Entlebucher Tagebuch – Freitag, 14. August 2026. Heute Morgen wurde der alte Mann ohne Wecker wach. Den Morgenkaffee nahm er dann auf dem Sofa. Insgesamt strahlte er eine Ruhe aus, die sonst eigentlich nur am Wochenende oder im Urlaub an ihm zu sehen ist.

Mir sollte es recht sein, dann hat er mehr Zeit für die Morgenrunde. Ich begann mit einer intensiven Überprüfung der Veränderungen der Nacht. Gleich vor der Haustür stellte ich fest, dass die Streunerkatzen vorbeigeschaut hatten. Am Friedhof stand dann wieder der Wagen von den Labradoren. Ich senkte kurz die Nase und da war sie, die Spur. Nicht einfach nur: Wir sind von hier los, sondern: Wir sind gerade jetzt hier los.

Das war etwas anderes. Ich zog an. Ich zog, was ich konnte. Ich war ja noch an der Leine. Der alte Mann hatte den Wagen ebenfalls gesehen, vielleicht hatte er an der Ecke noch etwas bemerkt, aber er bestand darauf, dass wir „normal“ weitergingen. Normal. Unter diesen Umständen.

Er drehte um, ich wurde langsam. Wir gingen weiter, ich zog wieder an. Wieder drehte er um, wieder wurde ich langsamer. Das ging ein paar Mal so, ohne dass wir wirklich vorankamen. Irgendwann hatte ich verstanden, dass ich mit meinem Ziehen nicht schneller an die Spur kam. Also ging ich langsam und wurde nur allmählich schneller. Das ging. Der alte Mann wollte nicht wie ein sturer Ochse hinter mir hergezogen werden.

Jetzt kamen wir gut voran. Nicht so schnell, wie ich wollte, aber schnell genug.

Wir sahen Indi, den Senior-Labrador, schon vor dem Brombeerwäldchen. Sein Mensch war ein Stück voraus. Der alte Mann wartete, bis die Frau uns gesehen hatte, dann gab er mich frei.

Ich rannte los. Auf dem Weg, schnell, dann machte ich einen Bogen über die Wiese und lief von schräg auf den Lappi zu. Wir schnüffelten kurz aneinander und begrüßten uns. Ich mit dem nötigen Anstand einem Älteren gegenüber und der alte Labrador mit der Ruhe, die ein alter Hund ausstrahlt.

Während wir uns noch begrüßten, sah ich einen schwarzen Schatten an der Frau vorbeifliegen. Der andere schwarze Labrador flog förmlich auf mich zu. Nicht aggressiv, nicht nach dem Motto: „Hey, was machst du da mit dem Alten?“, sondern eher: Ich habe dich erkannt, lass uns rennen!

Und das taten wir dann auch. Er jagte mich, ich hatte ihn, dann wieder er mich. Wir flogen über die Wiese, während der alte Labrador einfach dastand und uns zuschaute. Er hatte offensichtlich nicht vor, sich in unsere Angelegenheiten einzumischen. Wir konnten das ganz gut alleine.

Dann gingen wir eine Weile gemeinsam weiter. Die Menschen redeten, wir kontrollierten und Indi trottete in seinem Tempo hinter uns her. Ab und zu warteten wir auf ihn, dann konnten wir das Kontrollschnüffeln weiter in die Wiesen ausdehnen.

An einer Kreuzung bogen die drei dann in eine kürzere Runde ab und ich ging mit dem alten Mann weiter. Als wir wieder allein waren, versteckte er Leckerlies im Gras, ließ mich Geduld üben, wenn es um den Ball ging, und machte dann eine von den Übungen, die ich besonders anstrengend finde.

Er legte mich ins Platz und ging. Ich wartete. Er ging weiter und ließ den Ball fallen. Ich wartete. Er ging noch weiter. Ich wartete immer noch.

Dann drehte er sich endlich um und rief mich. Ich schoss los. Der Ball war da, ich sah ihn genau. Ich wollte ihn. Sehr. Aber ich wusste, dass ich zuerst zum alten Mann musste. Also lief ich sicherheitshalber einen kleinen Bogen, setzte mich vor ihn und wartete.

Der alte Mann schaute sehr zufrieden. Einen winzigen Moment ließ er mich noch zappeln. Dann kam endlich das erlösende Wort und ich durfte den Ball holen.

Was danach kam, war ein riesiges Gezerkel. Genau dafür hatte sich das Warten gelohnt.

Heute führte uns die Feldrunde in die weiter entfernten Teile. Der alte Mann hatte wirklich Zeit und ich konnte meine Revierkontrolle ordentlich ausdehnen. Je mehr ich überprüfen kann, desto besser weiß ich, was sich draußen verändert hat.

Schon halb auf dem Rückweg machten wir im Schatten von Zoras Baumwiese eine Trinkpause. Die hatten wir inzwischen nötig. Nach der langen Runde war es angenehm, dort ein wenig im Schatten zu stehen.

An der Wiese bei den Holzstapeln kramte der alte Mann dann noch die gelbe Fläche heraus, auf der wir Treibball üben. Ich übte also mein „Vor, vor, vor …“. Und bevor er wieder merkwürdig mit dem Arm herumkreiste, um mir zu zeigen, dass ich mich umdrehen und hinsetzen sollte, machte ich das lieber gleich von allein.

Da hat er geschaut.

Er wiederholte die Übung gleich noch einmal und war ganz begeistert von mir. Das machte sich in Form von Extra-Leckerli bemerkbar. Ich sollte das beim nächsten Mal unbedingt noch einmal probieren.

Dann ging es aber doch nach Hause. Und nachdem die Sonne ihre Arbeit immer ernster nahm, war das gut so.

Den Rest des Tages verbrachten wir in gewohnter Weise ruhiger und gingen der Hitze so gut es ging aus dem Weg. Am Vormittag hatte ich noch zwei Einsätze, weil der Gemüsemann und der Paketbote vorbeischauten. Ansonsten konnte ich meinen Wachdienst von den kühlen Fliesen aus erledigen. Das war bei den Temperaturen der deutlich angenehmere Arbeitsplatz.

Als die beiden später ein Eis aßen, durfte ich zumindest die Schale vom alten Mann auslecken. Das hat mir gereicht. Frauchen hat wieder alles selbst gegessen, mit der Ausrede, dass ich kein Schokoladeneis essen darf.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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