Die Nacht in der Reservehöhle war ruhig. Also größtenteils.
Zwischendurch erschien allerdings ein Eindringling. Ich meldete die Situation selbstverständlich sofort. Der alte Mann blieb erstaunlich entspannt und erklärte mir, der dürfe hier rein. Angeblich sei er gekommen, um die Klimaanlage in Ordnung zu bringen.

Ich beobachtete die Lage trotzdem aufmerksam.

Menschen haben manchmal eine sehr großzügige Auslegung davon, wer eine Höhle betreten darf. Einfach Tür auf, fremder Mensch rein, bisschen an irgendwelchen Kästen hantieren und dann soll man so tun, als wäre das normal. Ich blieb wachsam. Der Eindringling verschwand irgendwann wieder und ließ die Höhle in Ruhe. Danach konnte ich mich wieder entspannen. Die Klimaanlage funktionierte offenbar und die Menschen wirkten zufrieden.

Ich finde trotzdem: Erst melden, dann glauben. Man weiß ja nie.

Am nächsten Morgen machten wir zu dritt eine kleine Runde bis zum Strand, an dem wir gestern schon gewesen waren. Ich lief wie üblich voraus und übernahm die Lageerkundung. Auf dem Rückweg kamen wir wieder an der Kneipp-Anlage vorbei.

Und diesmal war sie nicht leer. Das war ungewöhnlich. Drei Mal waren wir schon dort gewesen und nie hatte sich dort jemand aufgehalten. Für mich war die Anlage deshalb als ruhiger, verlässlicher Ort abgespeichert.

Dann sah ich die Frau. Ich lief ein paar Schritte vor, stellte mich in Sichtweite und machte eine kurze Entlebucher-Ansage. Nicht unfreundlich. Keine große Sache. Einfach die sachliche Mitteilung: Achtung, wir sind auch da. Lage erkannt.

Die Frau blieb ruhig.

Damit war für mich alles erledigt. Ich drehte wieder um und kehrte zu Frauchen und dem alten Mann zurück. Der alte Mann meinte, das hätte es nicht gebraucht. Das sagen Menschen oft. Sie sehen immer nur den Zustand nach der Ansage und schließen daraus, dass die Ansage überflüssig war.

Ich sehe das anders. Es blieb schließlich alles ruhig.

Danach ging es zurück zur Reservehöhle. Zuerst bekam ich mein Frühstück. Das halte ich grundsätzlich für eine vernünftige Reihenfolge und unterstütze dieses System.

Etwas später frühstückten dann die Menschen. Allerdings – und das verstehe ich bis heute nicht – nicht in der Höhle. Nein. In der Reservehöhle scheint es üblich zu sein, zum Fressen wieder hinauszugehen. Dabei gibt es doch drinnen alles: Dach, Schatten, Liegeflächen und geordnete Verhältnisse.

Stattdessen setzen sich Menschen draußen an Tische, tragen Essen durch die Gegend und tun so, als wäre das die bessere Lösung. Ich habe mir das angeschaut und beschlossen, die Eigenheiten fremder Höhlen nicht zu hinterfragen. Mein Frühstück war gut. Die Menschen wirkten mit ihrem Frühstück ebenfalls zufrieden.

Vielleicht gehört das hier einfach zu ihren Ritualen.

Entlebucher essen da, wo die Näpfe stehen. Menschen offenbar da, wo andere Menschen sitzen.

Wir gingen wieder los und kamen an einem Platz vorbei, an dem offenbar Bauern ihr Geflügel beaufsichtigten. Zumindest dachte ich das zuerst. Da standen Menschen zwischen einer ganzen Menge Hühner. Sehr aufmerksam. Sehr ordentlich. Fast ein bisschen zu ordentlich.

Ich prüfte die Lage.

Und dann wurde es seltsam. Es roch nicht nach Mensch. Es roch auch nicht nach Huhn. Eigentlich roch es fast nach gar nichts. Die Hühner bewegten sich nicht. Sie scharrten nicht, sie redeten nicht, sie machten keine Hühnersachen. Sie standen einfach da.

Kalt. Starr. Alle gleichzeitig.

Ich blieb stehen. Der alte Mann erklärte mir, das seien keine echten Hühner. Irgendetwas mit Figuren und Kunst und Ausstellung oder Menschenideen – ich habe nicht alles verstanden. Aber ich finde: Wenn man Dinge in Lebensgröße aufstellt, die aussehen wie Geflügel, muss man damit rechnen, dass ein Entlebucher die Lage überprüft.

Ich überprüfte also.

Ergebnis: kein Geflügel. Keine Bauern. Nur Menschen mit einer erstaunlich hohen Toleranz für unbewegliche Vögel. Wir gingen weiter. Ich behielt die Sache aber im Kopf. Man weiß nie, was Menschen als Nächstes anfangen.

Danach wurde es wieder vernünftiger. Keine unbeweglichen Hühner mehr, keine Menschenrituale, die niemand erklären kann.

Wir liefen durch Wiesen und Felder. So wie Wege eigentlich gedacht sind. Nicht schnell, nicht langsam – einfach mit Zeit zum Schauen, Riechen und gelegentlichen Richtungsentscheidungen, die ich den Menschen freundlich mitteilte. Das Gras erzählte viel. Wer hier gewesen war, wer nur kurz vorbeikam und wer offenbar regelmäßig seine Runde dreht. Ich las die Nachrichten am Wegesrand und hielt die Gruppe in Bewegung. Der alte Mann lief ordentlich mit. Frauchen auch.

Ich merkte, wie alles ruhiger wurde. Keine Aufsicht mehr nötig, keine Ansagen, keine Eindringlinge in Reservehöhlen und keine falschen Hühner. Nur Wiesen, Felder und dieses gute Gefühl, unterwegs zu sein und trotzdem gemeinsam zu laufen. So mag ich das.

Ein Entlebucher muss nicht immer etwas regeln. Manchmal reicht es, vorne zu laufen und dafür zu sorgen, dass die Gruppe den richtigen Weg nimmt.

Aber in einer komischen Gegend sind wir schon. Von zu Hause weiß ich, wie Apfelbäume sind. Die stehen auf Wiesen. Man kann drum herum laufen, darunter hergehen, im Schatten liegen oder einfach mal schauen, ob vielleicht etwas Interessantes heruntergefallen ist. Ein Baum steht da und man lebt miteinander. Das ergibt Sinn.

Aber hier …

Hier stehen die Apfelbäume in Reihen. Viele Reihen. Alle ordentlich hintereinander. Als hätte jemand beschlossen, dass Bäume jetzt nicht mehr Bäume sind, sondern eine Aufgabe haben.

Ich blieb stehen und schaute mir das an. Das erinnerte mich an die Pflanzen bei uns zu Hause mit den Früchten, die ich nicht essen darf. Die stehen auch so ordentlich. Der alte Mann läuft da manchmal mit mir durch. Canicross nennt er das. Freiwillig bergauf laufen und dabei ziehen lassen – Menschen haben eben Hobbys.

Und manchmal trinkt er später diesen fertigen Traubensaft für Erwachsene. Ich finde, der riecht oft so, als wäre normaler Saft irgendwann falsch abgebogen.

Jedenfalls standen die Apfelbäume hier ganz ähnlich. Nicht wie Bäume auf einer Wiese. Mehr wie etwas, das Menschen gebaut haben. Natürlich wollte ich mir das genauer anschauen. Ich bog zwischen die Reihen ab. Nicht weit. Nur mal hinein. Verstehen, was das Konzept ist. Wie fühlt sich das an? Kommt man hinten wieder raus? Gibt es da besondere Gerüche? Vielleicht gelten da andere Regeln als draußen?

