Heute Morgen war eine merkwürdige Unruhe in der Ersatzhöhle. Ich spürte das sofort. Menschen glauben oft, sie würden solche Dinge gut verbergen, aber ein Entlebucher bemerkt schon die kleinen Veränderungen. Die Schritte waren etwas schneller, die Stimmen klangen anders und irgendwie hatte jeder etwas zu erledigen. Keiner stand einfach nur herum. Das ist meist ein sicheres Zeichen dafür, dass etwas im Gange ist.
Kurz darauf machte der alte Mann auch nur eine kleine Runde mit mir, obwohl der Himmel diesmal ganz ruhig war. Das kam mir schon merkwürdig vor. Als wir die Ersatzhöhle verlassen wollten, stand auf einmal mein Teampartner von gestern direkt vor der Flurtür. Wir machten beide erst einmal eine kurze Ansage, wie sich das unter Hunden eben gehört. Danach ließ ich ihm den Vortritt. Er schien die Unruhe im Haus genauso zu spüren wie ich. Manche Dinge muss man sich unter Hunden eben nicht erst erklären.
Als wir zurückkamen, wollte Nala aus dem Nachbarzimmer gerade nach draußen. Diesmal bekam ich allerdings selbst etwas zu hören. Offenbar hatte sie zu meiner Ansage an meinen Teampartner doch eine Meinung. Nun ja – ein Entlebucher, der austeilen kann, muss auch einstecken können. Also verzichtete ich auf eine Antwort und ließ sie kommentarlos passieren. Nicht jede Bemerkung verlangt nach einer Erwiderung. Manchmal zeigt sich Souveränität gerade darin, dass man einfach weitergeht.
Bevor wir zum Frühstück gingen, sammelten die Menschen in der Ersatzhöhle alles wieder ein. Was am Abend zuvor noch ordentlich verteilt worden war, verschwand nun nach und nach wieder in Koffern und Taschen. Spätestens da war klar, dass die merkwürdige Unruhe ihren Grund hatte. Offenbar stand schon wieder ein Aufbruch bevor. Für einen Entlebucher ist das zwar keine Überraschung, aber ich achte trotzdem lieber darauf, dass am Ende niemand vergessen wird – weder Mensch noch Gepäck.
Frauchen und der alte Mann frühstückten diesmal auch deutlich schneller als an den vergangenen Tagen. Ich hatte mein Frühstück zwar längst bekommen, aber während die beiden aßen, musste ich trotzdem ungewöhnlich lange aufmerksam zuschauen. Irgendwann dachte dann doch endlich jemand an die wirklich wichtigen Dinge und ich bekam meine Gurke und ein Stück Käse. So konnte ich sicher sein, dass trotz aller Hektik die Ordnung noch nicht völlig verloren gegangen war.
Während der alte Mann dann nach und nach die Sachen zum Auto brachte, blieb ich bei Frauchen und übernahm die Bewachung. Wenn Menschen in dieser Aufbruchshektik alles nach draußen tragen, verlieren sie manchmal den Überblick. Am Ende landet Frauchen noch aus Versehen mit im Kofferraum. Das konnte ich natürlich nicht verantworten.
Natürlich entging mir auch nicht, dass mein Trailgeschirr noch griffbereit lag und nicht in einer der Taschen verschwunden war. Das sprach eindeutig dafür, dass wir nicht direkt nach Hause fahren würden. Menschen verraten ihre Pläne oft, ohne ein einziges Wort zu sagen. Man muss nur genau hinschauen. Und das gehört schließlich zu den Aufgaben eines Entlebuchers.
Wir trafen uns wenig später mit den anderen wieder auf einem Parkplatz. Damit war meine Vermutung bestätigt. Nach Hause ging es also noch nicht. Zunächst musste ich allerdings warten, bis ich an der Reihe war. Das gehört beim Trailen nun einmal dazu. Also beobachtete ich in Ruhe, was die anderen machten, und sparte meine Energie für den Moment auf, in dem ich gebraucht wurde.
Frauchen nahm mich mit zum Startpunkt. Heute war unsere Ausrüstung deutlich besser vorbereitet als gestern. Trotzdem wirkte sie irgendwie aufgeregter als sonst. Dann kam Linda und verband Frauchen vor dem Start die Augen.
Als Entlebucher muss ich sagen: Das halte ich nicht unbedingt für die beste Idee. Menschen haben ohnehin nur einen Sinn, der einigermaßen zuverlässig funktioniert – die Augen. Und ausgerechnet den schalten sie dann freiwillig auch noch aus. Was sich Trainer alles einfallen lassen. Nun gut, ich war ja dabei und konnte aufpassen.
Natürlich bin ich Profi genug, um zu wissen, dass ich unter diesen Bedingungen nicht einfach wie sonst durchstarten konnte. Also nahm ich mich so weit zurück, wie es nötig war, und passte mein Tempo an Frauchen an. Schließlich nützt die beste Nase nichts, wenn der Mensch hinter einem nicht mehr mitkommt. Manchmal gehört zu guter Arbeit eben nicht nur, die richtige Spur zu finden, sondern auch das eigene Tempo der Situation anzupassen.
Als wir die Versteckperson schließlich fanden – also eigentlich ich – meinte Frauchen anschließend, sie hätte das Gefühl, mit lauter Trippelschritten gerade einmal zehn Meter gelaufen zu sein. Dabei waren wir deutlich weiter unterwegs gewesen.
Man könnte also sagen, ich habe sie heute durch die Stadt getragen. Nicht auf dem Rücken natürlich, sondern sicher und zuverlässig an der Leine. Für einen Entlebucher gehört so etwas eben zum Service.
Nach einer Pause und einem Standortwechsel durfte ich dann noch einen Trail mit dem alten Mann machen. Nachdem ich mich zuvor so hatte zurückhalten müssen, war das nun ganz nach meinem Geschmack. Beim alten Mann muss ich mir keine Gedanken machen. Der weiß inzwischen, dass es beim Trailen manchmal einfach vorwärtsgehen muss.
Ich nahm den Geruch mit einer schnellen Kopfbewegung auf, sortierte ihn kurz ein und dann ging es los. Zügig. Sehr zügig. Genau so, wie ich es mag. Linda bremste uns dann allerdings mit der Begründung ein, beim Trailen werde gegangen und nicht gelaufen. Nun gut. Zum Glück kann der alte Mann ziemlich schnell gehen, sodass wir trotzdem ordentlich vorankamen.
Auf einem Betriebshof legte ich dann noch eine Schleife. Dort saß nämlich jemand ziemlich gelangweilt herum – genau so, wie es Versteckpersonen gerne tun. Da ein Entlebucher ordentlich arbeitet und nichts dem Zufall überlässt, musste ich diese Möglichkeit natürlich erst ausschließen. Erst als klar war, dass die Spur dort nicht endete, ging es zügig weiter.
Linda hatte diesmal wirklich nicht an Herausforderungen gespart. Aber nachdem wir die ganze Woche gut geübt hatten, schaffte ich den Trail natürlich fast fehlerfrei. Wenn man einmal davon absieht, dass sich der alte Mann ein klein wenig zu sehr von mir mitreißen ließ, hatte auch er seine Sache ganz ordentlich gemacht. Für einen Menschen jedenfalls.
Jetzt war ich wirklich zufrieden mit mir und mit allem, was wir in dieser Woche geschafft hatten. Die vielen Übungen, die verschiedenen Trails und all die neuen Aufgaben hatten sich gelohnt. Müde, aber immer noch ein bisschen aufgeregt, fuhren wir schließlich nach Hause.
Kaum waren wir dort angekommen, zeigte der Himmel allerdings, dass er ausgesprochen schlechte Laune hatte. Er wurde laut und hell, schüttete Wasser auf uns herab und warf anschließend sogar noch mit Eiskügelchen um sich. Innerhalb weniger Minuten wurde es draußen richtig dunkel.
Ich rollte mich zusammen und schlief ein. So tief sogar, dass ich trotz meiner eingebauten Schweizer Atomuhr das Abendessen verschlief. Das passiert einem Entlebucher wirklich nicht oft. Insgesamt war es wohl doch eine anstrengendere Woche gewesen, als ich mir eingestehen wollte.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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