Als wir nach einer Woche Mantrailing wieder zu Hause ankamen, verschlief ich mein Abendessen. Ich möchte gleich zu Beginn klarstellen, dass das einem Entlebucher normalerweise nicht passiert. Wir verschlafen vielleicht einmal den Schluss eines Films oder das leise Gerede der Menschen nach dem Essen. Aber das Abendessen selbst? Eigentlich nie. Da wurde mir klar, dass ein Mantrailing-Bootcamp deutlich anstrengender ist, als viele Menschen glauben.
Als wir am ersten Morgen in der Ersatzhöhle aufwachten, war ich überzeugt, dass wir einfach möglichst viele Menschen suchen würden. Mein Trailgeschirr lag schließlich griffbereit und nicht irgendwo tief in einer Tasche. Menschen verraten ihre Pläne oft, ohne ein Wort zu sagen. Man muss nur genau hinschauen. Heute weiß ich, dass das Finden der Versteckperson nur der Abschluss einer Aufgabe ist. Das Eigentliche passiert schon viel früher.
Jeder Trail beginnt mit einem Geruch. Den bekomme ich gezeigt und brauche dafür kaum mehr als einen Atemzug. Während ich längst weiß, wonach ich suchen muss, sortieren die Menschen noch Geschirr, Leine und ihre Gedanken. Das war am ersten Tag besonders schön zu beobachten. Frauchen war gleichzeitig damit beschäftigt, mich anzuleinen, die Leine richtig in die Hand zu nehmen und sich an alles zu erinnern, was Linda kurz zuvor erklärt hatte. Ein paar Tage später sah das schon ganz anders aus. Ruhiger. Selbstverständlicher. Genau deshalb ist ein Bootcamp nicht nur Hundetraining. Die Menschen lernen mindestens genauso viel wie wir.
Danach beginnt der Abgang. Viele halten die ersten Meter für den einfachsten Teil eines Trails. Ich sehe das anders. Dort entscheidet sich oft, ob Hund und Mensch als Team starten oder ob jeder erst einmal sein eigenes Ding macht. Je ruhiger wir losgehen, desto leichter fällt es mir, mich ganz auf den Geruch zu konzentrieren.
Menschen schauen beim Trailen gern auf Wege. Das verstehe ich bis heute nicht. Der Geruch liegt nämlich nicht ordentlich auf dem Boden und wartet darauf, dass man ihm folgt. Der Wind trägt ihn über Kreuzungen, Häuser halten ihn fest, Mauern lenken ihn um und manchmal findet man ihn dort, wo nach menschlicher Logik überhaupt niemand gelaufen sein kann. Deshalb hatte Linda für mich auch einen Trail mit mehreren Richtungswechseln vorbereitet. Für die Menschen sah das wahrscheinlich so aus, als würde ich Umwege laufen. Für meine Nase war das einfach der richtige Weg. Eine Nase arbeitet nicht nach Landkarten, sondern nach Gerüchen.
Im Laufe der Woche wurden die Aufgaben immer anspruchsvoller. Da stand eine Baustelle mitten auf meinem Weg, überall liefen Menschen herum und einmal saßen sogar mehrere Personen dicht beieinander. Ich sollte trotzdem die eine finden, deren Geruch ich am Anfang aufgenommen hatte. Das ist der Sinn solcher Übungen. Wer einfach der frischesten Spur hinterherläuft, hat das Trailen noch nicht verstanden. Ein Trailer muss lernen, alle anderen Gerüche auszublenden und dem einen zu vertrauen, der wirklich wichtig ist.
Manchmal machen es einem allerdings auch die Versteckpersonen nicht gerade leicht. Eine sprang nach meiner Anzeige plötzlich auf und lief davon. Ich war ehrlich gesagt etwas irritiert. Nach meinem Verständnis bleibt eine ordentlich ausgebildete Versteckperson sitzen, wartet, bis ich sauber vorgesessen habe, und bezahlt anschließend ihre Rechnung in Käse. Zum Glück verliefen alle weiteren Begegnungen deutlich geordneter. Offenbar müssen Versteckpersonen genauso üben wie wir. Das beruhigte mich.
Besonders nachdenklich wurde ich an dem Tag, als Frauchen mit verbundenen Augen vor mir stand. Zuerst hielt ich das für eine dieser Ideen, auf die wirklich nur Menschen kommen können. Sie verlassen sich ohnehin fast nur auf ihre Augen und verzichten dann freiwillig auch noch darauf. Erst unterwegs verstand ich, worum es ging. Frauchen sollte lernen, mir vollständig zu vertrauen. Ich wiederum musste lernen, mein Tempo an ihres anzupassen. Natürlich hätte ich schneller arbeiten können. Aber was hätte das genutzt? Ein guter Trailer bringt nicht nur sich selbst ans Ziel. Er sorgt dafür, dass sein Mensch sicher mitkommt.
Später arbeitete ich am selben Tag noch einmal mit dem alten Mann. Da durfte ich wieder etwas flotter unterwegs sein. Linda erinnerte uns trotzdem daran, dass beim Trailen gegangen und nicht gelaufen wird. Damals dachte ich noch, sie wolle uns einfach bremsen. Heute glaube ich, dass sie uns etwas viel Wichtigeres beibringen wollte. Wer rennt, hört irgendwann auf zuzuhören. Eine Nase braucht keine Eile. Sie braucht Zeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Eine Übung blieb mir besonders im Gedächtnis. Ich sollte mir einen Trail mit einem anderen Hund teilen. Das war zunächst ungewohnt. Entlebucher übernehmen ihre Aufgaben schließlich gern selbst. Also beobachtete ich erst einmal, wie mein Kollege arbeitete. Er traf manche Entscheidungen anders als ich, kontrollierte einige Stellen länger und ließ sich für Dinge Zeit, über die ich vermutlich schon hinweg gewesen wäre. Trotzdem kamen wir beide zuverlässig ans Ziel. Da wurde mir klar, dass gute Trailarbeit nicht bedeutet, dass alle Hunde gleich arbeiten. Sie bedeutet, dass jeder seiner eigenen Nase vertraut.
Mindestens genauso wichtig war allerdings das Warten zwischen den Trails. Anfangs fand ich das etwas überflüssig. Später merkte ich, dass ich dabei genauso viel lernte wie während meiner eigenen Einsätze. Ich beobachtete die anderen Teams, sah unterschiedliche Arbeitsweisen und bemerkte, wie die Menschen mit jedem Trail ruhiger wurden. Die Leinen wurden lockerer, die Bewegungen sicherer und das Vertrauen größer. Wahrscheinlich ist genau das der eigentliche Sinn eines Bootcamps. Nicht möglichst viele Versteckpersonen zu finden, sondern als Team mit jeder Aufgabe ein kleines bisschen besser zu werden.
Zu Hause zeigte der Himmel dann noch einmal, was er von unserer Rückkehr hielt. Es blitzte, donnerte und sogar Hagel fiel vom Himmel. Normalerweise hätte ich selbstverständlich alles beobachtet. Stattdessen rollte ich mich einfach zusammen und schlief ein.
Als ich wieder aufwachte, war mein Abendessen längst vorbei.
Mein Dank geht an Linda und an alle Menschen und Hunde, mit denen ich diese Woche arbeiten durfte. Jeder einzelne Trail hat uns als Team ein Stück weitergebracht.
Eine richtig gute Woche für einen Entlebucher, sagt euch eure Eira.
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