Ein Entlebucher geht nicht einfach spazieren. Er kontrolliert. Er fühlt sich verantwortlich. Für den Weg. Für seine Menschen. Für alles, was sich seit gestern verändert hat.
Während mein alter Mann gemütlich spazieren geht, wandert mein Blick ständig nach links und rechts. Die Nase prüft, wer hier unterwegs war, und die Ohren arbeiten ohnehin die ganze Zeit. Jeder Weg, jede Wiese und jeder Waldrand gehören zu meinem täglichen Lagebericht. Was gleich geblieben ist, wird kurz registriert. Was neu ist, bekommt meine Aufmerksamkeit.
Deshalb reagieren wir Entlebucher oft schnell. Nicht, weil wir ungezogen sind oder ständig aufgeregt wären. Sondern weil das über viele Generationen unsere Aufgabe war. Veränderungen erkennen, Situationen einschätzen und handeln, wenn es nötig ist. Unsere größte Stärke ist unsere Aufmerksamkeit. Gleichzeitig macht sie es uns manchmal schwer, einfach nichts zu tun.
Viele Menschen glauben, Impulskontrolle bedeutet, einen Impuls zu unterdrücken. Für einen Entlebucher bedeutet sie etwas ganz anderes. Ich nehme den Impuls wahr, halte einen Moment inne und entscheide erst dann, ob ich wirklich handeln muss. Impulskontrolle bedeutet für mich nicht, weniger zu sehen. Sie bedeutet, bessere Entscheidungen zu treffen.
Da rennt ein Hase über den Weg. Natürlich sehe ich ihn. Aber ich muss ihm nicht hinterherlaufen.
Ein Hund bellt hinter einem Zaun. Ich habe ihn längst bemerkt. Ich kann weitergehen, ohne zu antworten.
Vor mir liegt ein Stück Wurst auf dem Weg. Meine Nase hat sie längst entdeckt. Trotzdem lohnt es sich, kurz abzuwarten, weil Frauchen entscheidet, ob ich sie fressen darf.
Dieses kurze Innehalten fällt einem Entlebucher nicht einfach in den Schoß. Es widerspricht zunächst unserer Veranlagung. Wir sind darauf ausgelegt, Verantwortung zu übernehmen und selbstständig zu reagieren. Gerade deshalb müssen wir lernen, dass nicht jede Beobachtung automatisch eine Handlung verlangt.
Das gelingt nicht durch Strafen oder ständiges Korrigieren. Es entsteht durch viele kleine Erfahrungen im Alltag.
Der alte Mann bleibt stehen, wenn ich unbedingt sofort irgendwohin möchte. Ich lerne, kurz zu warten, mich wieder auf ihn einzulassen und erst dann gemeinsam weiterzugehen.
Wir setzen uns auf eine Bank und beobachten das Leben. Menschen, Hunde, Fahrräder oder spielende Kinder ziehen vorbei. Ich darf alles ansehen, riechen und hören. Aber ich muss nichts regeln.
Vor einer Tür oder bevor ich aus dem Auto springe, warten wir einen kurzen Moment. Erst wenn wir beide bereit sind, geht es weiter. Diese kleinen Übungen dauern oft nur wenige Sekunden. Trotzdem zeigen sie mir immer wieder, dass wir Entscheidungen gemeinsam treffen.
Eng mit der Impulskontrolle verbunden ist das Akzeptanztraining.
Impulskontrolle beantwortet für mich die Frage: Muss ich jetzt handeln? Akzeptanz beantwortet eine andere Frage: Kann ich diese Situation einfach so stehen lassen? Erst wenn beides zusammenkommt, kann ich aufmerksam bleiben, ohne mich für alles verantwortlich zu fühlen. Akzeptanz bedeutet nämlich nicht, alles über sich ergehen zu lassen. Sie bedeutet, Dinge anzunehmen, die ich nicht verändern muss. So lerne ich zu unterscheiden, was wirklich meine Aufgabe ist – und was ich meinem Menschen überlassen darf.
Ein Fahrrad fährt vorbei. Es darf weiterfahren.
Ein anderer Hund läuft auf der anderen Straßenseite. Ich muss ihn nicht kontrollieren.
Eine Katze sitzt auf einer Mauer. Ich darf sie beobachten, ohne hinterherzugehen.
Mit jeder dieser Situationen lerne ich, dass nicht alles meine Aufgabe ist. Ich darf aufmerksam bleiben, ohne überall eingreifen zu müssen.
Wenn meinem alten Mann jemand bedrohlich zu nahe käme oder wirklich etwas nicht stimmen würde, sähe die Welt natürlich anders aus. Dann wäre Wegschauen keine gute Idee. Der Unterschied ist: Ich muss nicht jede alltägliche Begegnung behandeln, als wäre sie ein Notfall.
Es gibt aber auch Dinge, die ich nicht akzeptieren muss.
Wenn ein fremder Mensch mich ungefragt anfassen möchte und ich das nicht möchte, darf ich Nein sagen. Manchmal reicht es, wenn ich mich abwende oder einen Schritt zurückgehe. Viele Hunde kommunizieren so. Manche Menschen verstehen das. Andere leider nicht. Dann darf mein Nein auch deutlicher werden. Nicht, weil ich unhöflich sein möchte, sondern weil meine leisen Signale übersehen wurden. Am liebsten ist es mir allerdings, wenn mein Mensch sie schon vorher erkennt und die Situation für mich regelt. Dann muss ich meine Grenzen gar nicht erst laut verteidigen.
Mit jeder dieser Erfahrungen wächst mein Vertrauen. Nicht nur in meinen Menschen, sondern auch in mich selbst. Ich muss nicht jede Situation lösen. Ich darf Verantwortung auch einmal abgeben.
Darin liegt für mich der größte Unterschied zwischen Gehorsam und echter Selbstkontrolle.
Ein gehorsamer Hund macht, was man ihm sagt.
Ein Entlebucher mit guter Impulskontrolle versteht, warum er gerade nichts tun muss. Er weiß, dass sein Mensch die Situation übernommen hat und er nicht jede Entscheidung selbst treffen muss.
Nur weil ich etwas wahrnehme, wird es nicht automatisch zu meiner Aufgabe.
Ich werde dadurch kein anderer Hund. Ich sehe noch immer alles. Ich höre noch immer alles. Ich bemerke noch immer jede Veränderung. Ich habe nur gelernt, nicht auf alles reagieren zu müssen.
So werde ich zu einem verlässlichen Partner – aufmerksam, selbstbewusst und voller Arbeitsfreude. Ein Entlebucher, der Verantwortung übernimmt, wenn sie gebraucht wird, und sie genauso vertrauensvoll wieder an seinen Menschen abgeben kann.
Ein guter Tag für einen Entlebucher, sagt euch
Eure Eira
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