Wenn Menschen hören, dass ein Entlebucher ein aktiver Hund ist, entsteht oft sofort ein Bild im Kopf: Ein Hund, der den ganzen Tag beschäftigt werden muss, immer etwas tun will und ohne Action unausstehlich wird.
Das stimmt so nicht.
Ja, wir sind aktiv. Wir laufen gerne, arbeiten gerne und denken gerne mit. Aber aktiv zu sein bedeutet nicht, dass wir 24 Stunden am Tag Unterhaltung brauchen.
Vielleicht kommt dieses Missverständnis daher, dass viele Hunderassen heute unter dem Begriff „aktive Hunde“ zusammengefasst werden. Dabei wurden sie für ganz unterschiedliche Aufgaben gezüchtet.
Ein Border Collie oder ein Australian Shepherd arbeitet eng mit dem Menschen an der Herde. Er beobachtet die Tiere, reagiert auf Signale und bleibt über längere Zeit in einer hohen Arbeitsbereitschaft. Ein Herdenschutzhund wie ein Kangal oder ein Pyrenäenberghund hat wiederum die Aufgabe, dauerhaft bei seiner Herde zu bleiben und sie zu bewachen.
Ein Entlebucher hatte auf dem Bauernhof eine andere Rolle.
Wir waren keine klassischen Hütehunde und schon gar keine Herdenschutzhunde. Unsere Aufgabe bestand eher darin, Vieh zu holen, zu treiben und wieder zurückzubringen. Wenn die Kühe auf die Weide mussten, bekamen wir unseren Auftrag und gingen los. Wenn sie wieder zurück mussten, holten wir sie. Vieles davon geschah nicht unter ständiger Führung des Menschen. Auftrag bekommen, Situation einschätzen, Aufgabe erledigen und wieder zurückkommen – so ungefähr lässt sich unser damaliger Arbeitstag zusammenfassen.
Dazu kamen Hof und Familie, die ebenfalls im Auge behalten werden mussten. Auch hier konnte nicht ständig jemand neben uns stehen und sagen, was als Nächstes zu tun war. Wir mussten unsere Umgebung selbst beobachten und entscheiden, wann unser Einsatz notwendig war.
Und wenn die Aufgabe erledigt war, war sie erledigt.
Dann gab es keinen Grund, weiter über den Hof zu rennen und nach der nächsten Beschäftigung zu suchen. Wir konnten uns hinlegen, beobachten und warten, bis wieder jemand unsere Hilfe brauchte.
Das ist ein wichtiger Teil unseres Wesens, den man bei einem „aktiven Hund“ leicht übersieht: Wir mussten nicht den ganzen Tag arbeiten. Wir mussten bereit sein, wenn Arbeit anstand – und danach auch wieder zur Ruhe kommen können.
Das steckt bis heute in vielen von uns.
Wir können beim Canicross alles geben. Wir arbeiten beim Mantrailing hoch konzentriert. Wir begleiten unsere Menschen auf langen Wanderungen oder lernen neue Aufgaben mit Begeisterung. Aber wenn die Arbeit erledigt ist, brauchen wir nicht sofort die nächste Beschäftigung.
Hier entsteht oft das nächste Missverständnis.
Beschäftigung ist nämlich nicht gleich Beschäftigung.
Manche Menschen glauben, ein Hund sei gut ausgelastet, wenn er hundertmal einem Ball hinterherläuft. Schließlich rennt er, bewegt sich und ist danach müde.
Müde vielleicht.
Aber nicht unbedingt zufrieden.
Für einen Entlebucher besteht eine Aufgabe nicht nur aus Bewegung. Wir möchten unseren Kopf einsetzen, Situationen einschätzen und gemeinsam mit unserem Menschen etwas lösen. Mantrailing, Canicross, ein sinnvoll aufgebautes Apportieren oder auch das Erlernen neuer Übungen fühlen sich deshalb anders an als das hundertste Hinterherlaufen hinter demselben Ball.
Ein Ball fliegt immer wieder. Ich renne hinterher, bringe ihn zurück und dann beginnt alles von vorn. Irgendwann ist das keine Aufgabe mehr, sondern nur noch eine Wiederholung.
Eine echte Aufgabe verändert sich dagegen ständig. Beim Mantrailing ist jede Spur anders. Auf einem Spaziergang erzählt jeder Geruch etwas Neues. Ich prüfe, was sich verändert hat, wer hier unterwegs war und ob alles in Ordnung ist. Dafür setzen wir unseren Kopf ein und müssen Entscheidungen treffen.
Auslastung bedeutet für einen Entlebucher also nicht, möglichst viel zu rennen. Es geht darum, Körper und Kopf gemeinsam einzusetzen.
Und danach?
Danach legen wir uns vielleicht einfach auf unsere Decke. Wir schlafen ein wenig, beobachten den Garten, hören auf jedes Geräusch im Haus oder werfen einen Blick aus dem Fenster. Von außen sieht das nach Nichtstun aus. Für uns gehört das dazu.
Ein guter Hofhund war nicht derjenige, der den ganzen Tag ununterbrochen beschäftigt werden musste. Er war derjenige, der im richtigen Moment alles geben konnte und dazwischen ruhig genug war, aufmerksam zu beobachten.
Deshalb liegen wir manchmal einfach da.
Nicht, weil wir faul geworden sind.
Sondern weil im Moment alles in Ordnung ist.
Eure Eira.
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