Gestern auf dem Weg aus der Stadt kam uns wieder jemand mit einem Hund entgegen. Als der alte Mann automatisch begann, auf die andere Straßenseite auszuweichen, schaute uns der andere Mensch etwas verwundert an. Dabei hatte der alte Mann gar nichts Besonderes gemacht. Er hatte nur dafür gesorgt, dass zwischen uns ein bisschen Platz blieb.
Für Menschen scheint so etwas manchmal schon erklärungsbedürftig zu sein. Einige sehen ziemlich erleichtert aus. Vermutlich, weil so ein Entlebucher aus der Nähe doch eine gewisse Wirkung entfalten kann. Andere schauen dagegen fast beleidigt. Ihr Hund hätte schließlich gern Hallo gesagt. Dass ich dazu vielleicht noch gar keine Meinung abgegeben habe, spielt dabei offenbar keine besonders große Rolle.
Der alte Mann macht das inzwischen übrigens nicht nur bei Hunden. Wenn uns auf einem schmalen Weg Menschen entgegenkommen, weicht er ebenfalls etwas aus. Meistens so, dass wir nicht frontal auf sie zulaufen. Das hat er sich wohl angewöhnt, damit ich nicht jedes Mal überlegen muss, warum wir dem Menschen vor uns jetzt eigentlich drohen wollen. Menschen sind bei ihrer Körpersprache manchmal erstaunlich ungenau.
Meistens weiß ich ohnehin früher als der alte Mann, dass da jemand kommt.
Wenn mir ein fremder Hund entgegenkommt, muss ich nicht sofort zu ihm hin. Ich laufe lieber einen Bogen. Mal einen kleinen, mal einen größeren. Je nachdem, wer da kommt, wie viel Platz vorhanden ist und was ich von der Sache halte.
Das ist keine Umleitung. Ich schaffe mir nur etwas Platz, damit ich erst einmal schauen kann, mit wem ich es zu tun habe. Frontal aufeinander zuzulaufen ist unter Hunden nämlich nicht unbedingt die höflichste Art der Begrüßung. Ein direkter Blick, ein gerader Körper und immer weiter nach vorne können ziemlich deutlich wirken. Seitlich ist angenehmer. Man kann schauen, riechen und nebenbei feststellen, ob der andere überhaupt näherkommen möchte.
Eigentlich eine vernünftige Sache. Menschen machen es trotzdem gern kompliziert, besonders auf schmalen Wegen. Dann hält links jemand einen Hund an der Leine, rechts hält jemand einen Hund an der Leine, und beide Menschen marschieren möglichst gerade aufeinander zu. Kurz vorher werden die Leinen noch etwas kürzer genommen, damit auch wirklich niemand auf die Idee kommt, Platz zu schaffen.
Ich versuche dann manchmal, meinen Teil der Angelegenheit selbst zu regeln: ein paar Schritte nach außen, kurz schnüffeln, den Blick wieder lösen. Der alte Mann kennt das inzwischen. Wenn Platz da ist, lässt er ihn mir meistens.
So kann ich prüfen, wie sich der andere bewegt. Schaut er ständig herüber? Läuft er ruhig weiter? Ist er aufgeregt? Interessiert er sich überhaupt für mich? Manchmal reicht diese Prüfung vollkommen aus. Dann gehen wir aneinander vorbei und die Sache ist erledigt.
Das war dann eine vollständige Hundebegegnung.
Menschen sind von solchen Ergebnissen gelegentlich enttäuscht. Sie hatten offenbar mehr erwartet. Vielleicht gegenseitiges Beschnuppern, vielleicht Spielen oder wenigstens ein kleines gesellschaftliches Ereignis mitten auf dem Feldweg. Dabei kann es sehr angenehm sein, einen anderen Hund einfach zur Kenntnis zu nehmen und weiterzugehen.
Mit manchen Hunden kenne ich das längst. Pako zum Beispiel muss nicht jedes Mal ausführlich begrüßt werden. Man kann gemeinsam unterwegs sein, sich zwischendurch ansehen und ansonsten seinen eigenen Geschäften nachgehen. Auch bei Indi und Beni ist nicht jede Begegnung gleich. Mal geht man näher zusammen, mal bleibt etwas Abstand.
Und dann gibt es Hunde wie Simba. Bei dem merkt man schon, dass ihm manche Dinge im Umgang mit anderen Hunden nicht ganz so leichtfallen. Deshalb ist er aber noch lange kein unfreundlicher Hund. Man muss bei ihm eben ein bisschen genauer hinschauen und ihm genug Raum lassen, damit aus einer unbeholfenen Begrüßung nicht unnötig ein Problem wird.
Hunde müssen darüber keine Sitzung abhalten. Man sieht es meistens.
Schwierig wird es, wenn ein Hund Abstand möchte und der andere nicht. Oder genauer gesagt: wenn dessen Mensch das nicht möchte. Dann kommt häufig der Satz: „Der will nur Hallo sagen.“
Das ist möglich. Trotzdem muss ich nicht Hallo sagen wollen.
Wenn ich einen größeren Bogen laufe, stehen bleibe oder mich seitlich wegdrehe, ist das erst einmal eine Information. Ich möchte gerade nicht direkt hinein in diese Begegnung. Das bedeutet nicht automatisch, dass ich Angst habe oder schlecht sozialisiert bin. Vielleicht möchte ich nur etwas mehr Platz.
Menschen machen das übrigens ebenfalls. Sie stellen sich an der Supermarktkasse normalerweise auch nicht zehn Zentimeter vor einen Fremden und schauen ihm starr ins Gesicht. Bei Hunden halten sie einen gewissen Abstand dagegen manchmal für unnötig.
An der Leine wird die Sache noch wichtiger. Ohne Leine kann ein Hund seinen Abstand selbst verändern. Er kann schneller oder langsamer werden, ausweichen oder einen größeren Bogen laufen. An einer kurzen Leine geht davon nicht mehr besonders viel. Dann muss der Mensch mithelfen.
Der alte Mann versucht deshalb inzwischen, Begegnungen an der Leine möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen. Ausgenommen natürlich echte Freunde. Wenn uns Rosa, Pako oder andere Hunde begegnen, mit denen längst geklärt ist, wie wir miteinander umgehen, ist das etwas anderes. Bei fremden Hunden braucht es aus seiner Sicht aber keinen Pflichttermin an der Leine.
An der Leine kann keiner von uns so ausweichen wie ohne Leine. Dazu kommt, dass Menschen gern stehen bleiben und von uns erwarten, direkt voreinander eine höfliche Unterhaltung zu beginnen.
Manchmal funktioniert das.
Manchmal auch nicht. Dann geht einer nach vorn, bellt oder springt in die Leine. Die Leine wird noch kürzer, Zug kommt aufs Geschirr und plötzlich ist von einer höflichen Unterhaltung nicht mehr viel übrig. Wenn so etwas öfter passiert, kann die Anspannung beim nächsten Mal schon beginnen, bevor der andere Hund überhaupt richtig da ist.
Der alte Mann geht deshalb lieber einen Bogen, wechselt die Seite oder wartet kurz.
Für mich ist das in Ordnung. Ich muss nicht jeden Hund kennenlernen, nur weil er zufällig auf demselben Weg unterwegs ist.
Natürlich gibt es Situationen, in denen der alte Mann entscheidet. Wenn ein Hund unkontrolliert auf mich zuläuft oder ein Weg so eng ist, dass kein vernünftiger Abstand möglich ist, übernimmt er die Sache. Dann stellt er sich dazwischen, schafft Platz oder wir drehen kurz um.
Aber wenn genügend Platz da ist, darf ich meinen Bogen meistens selbst wählen. Und wenn wir am anderen Hund vorbeigegangen sind, laufe ich wieder auf unseren Weg zurück.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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