Der alte Mann sagt manchmal, ich würde aus dem Nichts loslaufen. Eben liege ich noch ruhig im Gras und im nächsten Augenblick bin ich schon unterwegs. Für ihn sieht das manchmal so aus, als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Ich glaube, deshalb denken viele Menschen, ein Entlebucher müsse ständig voller Energie sein.
Das stimmt schon ein bisschen. Aber wenn ich mir ein Wort aussuchen dürfte, wäre es nicht Energie. Und auch nicht Temperament.
Ich würde Dynamik sagen.
Viele verwechseln Dynamik mit Unruhe. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Erst wer wirklich ruhig sein kann, kann sich im richtigen Augenblick mit voller Entschlossenheit bewegen. Genau das macht einen Entlebucher aus. Zwischen ruhigem Liegen und vollem Einsatz liegt manchmal nur eine einzige Entscheidung. Der Körper muss sich nicht erst darauf einstellen. Er war die ganze Zeit bereit.
Vielleicht sieht das von außen deshalb so plötzlich aus. Für mich beginnt ein Moment nämlich viel früher. Es ist nicht das eine Geräusch oder der eine Geruch. Es sind viele kleine Dinge, die zusammenpassen. Irgendwann weiß ich einfach, dass jetzt der richtige Moment gekommen ist. Wenn ich dann loslaufe, glauben Menschen oft, ich hätte plötzlich entschieden. Dabei war die Entscheidung längst gefallen.
Wenn ich ruhig im Gras liege, denken viele Menschen, ich würde einfach ausruhen. Das stimmt auch. Aber ein Entlebucher hört deshalb nicht auf, ein Entlebucher zu sein. Ich bekomme weiter mit, was um mich herum passiert. Vielleicht kann ich gerade deshalb so schnell handeln. Nicht obwohl ich ruhig war. Sondern weil ich ruhig war.
Es ist ein bisschen wie ein gespannter Bogen. Solange niemand den Pfeil braucht, passiert nichts. Der Bogen liegt ruhig da. Aber seine Kraft ist schon vorhanden. Sie wartet nur auf den richtigen Moment. So fühlt sich ein Entlebucher für mich an.
Diese Art zu handeln ist kein Zufall. Sie hat sich niemand ausgedacht. Vielleicht kommt sie daher, wofür meine Vorfahren einmal gebraucht wurden. Wir waren Hof- und Treibhunde. Unsere Aufgabe war nicht, den ganzen Tag hinter einer Herde herzulaufen. Wir mussten auf dem Hof aufpassen und Rinder bewegen. Das klingt einfacher, als es ist. Rinder haben nämlich erstaunlich oft ihre ganz eigene Vorstellung davon, wo sie gerade hinmöchten. Mit ihnen lange zu diskutieren, ist selten erfolgreich.
Ein Entlebucher arbeitet deshalb anders als viele Hütehunde. Er geht entschlossen zur Kuh, macht ihr unmissverständlich klar, wohin der Weg jetzt führt, und ist im nächsten Augenblick schon wieder aus dem Weg, bevor die Kuh ihre gewichtige Meinung dazu äußern kann. Dann schaut er wieder hin, entscheidet neu und setzt den nächsten Impuls. Nicht möglichst schnell zu sein, sondern genau im richtigen Augenblick das Richtige zu tun. Ich glaube, genau daher kommt unsere Dynamik.
Vielleicht tragen wir das bis heute in uns. Ich schaue oft zuerst den alten Mann an. Wenn er sich schon entschieden hat, muss ich nichts mehr tun. Manchmal reicht dafür ein Blick oder ein leises Wort. Wenn er aber zögert oder etwas übersieht, denke ich irgendwann, dass jetzt wohl ich dran bin. Nicht weil ich die Regeln ändern möchte. Sondern weil irgendjemand entscheiden muss.
Deshalb kann ein Entlebucher vieles lernen. Er kann lernen zu warten, sich zurückzunehmen und mit seinem Menschen zusammenzuarbeiten. Was man ihm nicht beibringen kann, ist, kein Entlebucher mehr zu sein. Die Bereitschaft zu beobachten, zu entscheiden und zu handeln gehört zu uns. Sie braucht nur einen Menschen, der sie versteht.
Dann wird aus Dynamik keine Unruhe.
Sondern Zusammenarbeit.
Vielleicht sieht es für den alten Mann trotzdem manchmal noch so aus, als würde ich ganz plötzlich aus dem Nichts loslaufen.
Ich weiß es besser.
Ich war nur die ganze Zeit bereit.
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