Ein warmer Sommertag

Ein warmer Sommertag

Entlebucher Tagebuch – Donnerstag, 2. Juli 2026. Gestern kam unser Auto zurück. Nachdem der alte Mann letzte Woche damit ein Reh gejagt hatte, war es wohl so erschöpft, dass es erst einmal eine Woche in einer Werkstatt schlafen musste.

Die Vögel scheinen langsam ein Einsehen zu haben und gönnen uns morgens inzwischen etwas mehr Ruhe. Deshalb war heute ausnahmsweise der Wecker schneller als sie. Frauchen hatte ihren Bürotag verschoben.

Der Tag begann wie jeder Bürotag von Frauchen. Sie war voller Aufbruchstimmung, der alte Mann dagegen beschäftigte sich noch mit der Frage nach dem Sinn des Lebens zu so früher Stunde.

Für mich bedeutet so ein früher Start vor allem eines: Die Morgenrunde beginnt früher, und wir können einfach etwas länger unterwegs sein. So bleibt unterwegs genügend Zeit, den neuesten Gerüchten am Wegesrand gründlich nachzugehen.

Als wir den Anstieg erreichten, sah der alte Mann einen Schatten huschen. Hätte er mich gefragt, hätte er sofort gewusst, dass es einer der Jungfüchse war. Aber Menschen verlassen sich erstaunlich oft lieber auf ihre Augen als auf meine Nase.

Als wir die Ebene der Felder erreichten, wurde der Blick auf das Hörnle frei. Darüber hing noch immer der Mond, obwohl die Sonne ihren Dienst längst wieder aufgenommen hatte. Der alte Mann blieb stehen und musste ihn eine Weile anschauen. Warum Menschen tote Steine am Himmel so faszinierend finden, werde ich wohl nie verstehen.

Danach folgte eine professionell durchgeführte Feldweguntersuchung. Jeder Grashalm, jede Fahrspur und jeder interessante Geruch wurden sorgfältig überprüft. Man weiß schließlich nie, wer seit der letzten Runde unterwegs war und welche Neuigkeiten am Wegesrand hinterlassen wurden. Anschließend stand noch ein kleines Trainingsprogramm auf dem Plan.

An der einen oder anderen Stelle drückte der alte Mann wegen meiner derzeitigen besonderen Situation ein Auge zu. Wenn ich im nassen Gras ein „Sitz“ nur andeutete, um zu zeigen, dass ich durchaus wusste, was er von mir wollte, war das in Ordnung. Sollte ich dagegen warten, während er meinen Ball versteckte, war das etwas völlig anderes. Da gab es keine Entlebucher-Interpretationen und auch keine Verhandlungen. Plötzlich kam ich mir wieder vor wie in der Welpenschule.

Ich höre Menschen oft sagen, Entlebucher bräuchten eine konsequente Führung. Ich finde, das wird oft missverstanden. Wichtig ist nicht, dass immer alles gleich streng ist. Wichtig ist, dass ich weiß, woran ich bin. Bei Sicherheit, Zusammenarbeit und Vertrauen darf es keine Ausnahmen geben. Das verstehe sogar ich – auch wenn ich gelegentlich überprüfe, ob eine Regel heute vielleicht doch ein kleines bisschen anders gemeint ist.

Als wir schon wieder die ersten Häuser der Stadt sahen, kamen wir an einer toten Wühlmaus am Wegesrand vorbei. Ich weiß, dass Tiere Tiere jagen. Allein schon wegen Lilly. Es soll sogar Hunde geben, die ihre Arbeit lieber mit Jagen verbringen als mit allem, was ein ordentlicher Entlebucher sonst so im Blick behält. Das ist ihre Sache. Aber wenn man schon jagt, dann sollte man die Beute auch für das verwenden, wofür sie da ist. Sie einfach liegen zu lassen, verstehe ich nicht. Das erscheint mir wie Arbeit ohne Sinn.

Nach den ersten Häusern bog der alte Mann noch einmal Richtung Brombeerwäldchen ab. Er geht lieber durch die Natur als durch die Stadt. Frauchen wäre wahrscheinlich weitergegangen. Nicht, weil sie die Stadt lieber mag, sondern weil sie es nicht besonders mag, auf einer Runde denselben Weg zweimal zu gehen. Menschen sind eben verschieden.

Durch den gewählten Weg kamen wir noch einmal an der Wiese vorbei. Diesmal entdeckte auch der alte Mann den Jungfuchs. Offenbar hatte er bei seinen Jagdübungen die Zeit vergessen und war noch immer unterwegs.

Jetzt zeigte sich, wie praktisch es ist, dass der alte Mann nicht nur mit Worten arbeitet, sondern oft auch einfach mit Zeichen. Eine kleine Handbewegung genügte, und ich ging ins Platz. So konnten wir dem Jungfuchs noch ein paar Augenblicke dabei zusehen, wie er versuchte, eine Maus zu fangen. Erst als er uns bemerkte, verschwand er mit einem Satz im hohen Gras.

Zufrieden ließen wir die Morgenrunde ausklingen.

Die größte Herausforderung des Tages ließ nicht lange auf sich warten. Der alte Mann saß gerade wieder vor seinen leuchtenden Rechtecken, als es klingelte. Er ging zur Tür und ließ einen Fremden ins Haus. Keinen Menschen, der gelegentlich zu Besuch kommt. Einen echten Fremden.

Anstatt den Fremden erst einmal ordentlich zu kontrollieren, musste ich auf meinem Platz bleiben. Menschen haben manchmal merkwürdige Vorstellungen davon, wie Sicherheit funktioniert.

Der alte Mann unterhielt sich kurz mit dem Fremden und kam dann wieder zu seinen leuchtenden Rechtecken zurück. Nein, ich habe nicht vergessen zu erwähnen, dass er den Fremden zur Tür brachte. Das tat er nämlich nicht. Er ließ ihn einfach allein durchs Haus laufen, während ich auf meinem Platz bleiben musste.

Ich hörte, wie der Fremde im Wohnzimmer erst die Sonne aussperrte und sie wenig später wieder hereinließ. Danach folgten Hämmern, Schrauben und noch mehr seltsame Geräusche. Ich blieb trotzdem auf meinem Platz.

Als der Fremde dann auch noch ins Schlafzimmer ging, war es mit meiner Beherrschung für einen kurzen Augenblick vorbei. Noch bevor ich überhaupt zwei Schritte gemacht hatte, beorderte mich der alte Mann zurück auf meinen Platz. Na ja, zumindest hatte ich allen im Haus deutlich klargemacht, dass ich da bin.

Von dort klang es genauso wie vorher im Wohnzimmer. Erst verschwand die Sonne, dann kam sie wieder zurück. Dazwischen wurde geschraubt, gehämmert und allerlei Lärm gemacht.

Dann rief der Fremde nach dem alten Mann und wurde endlich zur Tür begleitet. Erst danach durfte ich einen ausführlichen Kontrollgang durch das Haus machen. Meiner Meinung nach reichlich spät. Eine ordentliche Kontrolle findet statt, bevor ein Fremder überall gewesen ist, nicht danach.

Der alte Mann schien insgesamt zufrieden zu sein. Woran ich das erkannt habe? Ganz einfach: Es gab ein ausgezeichnetes Frühstück – sogar mit einer Extraportion Banane. Menschen zeigen ihre gute Laune manchmal auf sehr angenehme Weise.

Am Abend war schnell klar, dass die Felder für einen ordentlichen Kontrollgang noch viel zu warm waren. Ein Entlebucher muss nicht überall gewesen sein. Er muss nur wissen, wann es vernünftiger ist, woanders nach dem Rechten zu sehen. Deshalb fuhr der alte Mann mit mir wieder zu den Sieben Eichen. Dort übernehmen die Bäume einen Teil der Arbeit und halten die größte Hitze vom Boden fern.

Offenbar waren wir mit dieser Idee nicht allein. Auf dem Parkplatz standen ungewöhnlich viele von den lauten Zweirädern, und von der Neuffener Steige drang ständig ihr Lärm herüber. Für einen ruhigen Start in den Wald war uns das etwas zu viel. Also liefen wir lieber einen Bogen über die Wiese. Von dort erreichten wir den Wald deutlich entspannter.

Im Wald war die Hitze zwar noch immer deutlich zu spüren, zwischen den Bäumen ließ sie sich aber wesentlich besser aushalten. An ein richtiges Training dachte heute niemand. Stattdessen balancierten der alte Mann und ich gemeinsam über umgestürzte Baumstämme. Anschließend versteckte er immer wieder kleine Leckereien zwischen den Steinen im noch trockenen Bachbett, die ich sorgfältig suchen durfte. Das machte nicht nur Spaß, sondern war bei diesem Wetter auch deutlich vernünftiger, als über einen heißen Feldweg zu laufen.

Als wir fertig waren, holte der alte Mann meine Wasserflasche hervor. Getrunken habe ich mitten im Bach. Das klingt besser, als es tatsächlich war, denn Wasser führte er schon seit einiger Zeit nicht mehr. Das Wasser kam deshalb nicht aus dem Bach, sondern aus der Flasche des alten Mannes. Manchmal muss man der Natur eben ein wenig nachhelfen.

Danach machten wir uns langsam wieder auf den Rückweg. Bei diesem Wetter hatte niemand es eilig. Wir gingen in aller Ruhe zum Auto und fuhren nach Hause.

Frauchen stellte gleich fest, dass wir ungewöhnlich lange unterwegs gewesen waren. Als der alte Mann erzählte, dass wir die ganze Zeit im Wald verbracht hatten, war sie sichtlich beruhigt. Sie weiß inzwischen genauso gut wie ich, dass ein Entlebucher bei solcher Hitze unter Bäumen deutlich besser aufgehoben ist als auf einem sonnenwarmen Feldweg.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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