Der alte Mann hat mir irgendwann von Fräulein Rottenmeier erzählt. Sie kommt in der Geschichte von Heidi vor, die in der Schweiz beginnt, und ist dort für die Erziehung des jungen Mädchens zuständig. Der alte Mann meint, sie sei ziemlich streng gewesen. Seitdem weiß ich, wer Fräulein Rottenmeier ist, und manchmal muss ich zugeben, dass ich sie ein bisschen verstehen kann.

Vor allem bei jungen Hunden.

Bei einem kleinen Welpen lasse ich noch einiges durchgehen. Die Kleinen müssen erst herausfinden, wie diese Hundewelt funktioniert. Da kann einer aufgeregt herumhüpfen, an meinem Ohr knabbern oder mir zum dritten Mal hintereinander viel zu dicht vor der Nase herumtanzen. Ich beobachte erst einmal, ob er selbst merkt, wann es genug ist. Ein Welpe darf bei mir viel ausprobieren, aber Narrenfreiheit hat er deshalb noch lange nicht.

Bei einem Junghund ist das etwas anderes. Die sind schon größer, schneller und meistens auch davon überzeugt, dass ihnen die ganze Welt zum Spielen gehört. Da wird gerannt, gesprungen, geschnüffelt und ausprobiert, was bei einem anderen Hund so alles funktioniert. Ich fange mit den kleinen Zeichen an. Ein Blick, ein Abwenden, vielleicht ein Knurren. Werden die überhört, werde ich deutlicher. Dann gibt es keine Frage mehr, ob meine Meinung angekommen ist. Der junge Hund hält inne und überlegt noch einmal, ob seine Idee wirklich so gut war. Wenn er es verstanden hat, ist die Sache für mich erledigt. Ich selbst werde wieder ruhig, er bekommt seinen Abstand – und wenn er danach wieder zu mir kommt und sich benimmt, können wir auch gemeinsam über das Feld rennen.

Manchmal dauert es keine zwei Minuten, bis aus dem kleinen Streit wieder ein wildes Spiel geworden ist. Ich merke dann, wie die Spannung verschwindet, der junge Hund wieder näher kommt und ich selbst auch keinen Grund mehr sehe, noch weiter Fräulein Rottenmeier zu sein. Ich habe etwas gesagt, er hat es verstanden, und damit ist es gut.

Interessanter finde ich, was danach passiert. Wenn der junge Hund vorsichtiger wird, aber trotzdem wieder zu mir kommt, ist das für mich ein gutes Zeichen. Wenn er mich danach wieder zum Spielen auffordert und ich selbst auch wieder Lust darauf habe, kann die Sache nicht allzu schlimm gewesen sein.

Es gibt allerdings auch Situationen, in denen ich mich lieber zurückhalte. Wenn ein anderer erwachsener Hund gerade mit einem jungen Wirbelwind beschäftigt ist, ist das schließlich nicht meine Angelegenheit. Ich schaue mir das an und lasse die beiden ihre Sache klären. Manche erwachsene Hunde gehen einfach weg, andere werden deutlicher. Und wenn mir eine Situation zu heftig wird, bleibe ich lieber auf Abstand. Ich muss schließlich nicht überall Fräulein Rottenmeier spielen.

Bei mir kommt vielleicht noch ein bisschen dazu, dass ich ein Entlebucher bin. Wir wurden dafür gebraucht, aufmerksam zu sein, schnell zu reagieren und auf unserem Hof nicht jede Bewegung einfach unbeachtet zu lassen. Vielleicht liegt mir das genaue Hinschauen und das deutliche Grenzenzeigen deshalb ein bisschen mehr.

Aber daraus mache ich keine Regel. Ich kenne genügend andere Entlis, die das ganz anders sehen. Und das ist auch gut so.

Ich habe jedenfalls meine Methode. Ich sage, was ich zu sagen habe, der junge Hund versteht es – und dann toben wir.

Eure Eira


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