Wenn Menschen hören, dass der alte Mann und ich Canicross machen, stellen sie sich oft vor, dass ein Hund einen Menschen durch den Wald zieht und beide dabei möglichst schnell werden.
Das ist nicht völlig falsch. Aber es ist auch nicht die ganze Geschichte.
Canicross ist für mich die wahrscheinlich natürlichste Art, gemeinsam mit einem Menschen unterwegs zu sein. Wir laufen als Team. Ich vorne, der alte Mann hinten. Verbunden durch eine Leine, einen Hüftgurt und eine erstaunliche Menge gegenseitigen Vertrauens.
Und natürlich durch Käse.
Bevor wir überhaupt loslaufen konnten, brauchten wir allerdings erst die passende Ausrüstung. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass ich einfach irgendein Geschirr nehme. Der alte Mann fuhr mit mir zu einem Spezialisten, der das Zuggeschirr anpasste. Ein Entlebucher ist schließlich kein Standardhund. Zu breit hier, zu kräftig dort, etwas mehr Brustkorb als vorgesehen und generell deutlich mehr Meinung als viele andere Hunde derselben Gewichtsklasse.
Das Ergebnis war ein Geschirr, das sitzt wie angegossen. Und genau das würde ich jedem empfehlen. Wenn man gemeinsam läuft, sollte die Ausrüstung wirklich passen. Nicht ungefähr. Nicht fast. Sondern richtig.
Dann begann die eigentliche Ausbildung des alten Mannes.
Er hatte allerlei Vorstellungen davon, wie das funktionieren sollte. Also brachte er mir Kommandos bei.
„Zieh.“ „Steh.“ „Rechts.“ „Links.“
Ich ließ ihn machen. Zum einen, weil die Kommandos tatsächlich sinnvoll sind. Zum anderen, weil jedes erfolgreiche Training erstaunlich häufig mit Käse endete. Und gegen gut organisierten Käse ist grundsätzlich wenig einzuwenden.
Mit der Zeit wurden wir immer besser. Der alte Mann lernte, dass eine gespannte Leine nicht automatisch bedeutet, dass etwas falsch läuft. Ich lernte, dass Menschen bergauf deutlich langsamer werden können als sie selbst glauben. Und gemeinsam entwickelten wir einen Rhythmus.
Heute reicht oft schon ein einziges Wort. Oder eine kleine Bewegung. Manchmal sogar nur die Stimmung. Mehr braucht es meistens nicht. Natürlich hat er trotzdem ein Vetorecht.
Wenn ich zum Beispiel der Meinung bin, dass man jetzt dringend einen hochinteressanten Geruch am Wegesrand untersuchen sollte, während er findet, dass wir weiterlaufen sollten, gewinnt gelegentlich seine Version.
Gelegentlich.
Canicross funktioniert nämlich nicht deshalb gut, weil einer von uns ständig entscheidet. Es funktioniert, weil wir beide wissen, wann wir führen und wann wir folgen. Das gefällt mir als Entlebucher besonders.
Wir sind schließlich keine Hunde, die einfach blind irgendwo hinterherlaufen. Wir möchten mitdenken. Mitarbeiten. Teil der Aufgabe sein.
Und Canicross ist genau das. Eine gemeinsame Aufgabe.
Frauchen läuft übrigens anders als der alte Mann. Sie hat ihren eigenen Rhythmus. Der alte Mann ebenfalls.
Bei Frauchen achte ich oft etwas mehr darauf, wie es ihr geht. Beim alten Mann muss ich gelegentlich darauf achten, dass er sich nicht irgendwo in seinen Lauf-Flow hineinsteigert und am Ende völlig vergisst, dass wir ursprünglich nur eine kleine Runde geplant hatten.
Menschen verlieren draußen erstaunlich schnell den Überblick.
Ich nicht. Dafür bin ich da. Und wenn wir das Laufen beenden, gibt es zuerst Wasser. Für mich. Für den alten Mann ebenfalls. Gerade im Sommer ist das wichtig. Wer gemeinsam arbeitet, muss auch gemeinsam auf sich aufpassen. Danach folgt der eigentliche Höhepunkt.
Die große Dose Käse.
Wenn ich ganz ehrlich bin, trägt sie durchaus zur Motivation bei. Nicht ausschließlich natürlich. Ich laufe auch wegen des Waldes. Wegen der Bewegung. Wegen der gemeinsamen Zeit. Wegen des Gefühls, als Rudel unterwegs zu sein.
Aber der Käse schadet dem Gesamtkonzept definitiv nicht.
Canicross ist für mich deshalb weit mehr als Sport.
Es ist Zusammenarbeit. Vertrauen. Kommunikation.
Und die vermutlich schönste Art, einen Morgen zu beginnen.
Ein guter Start in den Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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