„Die bellt aber viel.“

Diesen Satz höre ich manchmal. Meistens lächle ich dann nur. Nicht, weil er völlig falsch wäre, sondern weil er ungefähr so genau ist, als würde ich behaupten, Menschen würden den ganzen Tag nur Geräusche machen. Dabei hört doch jeder den Unterschied zwischen einer Warnung, einer Beschwerde, einem Lachen oder einem leisen Gespräch. Warum sollte das bei Hunden anders sein?

Der alte Mann hat irgendwann angefangen, sich intensiver mit Hundeverhalten zu beschäftigen. Dabei ist er über Forschungen gestolpert, die zeigen, dass Hunde ihre Stimme je nach Situation verändern. Tonhöhe, Rhythmus und Klang unterscheiden sich. Das hat ihn nicht besonders überrascht. Mich übrigens auch nicht. Mich wundert eher, dass Menschen trotzdem so vieles einfach „Bellen“ nennen. Denn zwischen meinen verschiedenen Stimmen liegen Welten.

Natürlich gibt es das Melden. Das ist die Stimme, für die ein Entlebucher ursprünglich gezüchtet wurde. Sie ist klar, deutlich und soll gehört werden. Da kommt jemand. Da hat sich etwas verändert. Da stimmt etwas nicht.

Diese Stimme fragt nicht nach Aufmerksamkeit – sie verlangt sie.

Ein guter Entlebucher schaut nicht einfach zu. Er übernimmt Verantwortung. Wenn ich so belle, möchte ich nicht reden. Dann soll mein Rudel hinschauen.

Aber das ist nur eine meiner Stimmen.

Wenn nach unserer Runde plötzlich das Zergeln ausfällt, melde ich nichts. Ich erinnere den alten Mann lediglich daran, dass wir einen festen Programmpunkt vergessen haben. Das ist etwas völlig anderes.

Genauso wie das leise Fiepen, wenn er am Abend Käse schneidet und meiner noch nicht den Weg zu mir gefunden hat. Das ist keine Forderung und schon gar kein Protest. Es ist eher eine höfliche Erinnerung, dass ich den Vorgang aufmerksam beobachte und durchaus bemerkt habe, dass da gerade etwas verteilt wird.

Und manchmal genügt sogar ein einziger Laut.

Neulich im Restaurant kläffte zwei Tische weiter ein kleiner Hund ohne Pause alles an, was sich bewegte. Teller. Menschen. Servietten. Wahrscheinlich hätte er auch den Salzstreuer gemeldet, wenn jemand danach gegriffen hätte. Ich habe mir das eine Weile angehört.

Dann kam von mir ein einzelnes tiefes „Wuff“.

Nicht laut. Nicht aggressiv.

Nur einmal.

Der alte Mann sagt immer, das klinge, als käme es direkt aus den Untiefen der Hölle. Ich fand einfach, irgendjemand musste dazu jetzt einmal eine Meinung haben.

All das kennen Hundebesitzer auch von vielen anderen Hunden. Melden, sich beschweren, höflich um etwas bitten oder eine Situation kommentieren – Hunde haben mehr als nur eine Stimme. Wer genau hinhört, merkt das ziemlich schnell.

Aber dann gibt es noch etwas, das der alte Mann vor allem bei Entlebuchern immer wieder erlebt.

Unser Geplapper.

Menschen, die viele Entlebucher kennen, müssen darüber oft schon lächeln, bevor überhaupt etwas passiert. Besonders Trainer oder Ausbilder, die mit vielen verschiedenen Rassen arbeiten. Wenn wir zu einem Seminar kommen und ich aus dem Auto steige, kommt manchmal schon ein grinsendes: „Na, heute wird’s wieder unterhaltsam.“ Oder: „Da ist das Plappermaul.“

Ich habe dann meistens noch gar nichts gesagt.

Sie wissen einfach, was oft als Nächstes kommt.

Sobald ich merke, dass gleich etwas Schönes beginnt, fängt es an. Der alte Mann zieht die Laufschuhe an. Der Trailinggurt kommt aus dem Auto. Endlich hält das Auto am richtigen Wanderparkplatz. Linda erklärt die Übung für den Vormittag. Oder wir stehen einfach da und warten darauf, dass es endlich losgeht. Genau dann scheint meine Vorfreude plötzlich eine Stimme zu bekommen.

Sie klingt ganz anders als ein Melden. Leiser. Oft etwas höher. Manchmal mischt sich ein Fiepen darunter, manchmal klingt sie eher wie ein leises Grummeln. Mal kommen viele kleine Laute hintereinander, mal antworte ich mir scheinbar selbst. Der alte Mann nennt das liebevoll mein Geplapper.

Er mag das.

Nur mit meinem Timing sind wir uns nicht immer einig. Wenn Linda gerade versucht, den Menschen konzentriert die Übung zu erklären, finde ich oft, dass jetzt ebenfalls ein guter Zeitpunkt wäre, meine Vorfreude mitzuteilen. Linda kennt das inzwischen. Sie lächelt dann einfach weiter und redet etwas lauter. Ich mache daraus keinen Wettstreit. Aber wenn ich einmal angefangen habe zu erzählen, höre ich eben nicht so schnell wieder auf.

Warum Entlebucher das so häufig tun, weiß niemand genau. Vielleicht machen andere Rassen etwas Ähnliches. Aber wer viele Entlebucher kennt, begegnet diesem Geplapper immer wieder. Es fällt auf. Nicht weil wir besonders laut wären, sondern weil wir in solchen Momenten offenbar das Bedürfnis haben, unsere Vorfreude hörbar werden zu lassen.

Vielleicht ist genau das der Unterschied. Viele Menschen hören nur Bellen.

Menschen, die lange mit einem Entlebucher leben oder viele von uns erleben, hören irgendwann die verschiedenen Stimmen. Sie hören, wann wir melden, wann wir uns beschweren, wann wir höflich um ein Stück Käse bitten und wann wir einfach erzählen, wie sehr wir uns darauf freuen, gleich gemeinsam etwas zu erleben.

Der alte Mann sagt deshalb schon lange nicht mehr: „Eira bellt.“

Wenn ich wieder einmal vor mich hin plappere, schmunzelt er nur und sagt:

„Eira hat wieder etwas zu erzählen.“

Und ganz ehrlich: Mitteilungsbedarf gehört bei einem Entlebucher einfach zur Grundausstattung.

Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.


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