Entlebucher Tagebuch – Mittwoch, 04. November und Donnerstag, 05. November 2026. Gestern war wieder Bürotag beim alten Mann. Er verließ morgens das Haus und fuhr dorthin, wo er den Tag vor seinen leuchtenden Vierecken verbringt. Warum er dafür extra wegfahren muss, obwohl zu Hause ebenfalls welche stehen, habe ich noch nicht herausgefunden.

Die beiden Revierkontrollen teilten sich Frauchen und der alte Mann. Offenbar hatten sie sich vorher über die Zuständigkeiten geeinigt, denn alles funktionierte ohne größere Verhandlungen.

Draußen war es kühl. Die Menschen benötigten inzwischen wieder zusätzliche Kleidungsstücke, bevor sie das Haus verlassen konnten. Ich war wie üblich sofort einsatzbereit.

Bei den Kontrollgängen gab es nichts zu beanstanden. Ich nahm meine Arbeit trotzdem mit der gebotenen Sorgfalt wahr. Nur weil nichts passiert, kann man die Kontrollen nicht einfach ausfallen lassen.

Auch zu Hause blieb die Lage entspannt. Frauchen ging ihren Beschäftigungen nach, der alte Mann kam irgendwann aus dem Büro zurück, und ich hatte keinen Anlass, mich über einen der beiden zu beschweren.

Am Abend saßen beide gemeinsam auf dem Sofa. Ich lag bei ihnen, und draußen war es längst dunkel.

Heute Morgen war es mit der Ruhe zunächst vorbei. Der Wecker auf einem der leuchtenden Vierecke schreckte uns zu Frauchens Bürozeit aus dem Bett. Dabei hatte sie das Haus doch erst vor zwei Tagen so früh verlassen.

Frauchen schien das anders zu sehen. Sie stand auf und machte sich kurz darauf auf den Weg. Offenbar war das Ganze beabsichtigt.

Der alte Mann beobachtete ihre Vorbereitungen vom Sofa aus, eine Tasse Kaffee in der Hand. Besonders glücklich sah er nicht aus. Er sagte nichts und trank weiter seinen Kaffee.

Immerhin ließ er sich von Frauchens frühem Aufbruch nicht in seiner Morgenroutine stören. So kam ich zur gewohnten Zeit zu meinem Kontrollgang.

Draußen war es trüb und kühl. Der alte Mann zeigte wenig Interesse an Übungen oder Spielchen. Das kam mir entgegen. Ich konnte mich ganz auf die Spurenanalyse konzentrieren und an den interessanten Stellen ausgiebig schnüffeln. Er wartete geduldig, was bei solchen Gelegenheiten keineswegs selbstverständlich ist.

Wieder zu Hause setzte sich der alte Mann an seine leuchtenden Vierecke. Ich bezog meinen Platz hinter seinem Stuhl und holte den Schlaf nach, der mir durch Frauchens frühen Aufbruch verloren gegangen war.

Am Nachmittag beschloss der alte Mann, lange genug vor seinen Vierecken gesessen zu haben. Normalerweise wäre das der Zeitpunkt für unsere zweite Revierkontrolle gewesen. Stattdessen ging er in die Küche und begann zu kochen.

Ich folgte ihm und beobachtete die Vorbereitungen. Besonders beim Gemüse musste ich ihn mehrfach an meine Pflichten als Vorkoster erinnern. Ich stellte mich in seiner Nähe auf und verfolgte jeden Handgriff. Nicht dass noch etwas verarbeitet wurde, ohne vorher meine Zustimmung erhalten zu haben.

Während es in der Küche immer besser roch, hörte ich die Haustür. Frauchen war zurück!

Ich lief los, um sie zu begrüßen, und bremste überrascht ab. Da stand gar nicht Frauchen, sondern Daniel. Bei all den köstlichen Gerüchen aus der Küche hatte ich ihn offenbar nicht kommen riechen.

Gerade wollte ich zu einer ordentlichen Entlebucherbegrüßung ansetzen, als hinter ihm auch noch Frauchen ins Haus kam.

Jetzt wurde es schwierig. Daniel stand vor mir, Frauchen gleich daneben. Beide hatten Anspruch auf meine volle Aufmerksamkeit. Einen Augenblick wusste ich nicht, wem ich mich zuerst zuwenden sollte.

Zum Glück bin ich Entlebucher genug, um auch solche Situationen zu bewältigen. Ich begrüßte einfach beide gleichzeitig. Mit wedelndem Hinterteil, schnellen Richtungswechseln und vollem Körpereinsatz wechselte ich zwischen ihnen hin und her, bis jeder ausreichend begrüßt war.

Nach dem Essen machte sich der alte Mann endlich mit mir auf den Weg zur zweiten Revierkontrolle. Die war wegen seiner Kocherei etwas später angesetzt worden, fiel aber immerhin nicht aus.

Unterwegs begegneten wir einem kleinen Hund, den wir in den vergangenen Tagen mehrfach aus der Ferne gesehen hatten. Aus der Nähe stellte sich heraus, dass er nicht nur ziemlich klein, sondern auch schon sehr alt war.

Für ein Rennspiel kam er offensichtlich nicht infrage. Ich begnügte mich mit einem freundlichen Blick, als wir aneinander vorbeigingen. Er durfte in seinem Tempo weiterziehen, und ich setzte meine Revierkontrolle fort.

Der alte Mann hatte heute eine ungewöhnliche Streckenführung vorgesehen. Statt den Wegen zu folgen, marschierte er in gerader Linie den Hang zu den Feldern hinauf. Ein- oder zweimal hatte ich den Eindruck, dass er sich dabei von mir ziehen ließ. Ich half ihm über die steileren Stellen. Wenn er schon solche Wege auswählt, kann ich ihn nicht einfach zurücklassen.

Oben angekommen entdeckten wir auf dem Feld neben uns eine Gruppe Rehe. Sie standen dort und beobachteten einen anderen Hund. Als sie auch mich bemerkten, zogen sie sich langsam zurück. Der andere Hund verschwand in eine andere Richtung, und wir setzten unseren Weg fort.

Zwei Abzweigungen später trafen wir die Rehe erneut. Diesmal war kein anderer Hund in der Nähe, und wir hielten genügend Abstand. Offenbar stuften sie mich unter diesen Bedingungen als akzeptabel ein. Jedenfalls blieben sie stehen und beobachteten uns.

Ein Stück weiter zogen noch zwei Rehe an uns vorbei. Vermutlich wollten sie zu ihren Kameraden aufschließen. Wir ließen sie passieren und gingen weiter.

Nach einer ordentlichen Schleife kamen wir an einer Wiese vorbei. Dort stand inzwischen wieder die ganze Gruppe. Sie musste zwischenzeitlich den Standort gewechselt haben.

Ich blieb stehen und sah zu ihnen hinüber.

Die Rehe sahen zurück.

Während wir noch mit unserer Revierkontrolle beschäftigt waren, hatte der November beschlossen, das Licht herunterzudrehen. Und zwar ziemlich schnell.

Der alte Mann bemerkte es ungefähr zur gleichen Zeit wie ich. Wir hatten uns wohl beide mit der Zeit verschätzt. Seine Schritte wurden länger, und für ausführliche Spurenuntersuchungen blieb keine Gelegenheit mehr.

Wir beeilten uns, zurück in die Stadt zu kommen. Dort hatten die Menschen zum Glück ihre Straßenlaternen eingeschaltet, die uns den restlichen Weg nach Hause zeigten.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert