Entlebucher Tagebuch – Dienstag, 18. August 2026. Heute Morgen war wieder Frauchens Bürotag. Eigentlich hätte uns der Wecker weit vor der eigentlichen Aufstehzeit aus dem Schlaf geholt. Dazu kam es aber gar nicht, denn Frauchen war schon vorher wach. Das ist für uns Entlebucher die angenehmere Variante. Wenn der Mensch freiwillig aufsteht, braucht es keinen Wecker.
Der alte Mann ist grundsätzlich der Meinung, dass Frauchens Bürotage viel zu früh anfangen. Wenn er dann zum Sofa kommt und dort bereits ein fertiger Kaffee auf ihn wartet, ist er fast wieder versöhnt. So einfach kann ein früher Morgen für einen alten Mann werden.
Während wir noch auf dem Sofa saßen und Frauchen gerade aus dem Haus war, kam Fee nach Hause. Man sah ihr an, dass sie etwas verwundert war, um diese Uhrzeit schon Leben im Haus vorzufinden. Normalerweise ist es zu dieser frühen Stunde noch ruhig. Fee ging trotzdem direkt in ihr Bett. Für sie war die Revierkontrolle offensichtlich abgeschlossen. Mehr gab es für sie nicht zu tun.
Der alte Mann setzte sich schon einmal eine Weile an seine leuchtenden Vierecke, während wir mit unserer Morgenrunde warteten, bis es draußen richtig hell geworden war. Eine vernünftige Entscheidung, wie ich finde. Die Sonne schien ohnehin der Meinung zu sein, dass sie sich nicht mehr besonders anstrengen muss, wenn so viele Menschen in den Urlaub gefahren sind. Viel von ihr war am Morgen jedenfalls noch nicht zu sehen.
Dafür war es angenehm kühl. So kühl, dass der alte Mann sogar ein Jäckchen anzog, als wir uns auf den Weg machten. Nach den vielen heißen Tagen war diese Luft eine schöne Abwechslung.
Die Revierkontrolle begann ohne Auffälligkeiten. In einer Einfahrt stand eine Kiste mit Sachen zum Mitnehmen, die dort eigentlich nicht hingehörte. Die hatte ich aber bereits am Abend zuvor kontrolliert und als unverdächtig eingestuft. Sie stand noch immer dort und gab keinen Anlass für eine neue Untersuchung. Also konnten wir weiter.
Kurz vor den Feldern kamen wir wieder am Auto der drei Labradore vorbei. Seit der Senior mit kleineren Runden zufrieden ist, sparen sie sich meistens den Weg quer durch die Stadt und fahren direkt hierher. Ich kontrollierte kurz die Spur und stellte fest, dass es keinen Sinn hatte, mit dem alten Mann über das Tempo zu diskutieren. Die drei hatten schon einen ordentlichen Vorsprung.
Oben auf den Feldern liefen sie uns dann tatsächlich über den Weg. Allerdings waren sie gerade mit Apportieren beschäftigt. Der junge Labrador hatte nur sein Spielzeug im Kopf und beachtete mich überhaupt nicht. Der mittlere schaffte eine schnelle Begrüßung und einen eher halbherzigen Spurt, bevor er wieder zu seiner Besitzerin zurücklief. Nur der Senior hatte den nötigen Anstand, mich ordentlich zu begrüßen.
Aber ich kann das verstehen. Wenn ein Entlebucher einen Auftrag hat, dann hat Privates ja auch hinten anzustehen. Und Apportieren ist nun einmal der Job eines Retrievers. Da muss man akzeptieren, dass man nicht immer die wichtigste Angelegenheit auf dem Feld ist.
Wir gingen also langsam weiter. Als der Abstand zu den drei Labradoren groß genug war, holte der alte Mann meinen Ball heraus und ließ mich laufen und suchen. Ich fand, das war ein guter Ersatz. Man kann ja nicht immer darauf warten, dass die anderen fertig sind.
