Menschen finden das manchmal merkwürdig. „Die kennen sich doch.“ „Warum geht ihr einfach vorbei?“ Oder: „Die können doch kurz Hallo sagen.“

Ich glaube, Menschen sehen in so einer Situation etwas anderes als ein Entlebucher.

Sie sehen acht Hunde. Ich sehe eine Gruppe.

Und eine Gruppe ist etwas völlig anderes als ein einzelner Hund. Schon von Weitem beginne ich zu beobachten. Wer gehört zusammen? Wer bewegt sich ruhig? Wer ist aufgeregt? Welche Hunde laufen frei und welche sind angeleint? Wer achtet auf wen? Wo entsteht Bewegung und wo herrscht Ruhe? Während Menschen oft einzelne Hunde wahrnehmen, betrachtet ein Entlebucher die gesamte Situation.

Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob ich die meisten Hunde kenne. Bekannt bedeutet nicht automatisch, dass ich Teil dieser Gruppe werden möchte. Je größer eine Gruppe wird, desto unübersichtlicher kann sie werden. Manche Hunde laufen frei, andere sind angeleint. Die Freilaufenden wechseln ihre Spielpartner oder laufen von einem Hund zum anderen, während die angeleinten Hunde ganz andere Möglichkeiten haben. Menschen unterhalten sich, Leinen werden kürzer oder länger, irgendwo wird gerufen und ständig verändert sich das Bild.

Für viele Hunde ist das einfach ein fröhliches Treffen. Ich sehe viele kleine Bewegungen, aus denen jederzeit Unordnung entstehen kann. Einer läuft los, ein anderer macht mit, zwei Hunde treffen auf einen angeleinten Hund, Menschen bleiben stehen und reden. Jede einzelne Veränderung ist klein. Aber viele kleine Veränderungen ergeben irgendwann ein Durcheinander.

Für einen Entlebucher ist Ordnung etwas Beruhigendes. Ich möchte verstehen, wer zu wem gehört, welche Regeln gerade gelten und ob alles seinen gewohnten Weg geht. Solange das Bild klar ist, bleibe ich entspannt. Das hat mit unserer Geschichte zu tun. Der Entlebucher war nicht nur Treibhund, sondern auch Hofhund. Er hatte nicht die Aufgabe, einfach nur Rinder von einer Weide zur anderen zu bringen. Er sollte aufpassen, beobachten, Veränderungen bemerken und dafür sorgen, dass auf dem Hof alles seinen geordneten Ablauf hatte. Ordnung war für ihn kein Selbstzweck, sondern die Grundlage dafür, dass seine Arbeit funktionierte.

Deshalb beginnt für einen Entlebucher dort eine Aufgabe, wo aus Ordnung Unordnung wird. Nicht, weil wir bestimmen oder andere Hunde maßregeln wollen. Sondern weil tief in uns das Bedürfnis steckt, dass Dinge wieder in geordnete Bahnen kommen. Unsere Vorfahren mussten Situationen ordnen, Tiere zusammenhalten und eingreifen, wenn etwas aus dem Gleichgewicht geriet. Dieser Wunsch, Ordnung wiederherzustellen, steckt vielen Entlebuchern bis heute in den Genen.

Dabei darf man eines nicht vergessen: Ein Entlebucher wurde dafür gezüchtet, mehrere hundert Kilogramm schwere Rinder zu bewegen. Die ließen sich nicht mit einer höflichen Bitte überzeugen. Wenn ein Rind den Weg versperrte oder nicht weitergehen wollte, musste ein Entlebucher klar, selbstbewusst und manchmal auch sehr deutlich auftreten. Genau diese Art zu arbeiten tragen viele Entlebucher bis heute in sich. Sie handeln nicht aus Streitlust, sondern weil ihre Aufgabe früher darin bestand, Ordnung durch entschlossenes Handeln wiederherzustellen.

Deshalb gibt es für mich einen entscheidenden Unterschied. Solange ich außerhalb der Gruppe bleibe, bin ich Beobachterin. Ich kann alles einschätzen, ohne Verantwortung übernehmen zu müssen. In dem Moment, in dem ich Teil dieser Gruppe werde, verändert sich meine Rolle. Dann gehöre ich dazu. Und wenn ich dazugehöre, fällt es mir deutlich schwerer, einfach nur zuzusehen. Dann meldet sich der Entlebucher in mir. Aus den vielen kleinen Veränderungen ist Unordnung geworden und tief in mir entsteht der Wunsch, dass wieder Ordnung einkehrt.

Genau deshalb gehe ich an solchen Gruppen oft lieber vorbei. Nicht aus Angst. Nicht aus Unsicherheit. Und auch nicht, weil ich die anderen Hunde nicht mag. Sondern weil ich gar nicht erst Verantwortung für eine Gruppe übernehmen möchte, zu der ich überhaupt nicht gehöre.

Wenn der alte Mann oder Frauchen ruhig mit mir weitergehen, sagen sie mir etwas sehr Wichtiges: „Das ist heute nicht deine Aufgabe.“ Genau dieses Vertrauen hilft mir, die Gruppe einfach Gruppe sein zu lassen. Ich muss nicht entscheiden, wer sich wie verhält. Ich muss keine Ordnung herstellen. Ich darf einfach weitergehen.

Manche Menschen glauben, ein Hund würde dabei etwas verpassen. Ich sehe das anders. Ein Entlebucher muss nicht jeden Hund begrüßen. Er muss nicht überall dabei sein. Manchmal zeigt sich wahre Sozialkompetenz gerade darin, zu erkennen, wann man sich bewusst gegen eine Begegnung entscheidet. Nicht jede Unordnung ist meine Aufgabe.

Eure Eira.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert