Der alte Mann hat früher oft gedacht, ich würde einfach nur dastehen und schauen.
Das stimmt sogar. Nur das “einfach” stimmt nicht.
Ein Entlebucher schaut nicht, weil ihm langweilig ist. Er schaut, weil das zu seiner Arbeit gehört. Irgendwo muss schließlich jemand den Überblick behalten.
Wenn wir unterwegs sind, laufe ich natürlich mit dem alten Mann. Aber ich laufe nicht einfach von A nach B. Ich sehe, wer vor uns unterwegs ist. Ich höre, was hinter der Hecke raschelt. Ich rieche, dass heute Nacht ein Reh über den Weg gelaufen ist. Ich merke, wenn auf einem Feld heute etwas anders aussieht als gestern.
Für Menschen ist das oft nur ein Spaziergang.
Für mich ist es eine Bestandsaufnahme.
Ich sammle dabei nicht einfach Eindrücke. Ich ordne sie ein. Ist das etwas, das jeden Tag hier ist? Ist es neu? Bewegt es sich auf uns zu oder von uns weg? Gehört es hierher oder fällt es aus dem Gewohnten heraus? Die meisten dieser Antworten interessieren den alten Mann vermutlich gar nicht. Mich schon.
Manchmal bleibe ich stehen oder lege mich sogar hin. Nicht weil ich müde bin oder nicht weitergehen möchte. Sondern weil ich etwas wahrgenommen habe, das ich erst verstehen möchte. Das kann ein Hund sein, ein Mensch, ein Hase oder auch nur ein Geräusch, das gestern noch nicht da war.
Der alte Mann weiß inzwischen, dass das keine Pause ist. Wenn es passt, setzt er sich einfach dazu. Manchmal schaut er sogar in dieselbe Richtung wie ich. Meist entdeckt er nichts. Trotzdem wartet er geduldig, bis ich alles eingeordnet habe. Dann gehen wir weiter.
Viele glauben, Beobachten sei Nichtstun.
Ich sehe das anders.
Mein Kopf arbeitet auch dann, wenn meine Beine stillstehen.
Vielleicht kommt das daher, dass wir Entlebucher früher nicht nur Vieh treiben mussten, sondern auch auf Hof und Herde aufgepasst haben. Wir sollten wissen, was um uns herum passiert. Wer aufmerksam ist, erkennt Veränderungen früh und kann unterscheiden, was wichtig ist und was nicht.
Genau das mache ich heute noch.
Ich beobachte nicht, weil ich überall Gefahren vermute. Ich beobachte, weil ich gerne weiß, was um mich herum passiert. Wer früh merkt, was sich verändert, muss später oft gar nicht erst hektisch reagieren. Wenn ich verstanden habe, was da vor mir ist, kann ich entscheiden, ob es mich überhaupt betrifft.
Und dann bin ich ruhig. Also ruhig für einen Entlebucher. Das bedeutet, dass ich nicht mehr überall gleichzeitig sein muss. Ich beobachte weiter, bleibe aber gelassen. Nicht jede Bewegung braucht einen Sprint und nicht jedes Geräusch eine Meldung. Erst wenn sich etwas verändert, werde ich wieder dynamisch. Irgendjemand muss schließlich den Überblick behalten.
Und wisst ihr, was dabei herauskommt?
Dass die meisten Dinge mich gar nichts angehen.
Der Jogger läuft vorbei. Der Traktor fährt weiter. Das Reh verschwindet im Wald. Der andere Hund geht seinen Weg. Alles in Ordnung.
Vielleicht sieht es für Menschen so aus, als würde ich dabei nur in die Gegend schauen.
Für mich fühlt es sich anders an.
Ich weiß, was um mich herum passiert. Ich merke, was sich verändert. Ich erkenne, was hierher gehört und was neu ist. Und genau deshalb kann ich die meisten Dinge einfach weiterziehen lassen.
Vielleicht beobachte ich die Welt gar nicht mehr als andere Hunde. Vielleicht schaue ich einfach ein bisschen genauer hin.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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