Aber da wurde ich – wie in den Weinbergen zu Hause – wieder zur Ordnung gerufen. Ich kenne das schon. Bei den Weinbergen heißt es auch immer: auf dem Weg bleiben. Nicht zwischen die Reihen. Nicht einfach verschwinden.

Und hier offenbar genauso. Ich kam zurück und lief wieder neben den Menschen. Aber ich finde: Wenn man Dinge in Reihen aufstellt, muss man sich nicht wundern, wenn ein Entlebucher wissen möchte, was dazwischen ist. Dafür sind Reihen doch da. Zumindest würde ich das so machen.

Als wir wieder in der Reservehöhle ankamen, war ich schön müde. Ich hatte noch etwas gegessen und wollte dann das tun, was man nach einer ausgiebigen Wanderung und anschließendem Essen eben macht.

Schlafen.

Nicht verhandeln. Nicht planen. Nicht irgendwo hinschauen. Einfach hinlegen und den Tag ordentlich einsortieren. Ich hatte mir schon einen Platz ausgesucht und war innerlich bereits dabei, die Augen zuzumachen.

Da sagten die Menschen: Sie wollen auch noch etwas essen. Und wir müssen noch mal raus. Ich hob den Kopf. Schaute den alten Mann an. Schaute Frauchen an. Überlegte kurz, ob ich Einwände formulieren möchte. Aber ehrlich gesagt war ich zu müde für eine richtige Diskussion. Alles, was ich noch für eine Ansage übrig hatte, war ein empörtes Schnaufen.

So ein deutliches Entlebucher-Pffff.

Nicht aggressiv. Nicht beleidigt. Eher die offizielle Mitteilung: Das halte ich organisatorisch für fragwürdig.

Die Menschen nahmen die Rückmeldung zur Kenntnis. Und gingen trotzdem. Ich stand auf. Denn natürlich geht man mit seiner Gruppe mit. Aber ich finde weiterhin: Wenn alle zurück in der Höhle sind, gegessen haben und jemand schon fast schläft, dann sollte man den Zustand nicht ohne wichtigen Grund wieder verlassen.

Menschen sehen das erstaunlich locker.

Nachdem die beiden auch ausgiebig gegessen hatten – natürlich nicht in der Höhle, sondern draußen in einem großen Menschengewühl – kehrten wir endlich zurück.

Ich verstehe dieses Konzept weiterhin nicht. Die Reservehöhle ist da. Sie ist ruhig. Sie hat Schatten und feste Plätze. Und trotzdem verlassen Menschen sie freiwillig, um gemeinsam mit vielen anderen Menschen zu essen. Vielleicht gehört das zu ihren Ritualen. Ich habe aufgehört, alles verstehen zu wollen.

Ich habe das ausgesprochen professionell nur beobachtet. Keine Beschwerden. Keine weiteren Ansagen. Kein demonstratives Liegen mit schwerem Seufzen. Nur Beobachtung. Man muss auch anerkennen, wenn Menschen ihre seltsamen Gewohnheiten geordnet ausführen.

Irgendwann waren die beiden dann fertig. Und endlich gingen wir zurück. Zur sinnvollen Mittagsruhe. Das ist ein Konzept, bei dem Menschen erstaunlich oft Unterstützung brauchen. Man legt sich hin. Man bewegt sich möglichst wenig. Man macht die Augen zu. Und dann tut man eine Weile nichts.

Ich zeigte mich bereit, die Gruppe anzuleiten. Kaum lagen wir in der Reservehöhle, war ich weg. Der alte Mann behauptet später bestimmt wieder, ich hätte „sofort geschlafen“. Ich würde sagen: Ich habe die Lage entspannt überwacht. Mit geschlossenen Augen.

Nach einer ausgiebigen Mittagsruhe kontrollierten wir die Lage in der Reservehöhle erneut. Der alte Mann hatte angekündigt, nicht schlafen zu wollen. Als wir nachsahen, fanden wir ihn trotzdem auf dem Sofa. Nicht schlafend natürlich. Menschen schlafen nie. Sie liegen nur mit geschlossenen Augen herum und erzeugen dabei verschiedene Geräusche. Offenbar gehört das zum Energieaufladen.

Nachdem er ausreichend geräuschemachend auf dem Sofa gelegen hatte, gingen wir noch einmal zu der Stelle, an der die Menschen Eis bekommen. Dort übernahm ich die Überwachung des Bereichs. Viele Menschen, viele Gerüche, mehrere Kinder, insgesamt erhöhte Aufmerksamkeit erforderlich. Zwischendurch begegnete ich einem meiner großen flauschigen Verwandten. Ein Berner Sennenhund. Freundlicher Typ, aber offenbar sehr motiviert, das übliche „Wer bist du denn? Wo kommst du her? Was hast du heute gemacht?“ vollständig über Geruchsaustausch abzuwickeln. Ich erklärte höflich, aber bestimmt, dass ich heute nicht an ausführlichem Wer-bist-du-denn-Schnüffeln interessiert bin. Kurze Lageeinschätzung, höfliches Weitergehen. Man muss nicht jede soziale Interaktion maximal ausdehnen. Er akzeptierte das und wir trennten uns professionell.

Frauchen und der alte Mann bekamen anschließend ihre Eisbecher. Ich erhielt selbstverständlich keinen eigenen. Angeblich aus Gründen. Ich wartete daher geduldig bis zum Ende des Vorgangs und übernahm dann die fachgerechte Nachbearbeitung des leeren Bechers vom alten Mann vor der Entsorgung. Nicht aus Eigennutz – ich bin schließlich kein Labrador – sondern aus Verantwortungsbewusstsein. Wenn man Becher mit Resten wegwirft, lockt das nur Ungeziefer an. Frauchen ist da selbst verantwortlich, ich sage nur Schokoladeneis.

Den Rest des Tages verbrachten wir dann mit einer Mischung aus Höhle und kurzen Ist-das-Wasser-noch-da-Kontrollgängen. Das Konzept war einfach: kurz raus, Lage prüfen, feststellen, dass der große See weiterhin vorhanden ist, wieder zurück in die Höhle.

Ich war zu diesem Zeitpunkt insgesamt nicht mehr an Interaktionen interessiert und legte das sicherheitshalber frühzeitig dar. Dabei muss man unterscheiden: Andere Menschen gehören grundsätzlich nicht zur Interaktionsliste. Anschauen ist erlaubt. Vorbeigehen ebenfalls. Abstand halten wird begrüßt. Anfassen ist nicht vorgesehen.

Ich beobachtete die Leute also durchaus aufmerksam. Kinder, Menschen mit Eis, Menschen mit Fahrrädern, Menschen mit diesem typischen „Oh wie süß“-Gesichtsausdruck. Alles registriert. Aber nur aus sicherer Distanz. Ich machte das deshalb deutlich – allerdings ausschließlich gegenüber anderen Hunden. Position neben dem alten Mann. Umgebung im Blick. Wer vorbeikam, wurde registriert. Wenn jemand näheren Kontakt wollte, erklärte ich die Lage deutlicher als sonst. Kein „Hallo“, kein gemeinsames Stehen, kein „Wer bist du denn?“-Programm. Heute Abend war ich damit etwas konsequenter unterwegs und teilte mehrfach höflich, aber eindeutig mit: Heute nicht.

Danach lagen wir noch gemeinsam auf dem Sofa. Ich ließ das zu. Nicht lange. Nur kurz. Gruppenkontakt nach einem langen Tag ist etwas anderes als Öffentlichkeit. Danach machte ich Feierabend.

Ein guter Tag für einen Entlebucher.

Eure Eira.


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