Menschen haben ein Wort dafür, wenn sie ihre Höhle verlassen, woanders schlafen und nach einigen Tagen wieder zurückkehren. Sie nennen das Urlaub.
Für einen Entlebucher ist das etwas anderes.
Es beginnt mit den Koffern. Manchmal holt der alte Mann Taschen und Koffer aus dem Keller. Dann weiß ich: Es passiert etwas. Frauchen räumt Sachen hinein, der alte Mann trägt Dinge hin und her, Türen werden öfter geöffnet und geschlossen und irgendwie stehen plötzlich überall Taschen herum. Ich weiß nicht, warum Menschen dafür so viele Sachen brauchen. Aber ich weiß inzwischen, was danach kommt.
Wir fahren weg.
Für mich gibt es dabei eigentlich nur zwei wichtige Fragen: Komme ich mit? Und bleibt das Rudel zusammen?
Sobald klar ist, dass ich mitkomme, ist die Sache für mich erledigt. Den Rest erledige ich vor Ort.
Diesmal ist unsere Höhle eine eigene Hütte, ein anderes Mal ein Zimmer in einem großen Haus. Für Menschen ist das eine Unterkunft. Für mich ist es zunächst ein fremder Ort, den ich erst einmal kennenlernen muss. Wenn wir irgendwo neu ankommen, gibt es erst einmal einiges zu prüfen.
Ich muss wissen, wie sie riecht, welche Geräusche zu ihr gehören und was draußen passiert. Also gehe ich durch die Räume, schnuppere an den Ecken, prüfe Türen und Fenster und schaue, was vor der Hütte los ist. Der alte Mann nennt das manchmal Beschnüffeln. Ich nenne es Lageaufnahme.
Eine fremde Hütte wird nicht dadurch vertraut, dass Menschen ihre Koffer hineinstellen.
Meine Decke ist mitgereist. Das finde ich vernünftig. Sie riecht nach Zuhause. Auch ein paar andere Dinge haben ihren vertrauten Platz. Frauchen räumt unsere Sachen aus, der alte Mann findet irgendwo einen Platz für seine Dinge und langsam sieht die Hütte weniger fremd aus.
Nicht alles muss neu sein.
Frauchen ist da. Der alte Mann ist da. Wir gehen spazieren. Danach wird geruht. Ein paar vertraute Dinge und Abläufe sind angenehm, wenn plötzlich so vieles anders riecht.
Ein Hund orientiert sich nicht nur an Wänden und Türen. Gerüche erzählen uns sehr viel mehr. Sie verraten, wer schon hier war, was in der Umgebung passiert und was neu oder vertraut ist. Dazu kommen Geräusche, Wege und Bewegungen. Nach und nach entsteht daraus ein Bild von dem Ort, an dem wir gerade sind.
Und irgendwann ist eine fremde Hütte nicht mehr ganz so fremd.
Dann kenne ich die wichtigen Geräusche, Wege und Gerüche. Ich weiß, wer zu uns gehört und was draußen passiert. Der Entlebucher kann seinen Sicherheitsdienst aufnehmen.
Nicht, weil ständig etwas passieren muss. Aber wenn sich draußen etwas verändert, bekomme ich es mit. Ein Schritt vor der Tür, ein fremder Hund, eine Stimme, die ich noch nicht kenne, oder ein Geräusch, das gestern noch nicht da war.
Ich muss nicht überall hin und nicht jeden begrüßen. Ich melde nur das Wichtige.
Was damit passiert, entscheidet der alte Mann.
Wenn alles in Ordnung ist, kann ich mich wieder hinlegen.
Natürlich gehört zu einem Urlaub Bewegung. Ich bin schließlich ein Entlebucher. Laufen ist gut. Schnüffeln ist besser. Wenn es unterwegs etwas zu entdecken oder zu suchen gibt, bin ich dabei. Dafür braucht es nicht immer eine große Wanderung. Ein interessantes Stück Weg, neue Gerüche und eine kleine Aufgabe können genauso spannend sein.
Danach ist Pause.
Ein neues Revier gibt genug zu verarbeiten. Irgendwann möchte ich einfach irgendwo liegen, von wo aus ich meine Menschen hören kann. Das muss kein besonderer Platz sein. Der kühle Boden neben der Tür reicht völlig.
Denn die wichtigste Sache bleibt unterwegs dieselbe: Ich muss wissen, wo Frauchen und der alte Mann sind. Wenn einer geht und einer bleibt, ist das eine Information. Wenn beide gehen, gehe ich mit, sofern ich darf. Wenn beide bleiben, bleibe ich ebenfalls.
Der Ort darf neu sein. Die Wege dürfen neu sein. Die Gerüche dürfen neu sein. Wenn ein paar Dinge vertraut bleiben, findet man sich zurecht.
Und irgendwann steht mein Wassernapf an seinem Platz, meine Decke liegt auf dem Boden und Frauchen sitzt neben mir.
Draußen ist noch alles fremd.
Hier drinnen ist es schon ziemlich richtig.
Eure Eira.
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