Nach der großen Hitze höre ich die Menschen auf den Feldern immer öfter über Gewitter reden, die kommen sollen. Sie schauen zum Himmel, sprechen über Regen und Donner und haben offenbar schon eine Vorstellung davon, wann es losgehen soll. Ich schaue bei solchen Dingen lieber selbst nach, was sich draußen verändert.
Ein Gewitter ist für Menschen meistens ziemlich eindeutig. Der Himmel wird dunkel, irgendwo blitzt es, dann kommt der Donner und irgendwann regnet es kräftig. Für uns Hunde beginnt das Gewitter aber nicht unbedingt erst mit dem ersten Donner. Draußen kann sich schon vorher einiges verändern.
Die Luft fühlt sich anders an, der Wind wird stärker und die Geräusche in der Umgebung verändern sich. Gerüche werden durch den Wind anders verteilt und manchmal kommen sie plötzlich aus einer Richtung, aus der sie sonst nicht kommen. Blätter bewegen sich, Äste knarren, Türen schlagen irgendwo und Dinge, die sonst ruhig stehen, können plötzlich klappern. Manchmal merke ich schon, dass etwas anders ist, während Frauchen und der alte Mann noch gar nichts Besonderes bemerkt haben.
Dann kommt der Blitz. Und kurz danach der Donner. Der ist nicht einfach nur laut. Er kommt manchmal ganz plötzlich und kann von Häusern, Wald oder Bergen zurückgeworfen werden. Mal ist es nur ein tiefes Grollen, mal kracht es so, dass selbst der alte Mann kurz zusammenzuckt.
Ich habe keine Angst vor Gewitter. Ich mag es aber auch nicht besonders. Wenn es aufzieht, beobachte ich die Veränderungen draußen genauer und bleibe vielleicht lieber etwas näher bei meinen Menschen. Nicht jeder Hund, der bei einem Gewitter unruhiger wird, hat deshalb Angst.
Bei einem Hund mit Gewitterangst sieht das dann ganz anders aus. Einer verkriecht sich vielleicht unter dem Bett und kommt erst wieder hervor, wenn draußen Ruhe eingekehrt ist. Ein anderer läuft unruhig durch die Wohnung oder zittert schon beim ersten Donner. Manche Hunde reagieren schon auf die ersten Veränderungen draußen, lange bevor der Mensch überhaupt den Donner hört. Für sie kann das Gewitter bereits begonnen haben, obwohl Frauchen noch ganz selbstverständlich am Fenster steht.
Wenn sich ein Hund bei einem Gewitter irgendwo zurückzieht, würde ich ihn dort auch lassen. Ihn herauszuholen und näher an das Gewitter zu bringen, damit er sich daran gewöhnt, macht die Sache nicht unbedingt besser. Wenn ein Hund bei jedem Gewitter große Angst bekommt, würde ich das nicht einfach aussitzen. Dafür gibt es Menschen, die sich damit auskennen, und auch der Tierarzt kann dabei helfen.
Bei meinen Menschen kann ich ebenfalls Unterschiede beobachten. Frauchen kann man ziemlich gut ansehen, dass sie sich mehr als unwohl fühlt. Wenn es draußen kracht, wird sie stiller und aufmerksamer. Ich merke dann, dass sie das Gewitter lieber schnell wieder vorbei hätte. Der alte Mann ist da anders. Wenn es irgendwo donnert, geht er meistens einfach weiter. Nur wenn Blitz und Donner praktisch gleichzeitig kommen und er draußen davon überrascht wird, zuckt er schon mal kurz zusammen. Danach geht er weiter, als wäre nichts gewesen.
Wir hören denselben Donner und sehen denselben Blitz, und trotzdem reagiert jeder anders darauf. Bei Hunden ist es genauso. Ich bleibe lieber bei meinen Menschen und beobachte, was draußen passiert. Ein anderer Hund möchte vielleicht unter dem Tisch liegen und möglichst wenig davon mitbekommen. Wieder ein anderer bleibt ganz dicht bei seinem Menschen und möchte ihn während des Gewitters nicht aus den Augen lassen. Jeder zeigt auf seine eigene Art, was ihm gerade zu viel ist.
Wenn das Gewitter vorbei ist, wird es für mich noch einmal interessant. Die Luft riecht anders, der Boden ist nass, Äste und Blätter liegen vielleicht auf den Wegen und überall gibt es neue Gerüche. Der Weg ist derselbe, aber er riecht nicht mehr genauso. Manchmal liegt ein Ast dort, wo vorher keiner lag. Und irgendwo tropft es noch aus den Bäumen.
Für die Menschen ist das Gewitter vorbei. Ich muss erst einmal schauen, was es draußen alles hinterlassen hat.
Ein guter Tag für einen Entlebucher – auch wenn es zwischendurch ordentlich donnert, sagt euch eure Eira.
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