauchte. Offenbar hatten die Menschen Spaß daran, sich immer neue Dinge auszudenken, über die ein Entlebucher laufen, steigen oder balancieren soll.

Ganz am Schluss meinte der alte Mann dann, ich solle Linda noch zeigen, dass mir der Parcours grundsätzlich keine Probleme bereitet. Also lief ich die Strecke noch einmal kurz allein, ohne bremsende Zweibeiner, ab. Ich wollte Frauchen und dem alten Mann gleich zeigen, wie viel Zeit man tatsächlich in so eine Strecke investieren muss, wenn man sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhält.

Spaß gemacht hat das Ganze aber auf jeden Fall. Und vielleicht fällt den beiden ja noch etwas Überzeugendes ein, damit ich irgendwann einsehe, dass dieses „DogWarrior“ meine volle Aufmerksamkeit verdient. Immerhin will ein Entlebucher von dem, was er tut, überzeugt sein. Eine entsprechend große Menge Käse wäre schon einmal ein gewichtiges Argument. Und allein schon, um die Strecke noch ein paar Mal abzulaufen, lohnt sich das Wiederkommen.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert