Eira erklärt: Leinenpflicht

Eira erklärt: Leinenpflicht

Der alte Mann hat in seinem leuchtenden Viereck etwas über Leinenpflicht gelesen und dachte, er könnte sich das ja mal anschauen. Das war allerdings ein Fehler. Kaum hatte er angefangen zu lesen, rollte er schon mit den Augen. Denn natürlich war dort sofort wieder die ewig währende Diskussion zwischen den Leinenbefürwortern und den Leinenhassern aufgeflammt.

Die einen erklären, dass ein Hund grundsätzlich an die Leine gehört. Die anderen erklären, dass ein Hund grundsätzlich frei laufen muss. Und beide Seiten sind offenbar ziemlich sicher, dass die jeweils andere Seite von Hunden ungefähr so viel versteht wie ein Goldfisch vom Wandern.

Ich bin jedenfalls froh, dass der alte Mann und ich das ziemlich ähnlich sehen.

Meistens zumindest. Das meine ich übrigens wörtlich. Entlebucher haben zu allem ihre Meinung und halten damit nicht hinter dem Berg.

Denn bei der Leine kommt es meiner Meinung nach darauf an, wo wir gerade sind und warum sie gebraucht wird. Eine Leine ist für mich jedenfalls nicht automatisch etwas Schlechtes. Manchmal ist sie einfach praktisch. Man kommt damit schneller von A nach B, wenn der alte Mann gerade beschlossen hat, dass B jetzt wichtiger ist als sämtliche Gerüche am Wegesrand. Manchmal ist sie notwendig, weil andere Menschen oder Tiere ihre Ruhe haben möchten.

Das Problem ist nur: Sobald es um Leinen geht, scheint es bei Menschen kein Dazwischen zu geben. Entweder ist man für die Leine oder dagegen. Dabei ist das für mich eigentlich ziemlich einfach.

Leine dran, wenn es sinnvoll ist. Leine ab, wenn es möglich ist.

So schwer kann das doch nicht sein.

Besonders interessant finde ich die Leinenpflicht in geschlossenen Ortschaften. Da ist die Sache ziemlich eindeutig: Leine dran. Nicht, weil jeder Hund eine Gefahr wäre. Nicht, weil jeder Hund plötzlich vergessen würde, wer am anderen Ende der Leine steht. Und nicht, weil es keine Hunde gäbe, die so gut erzogen oder so alt und gemütlich sind, dass sie freiwillig keinen Schritt von ihrem Menschen weggehen. Manche brauchen dafür gar keine Leine. Die bleiben einfach dort, wo ihr Mensch ist. Wahrscheinlich ist das irgendwann zu anstrengend geworden, anderswohin zu laufen.

Aber darum geht es gar nicht. Es geht um die Menschen. Es gibt Menschen, die Angst vor Hunden haben. Und da hilft ein Satz wie „Der tut nix!“ überhaupt nicht. Wenn man Angst hat, ist es völlig egal, ob ich freundlich bin, gut erzogen bin oder überhaupt vorhabe, einen Schritt auf diese Person zuzugehen. Die Angst ist trotzdem da. Das sollte man als Hund durchaus verstehen.

Ich kann schließlich nicht erwarten, dass jeder Mensch Hunde genauso großartig findet wie ich mich selbst. Das tut schließlich jeder Entlebucher. Aus Überzeugung. Und ohne jeden Zweifel.

Wenn mir jemand auf der Straße entgegenkommt und einen großen Bogen um mich macht, dann ist das eben so. Ich muss ja nicht mit jedem Freundschaft schließen. Der alte Mann muss dann keine Erklärung abgeben, dass ich ganz lieb bin. Vielleicht möchte die Person schlicht, dass ich nicht frei auf sie zulaufe. Und wenn die Leine dafür sorgt, dass sie sich sicherer fühlt, ist das für mich eigentlich kein besonders großer Preis.

Jetzt könnte man natürlich sagen: „Aber Hunde müssen doch auch frei laufen können!“ Ja. Müssen sie. Unbedingt sogar. Wir müssen schnüffeln, rennen, unsere Kreise ziehen und gelegentlich völlig grundlos in irgendeine Richtung laufen, nur um nach zehn Metern festzustellen, dass dort eigentlich auch nichts war. Freilauf ist wichtig. Aber muss dieser Freilauf mitten im Ort stattfinden? Ich finde: Nein.

Der Ort ist schließlich für Menschen. Da stehen Häuser, Autos fahren herum, Menschen laufen kreuz und quer. Es gibt Fahrräder, Kinderwagen, Einkaufswagen und diese kleinen Menschen, die plötzlich stehen bleiben, obwohl sie vorher eindeutig irgendwohin wollten. Und überall sind Steine. Viele Steine. Große Steine, kleine Steine, Gehwegsteine, Bordsteine und diese besonders interessanten Ritzen zwischen den Steinen. Für einen Hund ist das alles ohnehin ziemlich unpraktisch. Man kann dort nicht ordentlich rennen, nicht vernünftig ausweichen und wenn man einmal losläuft, steht spätestens irgendwo ein Auto.

Nein, wenn ich es mir aussuchen darf, dann möchte ich meinen Freilauf dort, wo Platz ist. Auf Wegen, Wiesen oder im Wald – dort, wo es erlaubt ist und wo ich niemanden störe. Im Ort kann ich an der Leine laufen. Das ist für mich kein Weltuntergang. Ich habe den alten Mann dabei. Und der muss sowieso aufpassen. Auf mich, auf die Autos, auf die anderen Menschen und offenbar darauf, dass ich nicht versuche, den interessantesten Stein der gesamten Ortschaft ausgerechnet mitten auf der Straße zu untersuchen.

Und als wäre das mit den Menschen nicht schon kompliziert genug, gibt es noch die Brut- und Setzzeit. Eine Zeit, in der draußen kleine Tiere unterwegs sind, die von meinem Spaziergang möglichst wenig mitbekommen sollten.

Für uns Hunde ist eine Wiese erst einmal eine Wiese. Eine ziemlich interessante Wiese, zugegeben. Sie riecht nach tausend Dingen gleichzeitig und irgendwo ist garantiert etwas, das man unbedingt untersuchen muss. Für ein Reh kann dieselbe Wiese hingegen gerade das Kinderzimmer sein. Ein kleines Rehkitz liegt dort vielleicht so gut versteckt, dass ich es überhaupt nicht sehen würde. Ich würde nur etwas riechen.

Und dann würde der alte Mann wahrscheinlich sagen: „Nein, Eira!“

Was ich natürlich erst einmal ausgesprochen unfair fände. Schließlich habe ich das Rehkitz nicht gesehen. Aber genau das ist ja der Punkt. Ich muss es nicht sehen. Meine Nase reicht völlig aus, um mich auf eine interessante Spur zu bringen. Und plötzlich ist aus meinem harmlosen Spaziergang eine ziemlich schlechte Nachricht für ein Wildtier geworden.

Deshalb finde ich es vernünftig, während der Brut- und Setzzeit besonders darauf zu achten, wo wir laufen. Nicht jede Wiese ist eine Hundewiese. Ein Feldweg bedeutet nicht automatisch, dass links und rechts davon alles frei zugänglich ist. Und ein Reh, ein Hase oder ein Vogel, der irgendwo am Boden brütet, kann schließlich kein Schild aufstellen und sagen: „Hier bitte nicht mit Hunden lang.“

Das müssen die Menschen für sie übernehmen.

Und ja, manchmal bedeutet das eben: Leine dran. Nicht, weil ich plötzlich ein schlechter Hund bin. Nicht, weil ich automatisch ein Reh jagen würde. Sondern weil ich ein Hund bin. Mit einer Nase. Mit Neugier. Und mit gelegentlich sehr überzeugenden Argumenten dafür, dass ich nur ganz kurz dort drüben nachsehen muss.

Der alte Mann kennt diese Argumente. Er lässt sich trotzdem nicht immer überzeugen.

Leider.

Dafür gibt es genügend Stellen, an denen wir laufen, schnüffeln und Hund sein können. Und ganz ehrlich: Wenn ich zwischen einem engen Gehweg voller Steine und einer schönen Wiese wählen darf, auf der ich mich ordentlich bewegen kann, ist die Entscheidung ohnehin ziemlich einfach. Mit „schöne Wiese“ meine ich allerdings nicht die Liegewiese im Park oder am Baggersee. Da liegen schließlich Menschen herum, die vielleicht gerade ihre Ruhe haben wollen – oder die Angst vor Hunden haben. Und damit wären wir wieder bei dem Thema, mit dem alles angefangen hat.

Ich bin schließlich Hund. So viel Vernunft darf man von mir erwarten. Aber nur so viel.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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