An der üblichen Stelle machten wir eine Trinkpause. Heute brauchte ich nicht die ganze Flasche. Dafür war der Morgen zu angenehm kühl. Danach gab es noch ein paar Treibball-Übungen, bevor wir langsam weitergingen.
An einer Wiese mit noch hohem Gras lief plötzlich kurz vor uns ein Fuchs los. Er kam aus dem Gras und verschwand in Richtung Senke. Für einen Moment war sein Geruch ganz nah und mischte sich mit dem Geruch des Grases. Ein tolles Rennspiel hätte das werden können. Ich war aber schon so zufrieden mit meinem Morgen, dass ich nicht einmal zuckte. Also ließ ich den Fuchs laufen und ging mit dem alten Mann weiter.
Dem alten Mann gefiel meine Reaktion sichtlich. Das merkte ich. Von seiner guten Stimmung konnte ich später noch profitieren. Wenn der Mensch zufrieden ist, kann das für einen Entlebucher nicht schaden.
Als wir wieder zu Hause waren, war es schon Zeit fürs Frühstück. Erst da merkten wir, wie lange wir unterwegs gewesen waren. Eine gute Revierkontrolle dauert eben ihre Zeit. Da muss manches andere auch einmal hinten anstehen.
Der alte Mann verschwand danach wieder an seinen leuchtenden Vierecken. Heute redete er wieder ziemlich viel mit ihnen, und das Erstaunliche war: Sie antworteten sogar. Ich habe zwar nicht verstanden, warum er so lange mit diesen Dingern redet, aber offenbar funktioniert es für ihn. Irgendwann dachte ich mir, das kann er auch alleine, und suchte mir unten einen ruhigen Platz.
Dabei fiel mir auf, dass die Näpfe mit dem Katzenfutter von der Nacht nicht ordentlich weggeräumt worden waren. Streng genommen war das egal. Sie standen in der Küche und da darf ich nicht hinein. Aber wenn etwas im Haus nicht so ist, wie es sein sollte, muss ein pflichtbewusster Sicherheitsdienst wenigstens wissen, dass es da ist.
Als der alte Mann Frauchen später davon erzählte, meinte er, dass er mich dafür eigentlich schon ermahnt hatte. Er würde es aber als Belohnung für mein Fuchsverhalten durchgehen lassen. Er selbst hatte es beim Mittagessen ja auch erst viel zu spät bemerkt. Frauchen schmunzelte und meinte, ich hätte mir eine extra Portion Proteine besorgt.
Später musste ich allerdings feststellen, dass die Küchenregel unverändert gilt. Als ich bei der Vorbereitung des Abendessens meine Gemüsekontrolle etwas über die Grenze zur Küche verlegen wollte, bekam ich die übliche Abfuhr. Die Küche bleibt also tabu. Man kann es ja versuchen. Ein pflichtbewusster Sicherheitsdienst muss gelegentlich überprüfen, ob die Regeln noch gelten.
Abends ging ich noch einen Reviergang mit dem alten Mann. Es hatte schon geregnet und der Himmel sah noch dunkel aus. Deshalb entschieden wir uns für die Bahnhofsrunde. Kaum waren wir am Bahnhof angekommen, begann es wieder zu regnen. Kurz überlegten wir, ob wir umdrehen sollten. Dann sahen wir uns an und gingen weiter.
Nach den vielen Wochen mit Hitze war diese Runde im Regen etwas Wunderbares. Das Wasser kühlte mein Fell und spülte den Staub heraus, der sich dort in den letzten Wochen gesammelt hatte. Plötzlich roch die ganze Welt anders. Die Erde, das Gras und die Wege waren nass und frisch. Auch die Geräusche hatten sich verändert. Der Regen tropfte von den Blättern, lief über die Bäume und machte die Straßen leiser.
Am Ende der Runde waren wir nass wie die Pudel. Das war uns aber ziemlich egal. Nach all den heißen Tagen tat dieser Regen einfach gut. Manchmal braucht eine gute Revierkontrolle eben keinen Sonnenschein.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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